Sönke Widderich: Die sozialen Auswirkungen des kubanischen Transformationsprozesses. Kiel 2002 (Kieler Geographische Schriften, Band 106).

Zu Recht betont der Autor einleitend, dass "in den letzten Jahren eine wahre Flut von Publikationen zum kubanischen Transformationsprozess erschienen" ist, wobei die "Frage nach den sozialen Konsequenzen ... bisher kaum gestellt oder nur sehr allgemein behandelt" (?) wurde (13 f.). Der Verf. hat sich mit seiner Diss. das Ziel gesetzt, diesen "weißen Fleck" auszufüllen. Methodisch geschieht das auf zwei Wegen: einerseits über die fast erschöpfende Auswertung auch von kaum zugänglicher (kubanischer) Literatur, Statistiken und anderen Quellen, andererseits durch Befragungen in ausgewählten Stadtvierteln zur Wohnsituation, über Arbeit, Einkommen, Ausgaben und zur Grundversorgung sowie durch Leitfadengespräche mit Schlüsselpersonen in verschiedenen Bereichen. Die Schwierigkeiten bei derartigen Befragungen in Kuba (Angst vor staatlicher Bespitzelung, ungenaue Angaben) sind dem Rezensenten gerade in diesem Zusammenhang gut bekannt, so dass sicherlich im Detail Vorbehalte anzumelden sind, die Aussagen aber - trotz der fehlenden statistischen Repräsentativität - generell zutreffen. Das gilt auch für die Hypothese (nicht: "Grundhypothesen"; Kap. 2.2), die keine ist, sondern von längst bekannten Tatsachen ausgeht, vor allem von der Zunahme der sozialen Ungleichheit mit Beginn des Transformationsprozesses.
Als Ergebnis bleibt festzuhalten: Die sehr engagierte Untersuchung liefert eindeutige, in dieser thematischen Fokussierung bisher vermisste Belege über die sozioökonomischen Konsequenzen der "halbierten Transformation" (9) für die kubanische Bevölkerung: Mit der von Fidel Castro am 26.07.1993 verkündeten Legalisierung des Devisenbesitzes setzte die Spaltung der kubanischen Gesellschaft in einen kapitalistischen mit und einen sozialistischen Teil ohne Devisenzugang ein. Dies dürfte wohl kaum rückgängig zu machen sein und bedeutet eigentlich das Ende des kubanischen Sozialismus.
Autor: Günter Mertins

Quelle: Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie Jg. 48 (2004) Heft 2, S. 139

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