Harald Bathelt und Johannes Glückler: Wirtschaftsgeographie. Ökonomische Beziehungen in räumlicher Perspektive. Stuttgart 2002. 319 S.

Mit ihrem Buch "Wirtschaftsgeographie. Ökonomische Beziehungen in räumlicher Perspektive" ist HARALD BATHELT und JOHANNES GLÜCKLER gleich in zweifacher Hinsicht ein großer Wurf gelungen: Sie haben nicht nur ein hochmodernes, didaktisch hervorragendes Lehrbuch vorgelegt, sondern darüber hinaus mit dem Buch einen innovativen Beitrag zu den aktuellen theoretischen internationalen Diskursen in der Wirtschaftsgeographie geleistet. Für die erste Beurteilung dieses Buches, das mittlerweile 2003 schon als zweite Auflage erschienen ist, sprechen die klar strukturierte Gliederung des Buches, die zahllosen anschaulichen empirischen Beispiele zu den theoretischen Ausführungen und die vollständige sowie in verständlicher Sprache aufbereitete Behandlung der wichtigsten theoretischen Konzepte der letzten fünfzig Jahre aus der deutsch- und englischsprachigen Literatur. Für die zweite Beurteilung spricht eindeutig die Beschreibung einer fälligen sogenannten "zweiten Transition" von der Raumwirtschaftslehre hin zu einer "relationalen Wirtschaftsgeographie". Aufbauend auf dem Konzept der holy trinity von Michael Storper und anlehnend an die neuen Konzepte der neunziger und Ende der achtziger Jahre (die von den Autoren "new economic geography" genannt werden) sehen sie diese relationale Wirtschaftsgeographie als einen "Versuch einer gemeinsamen perspektivischen Fundierung und Integration" (BATHELT u. GLÜCKLER 2003, 67). Die Grundperspektive ist "weder frei erfunden noch gänzlich neu". Sie beziehen sich dabei vielmehr auf "eine breite Stimmung über einen Wandel in der Wirtschaftsgeographie" (BATHELT u. GLÜCKLER 2003, 68). Im Vergleich zur Raumwirtschaftslehre liegen die wichtigsten Unterschiede dieses neuen Paradigmas im Raumkonzept (Raum nicht mehr als Objekt und Kausalfaktor, sondern als Perspektive), im Forschungsgegenstand (statt Struktur, Praxis und Prozess), im Handlungskonzept (statt atomistisch (homo oeconomicus) relational), in der wissenschaftlichen Grundperspektive (statt Neo-Positivismus und dem Regularitätsprinzip, kritischer Realismus und Prinzip der Kontingenz) und im Forschungsziel (Raumgesetze ökonomischen Verhaltens vs. Prinzipien sozio-ökonomischen Austausches in räumlicher Perspektive). Die relationale Grundperspektive dieses Ansatzes wird durch die Begriffe Kontextualität, Pfadabhängigkeit und Kontingenz gebildet. Auf dieser Grundperspektive basieren wiederum die folgenden vier Grundkonzepte oder "Ionen" der Wirtschaftsgeographie: Organisation, Interaktion, Innovation und Evolution. Anhand der vier "Ionen" ist der dritte und innovativste Teil des Buches, in dem die relationale Wirtschaftsgeographie vorgestellt wird, strukturiert. Das Buch wird durch die Darstellung dieser neuen Grundperspektive viele Diskussionen auslösen, worauf einige kritische Rezensionen schon hindeuten (SCHEUPLEIN 2003; KUBARTZ 2002; ZELLER u. MESSERLI 2003).
Obwohl es in der deutschsprachigen Wirtschaftsgeographie noch kein Buch gibt, das die konzeptionelle Evolution von den traditionellen, vornehmlich deutschstämmigen Theoriekonzepten bis hin zu den modernsten internationalen Diskursen so vollständig und innovativ behandelt und aufbereitet hat, muss auf einige Kritikpunkte hingewiesen werden.
Erstens ist die von ZELLER u. MESSERLI (2003) als willkürlich kritisierte Wahl der "Ionen" meiner Meinung nach viel weniger problematisch (sie ist in BATHELT u. GLÜCKLER (2003) nachträglich ausführlich begründet worden) als die Einteilung der behandelten Konzepte. So ist es fraglich, ob Porters Clusterkonzept bei der Behandlung von Standortfragen auf der Mikroebene in Kapitel 5 gut aufgehoben ist. Außerdem, ist es möglich, die vorhandenen Konzepte eindeutig und vollständig einzelnen "Ionen" zuzuordnen? Warum wird z.B. das innovative Milieu unter dem Schlagwort Organisation und nicht unter Innovation und Interaktion behandelt? Im Zusammenhang damit wird noch zu wenig auf die Unterschiede und Überlappungen der Konzepte eingegangen, wie auch KUBARTZ (2002) kritisiert hat. Gerade in einem Lehrbuch sollte deutlicher vermittelt werden, wie die Konzepte entstanden sind und wie sie sich von einander unterscheiden. Die Schwierigkeiten bei der Einordnung und der Aufzeichnung der Unterschiede der Konzepte mögen darin begründet sein, dass die "Ionen" eng miteinander in Zusammenhang stehen (Organisationen sind Ausgangspunkt von Handeln und Interaktion, wodurch Innovationen entstehen, wodurch wiederum eine Evolution in Gang gesetzt wird (BATHELT u. GLÜCKLER 2003, 70)). Um die Unterschiede und Bezüge der Konzepte klarer darzustellen, könnte der jüngst entwickelte Stammbaum der Familie der Territorial Innovation Models herangezogen werden (MOULAERT a. SEKIA 2003; LAGENDIJK 2003).
Zweitens gelingt es nicht überzeugend, die "Ionen" zur Analyse und Erklärung der Empirie einzusetzen. Im abschließenden Kapitel 9 über Globalisierung, das eigentlich dazu dienen sollte, die "Ionen" exemplarisch an einer konkreten Problematik anzuwenden, wird nämlich deutlich, dass der Wert der relationalen Wirtschaftsgeographie nicht darin liegt, Phänomene umfassend zu erklären. Die "Ionen" werden in dem Kapitel nämlich sehr sparsam und unsystematisch verwendet und sind, wenn überhaupt, nur zwischen den Zeilen zu finden. Das Kapitel zeigt, dass die "Ionen" zwar eine nützliche Funktion haben, die neue Grundperspektive aufzuzeichnen, dass sie als Gesamtpaket aber gleichzeitig darüber hinaus zur Untersuchung konkreter Phänomene beschränkt einsetzbar sind.
Drittens wird relativ sparsam auf das für ein Lehrbuch wichtige Thema der Regionalpolitik und der regionalen Wirtschaftsförderung eingegangen. So fehlt eine Ausarbeitung der regionalpolitischen Konsequenzen der zweiten Transition. Es wird zwar an einigen Stellen auf regionalpolitische Fragen eingegangen (z.B. wird die Gemeinschaftsaufgabe auf S. 76 beschrieben), aber es wird nicht deutlich welche Bedeutung die Transition für eine moderne zeitgemäße Regionalpolitik hat.
Viertens ist es schade, dass das Lehrbuch bei den empirischen Beispielen eine starke Orientierung auf Westeuropa und Nordamerika hat, während die weltweit am dynamischsten Großregion, Ostasien, wie typisch ist für viele westliche Lehrbücher, ausgeblendet bleibt (YEUNG a. LIN 2003).
Zukunftsaufgabe der Wirtschaftsgeographie wird es sein, die an vielen Stellen im Buch wiederholte Bedeutung des sozialen und ökonomischen Kontextes, der Institutionen, Konventionen, Normen und Werte näher herauszuarbeiten und mit empirischer Arbeit zu füllen. Nach der Lektüre dieses Buches empfindet man diesen Kontext ein wenig als Black Box. Die in dem Buch nicht behandelten National Business Systems könnten dabei einen Dienst erweisen. Außerdem wird es notwendig sein, um vom spezifischen Kontext abhängige (kontingente) pfadabhängige Ergebnisse zu "dekontextualisieren". Nur so kann eine durch die Betonung der Kontingenz drohende Rückkehr zur Ideographie (der Länderkunde) vermieden werden. Insgesamt zeigen diese Kommentare und Fragen, die durch die Lektüre des Buches aufkommen, wie anregend und richtungsweisend das Buch ist.
Literatur
ATHELT, H. u. GLÜCKLER, J. (2003): Plädoyer für eine relationale Wirtschaftsgeographie. In: Geographische Revue 5 (2), 66-71.
KUBARTZ, B. (2002): Book Review. In: Tijdschrift voor Economische en Sociale Geografie 93, 581-583.
LAGENDIJK, A. (2003): Towards a Conceptual Quality in Regional Studies: The Need for Subtle Critique - A Response to Markusen. In: Regional Studies 37, 719-727.
MOULAERT, F. a. SEKIA, F. (2003): Territorial innovation
models: a critical survey. In: Regional Studies 37, 289-302.
SCHEUPLEIN, C. (2003): Der Paradigmenwechsel als große Erzählung. In: Geographische Revue 5 (2), 59-66.
YEUNG, H. W-C. a. LIN, G. C. S. (2003): Theorizing Economic Geographies of Asia. In: Economic Geography 79, 107-128.
ZELLER, C. u. MESSERLI, P. (2003): Transition zur relationalen Wirtschaftsgeographie? In: Geographische Zeitschrift (im Erscheinen).
Autor: Robert Hassink

Quelle: Erdkunde, 58. Jahrgang, 2004, Heft 1

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