Sabine Thabe: Raum(de)konstruktionen. Reflexionen zu einer Philosophie des Raumes. Opladen 2002. 337 S.

Sabine Thabes Arbeit über "Raum-(de)konstruktionen" folgt einem hohen Anspruch: sie möchte sich vom wissenschaftlichen Mainstream abgrenzen, erklärt ihm ihren Ungehorsam, möchte im romantischen und im wissenschaftlichen Sinne rebellieren (S. 13) und "Reflexionen zu einer Philosophie des Raumes" liefern. So lautet der Untertitel des Buches. Es beginnt mit einem Kapitel über "Mythen als kollektive Träume von Räumen". Es folgen "Mythen als individuelle Symbolsysteme". Dieses Kapitel enthält unter Gliederungspunkt 2.2 auf den Seiten 126 bis 150 den Schlüsselansatz für das ganze Buch: In den "Methodologien des Selbst" wird mit Raum als Ich-Umgebung der Reflexionsbegriff erläutert. Diese Ich-Umgebung wird psychoanalytisch, literarisch und biographisch unter der Leitlinie "Raumerzählungen in der Stadt- und Raumliteratur" (Kap. 3.1) und schließlich als "Raumerzählungen in der Stadt- und Regionalsoziologie" (Kap. 3.2) durchdekliniert.

Mit den Akzenten auf Mythen und "Erzählungen" präferiert die Autorin literarische oder literaturwissenschaftliche Instrumente gegenüber wissenschaftstheoretischen oder philosophischen. Damit wird die Frage nach dem Unterhaltungswert von Raum an sich und dem Schreiben darüber zumindest implizit positiv beantwortet. In der teilweise originellen Anwendung auf die Stadt- und Regionalsoziologie wird allerdings das Genre der Erzählungenkritik nicht voll durchgehalten, da ziemlich schnell auf Begriffs- und Symboldiskussion übergangen wird.
Das abschließende vierte Kapitel "Wissenschaft mit Skalpell" fällt mit 10 Seiten (S. 299-310) kurz und schmerzhaft aus, denn hier wird auf chirurgische Metaphern umgeschaltet. "Mein Vorschlag für eine Wissenschaft mit Skalpell umfaßt ein operativ-schneidendes, analytisch-sezierendes Denken, das seinem Gegenstand "Raum" als einen Text-Körper entgegentritt. Das zu sezierende Objekt - "Raum als Leiche" - wird in diesem Kontext als Demarkationslinie zwischen erstens Physis und zweitens Bedeutung interpretiert, d. h. das die vorzunehmenden Schnitte und Öffnungen am Text Aussagen über das Verhältnis von substantialen zu relationalen Text-Ordnungen implizieren." (S. 299, Interpunktion von S. T.) Die daran angeschlossenen "Raum-Therapien" (S. 300) bleiben mit dem schon bekannten Dreiklang "Mythos, Symbol und Wissen" und dem etwas originelleren ästhetischen Dreiklang "Phantastik, Erotik und Komik" erfreulich unblutig.
Abschnitt 4.3.1 handelt "vom Denken derer, die den Unsinn "Raum" überlebt haben" (S. 309). Sind das die Adressaten von S. Thabes Buch? Beschreibt das deren (erwünschten?) Zustand vor oder nach der Lektüre des Buches? Oder ist auch dies wiederum "nur" Selbstdiagnose der Autorin? Fragen solcher Art bleiben unbeantwortet, denn der Text zu diesem interessanten Thema nimmt gerade zwei Drittel der zweitletzten Textseite ein. Dem breit ausladenden Beginn des Buches steht somit ein rasanter, etwas zu kurzer Schluß gegenüber. Man erfährt also nicht, ob die Kategorie  "Raum" außer einem Spielball für das Ego noch etwas anderes sein soll.
Das Ego reflektiert, wie die Kategorie "Raum" ins eigene Leben tritt. Unter diesem Aspekt wird verständlich, dass das Buch weder aus Raumkonstruktionen noch aus Dekonstruktionen, sondern vor allem aus Rezensionen besteht. Nach welchen Kriterien ausgewählt wurde, lag dem Ego anheim. Das Ego der Autorin bestimmt auch, wie nahe Raum ein anderes Ego zu berühren hat:
"... Eliades Ausführungen über den heiligen Raum und die Sakralisierung der Welt ... spiegeln ein mythisches Denken wie es auch von Kurt Hübner (1985) expliziert wurde, der am Beispiel des Tèmenos einen heiligen Ort analysiert. Von einer solchen Heiligkeit inspiriert habilitierte Gabriele Sturm mit "Wege zum Raum" (1997). Solche Wege schildern, wie Heinz Kohut diagnostizieren würde, hochneutralisierte narzisstische Energien und eine komplexe Objektlibido ... In einer hysterischen Variante wurden diese Wege schon bei der Raum-Mystikerin Hildegard von Bingen als Scivias (Wisse die Wege) beschrieben ... Im Verhältnis zu Raum inszenieren sich Räumler protestantisch-(f)rigide ... Dennoch (und deshalb) reflektieren die Verweise auf Schoßräume oder diverse andere kosmologische Erotologien ein Defizit an exhibitionistischer Libido (Kohut) in soziologischen Raum-Theorien, welches mit Hilfe metaphysischer Sexualspekulationen kompensiert werden soll." (S. 290-291; Interpunktion vereinfacht, H. K.)
Mit der Sexualisierung von Sprache, Motiven, einiger anderer Ideen und weitläufigen Anleihen aus der postmodernen Egotrip-Literatur befindet sich S. Thabe keineswegs abseits des Mainstreams - wie noch auf S. 13 angestrebt, sondern mittendrin. Das zeigen Geomantie-Diskussionen in wissenschaftlichen Zeitschriften ebenso wie die wiederholte Reanimation von Mythen oder das spezifische Interesse an kleinen, aber feinen Randgruppen (hier: Stadt- und Regionalsoziologen). Dabei wäre durchaus ein anderer Schluß möglich gewesen, zumal Analysen, die sich mit der Entwicklung von Raumabstraktionen im Kommunikationsmedium "Kunst, Literatur, Film" befassen, relativ dünn gesät sind. Natürlich kann man die Ästhetik der Umgebungsaufarbeitung eines Paul Nizon mit der eines Dieter Läpple parallelisieren, aber wäre der Vergleich mit Andrej Tarkovskij oder Stanley Kubrick nicht ergiebiger ausgefallen? Hätte das Wälzen von Documenta-Katalogen in Hinblick auf Abstraktionsvarianzen personalisierter Umgebungen nicht mehr erbracht? Ist es nicht gerade ihre Künstlichkeit, die einer Raumabstraktion unter der Vielzahl möglicher Abstraktionen erhöhte Aufmerksamkeit bescheren kann? Um wessen Aufmerksamkeit geht es dabei? Über welche Art von Kommunikation wird eine Brücke zwischen Künstler/Dichter und Adressaten hergestellt, welche gemeinsamen Systemumgebungen erfordert dies? Sollte man jenes sozial und sprachlich determinierte "Umgebung von ..." genauso wie die standardisierte Umgebung eines Unternehmens oder einer Administration als "Raum" bezeichnen? Die Künstlichkeit eines solchen Raumes läge dann nicht in seiner Mythenhaftigkeit, sondern schlicht in der Nichtoder Nochnicht-Standardisierung seiner innovativen, originellen Abstraktion für bestimmte Adressaten. Implizit geht es darum in S. Thabes Arbeit auch - wenn man an den etwas flach und psychologisch bisweilen zu einfach gestrickten Verknüpfungen zur Stadt- und Regionalsoziologie vorbeiliest. Aber leider wird jenes Interesse an der Art und Weise von künstlerischer und personell besonderer Umgebungsabstraktion in diesem Buch nicht zu Ende geführt. Die Frage nach der Destruktion oder Konstruktion der Umgebung als Raum und dem kommunikativen Wert solcher Operationen steht somit nach wie vor zur Diskussion.
Autor: Helmut Klüter

Quelle: geographische revue, 5. Jahrgang, 2003, Heft 2, S. 83-85

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