Claus Leggewie: Die Globalisierung und ihre Gegner. München 2003. 205 S.

Der Politikwissenschaftler CLAUS LEGGEWIE, der frappierend viel auf sehr verschiedenen Themenfeldern publiziert, ist bekennender Skeptiker der Globalisierung und deshalb gefragt als offizieller Beobachter, Berater, Mentor und Beiratsmitglied aktivistischer Nichtregierungsorganisationen (NRO). Nun legt er einen anregenden Insider-Beitrag zur Globalisierungsdebatte vor. Der ist erkennbar persönlich getönt, bleibt aber dennoch stets distanziert. Er trägt zur konzeptionellen Klärung bei und ist zugleich politisch scharf konturiert.

LEGGEWIE selbst versteht den Text als "soziologische Zeitdiagnose", die zur "politischen Bildung" des "allgemein interessierte(n) Publikum(s)" beitragen soll. Diesem Ziel dient eine durchweg sehr verständliche, schwungvolle Sprache ohne viel name dropping und Begriffselitismus. Das Literaturverzeichnis führt über 300 Titel auf (von denen im Text nur etwa 120 direkt angesprochen werden). Es ist weder thematisch gegliedert noch werden die Titel kommentiert. Für die Zielgruppe des Buches ist es damit wenig hilfreich.
Aber das beeinträchtigt nicht den großen Nutzen, den der preiswerte Band bei Studierenden der Geographie, etwa im zweiten Studienjahr, stiften kann, ebenso wenig wie die
folgenden fachlichen und wissenschaftssoziologischen Einwände. Der Band ist nachdrücklich zu empfehlen. Er bietet eine höchst aktuelle, problemorientierte, politisierende Einführung in viele hoch dynamische, macht- und interessensgesteuerte Prozesse, die ansonsten im Begriffsnebel, der sich in Alltag und Wissenschaft um das Zeichen "Globalisierung" herum ausbreitet, nur allzu leicht unsichtbar bleiben.
Das erste Kapitel (S. 15-50) beginnt mit einer ausführlichen Explikation des "Plastikwortes" (S. 17) Globalisierung. Um es für wissenschaftliche Analysen griffig zu machen, zerlegt LEGGEWIE es in drei Teilkonzepte: Entgrenzung, Glokalisierung und (kulturelle) Hybridität (vielleicht wäre Hybridisierung passender, um nochmals das Prozesshafte der Gesamtdynamik zu unterstreichen). Die beiden ersten dieser Begriffe sind genuin räumlicher - und damit (fach-)geographischer - Natur. Das Konzept Entgrenzung expliziert LEGGEWIE ausführlich (S. 18-33), ökonomische Sachverhalte stark betonend. Dabei widerlegt er nochmals die These vom Verschwinden der Nationalstaaten als einflussreiche Akteure der Weltgesellschaft. Die anschließende knappe Erläuterung der Glokalisierung (S. 46-50) wird dem aktuellen Forschungsstand nur teilweise gerecht: Anders als ROBERT ROBERTSON (1992) in dem als locus classicus geltenden Aufsatz "Glokalisierung: Homogenität und Heterogenität in Raum und Zeit", stellt LEGGEWIE fast ausschließlich die "regiozentrische Internationalisierung der Weltwirtschaft" (S. 49) heraus. ROBERTSONs Beobachtungen und Thesen zum kulturellen Pluralismus und zu aufkeimenden "Ideologien der Heimat" geraten aus dem Blickfeld. Würde sich jeder Forscher, wie hier LEGGEWIE, seinen eigenen Begriff von einem Wortzeichen schaffen, dann verkäme dieses schnell zu einem weiteren, für wissenschaftliche Zwecke kaum brauchbaren Plastikwort.
Im zweiten Kapitel erläutert LEGGEWIE seine Klassifikation der Globalisierungsgegner (ein Begriff, den er gegen "Globalisierungskritiker" verteidigt) in fünf Gruppen mit je spezifischen Aktionsformen, Motivationen und gesellschaftlich-intellektuellen Hintergründen. Ganz in seinem Element scheint LEGGEWIE zu sein, wenn er als Teil dieses Überblicks die Werke jener akademischen und journalistischen Leitfiguren kommentiert, bei denen sich die Anti-Globalisierer argumentativ und ideologisch aus- und aufrüsten. LEGGEWIE fällt hier prononcierte Urteile, wenn er zuerst Vertreter der Insider-Kritik (JOHN K. GALBRAITH, JOSEPH STIGLITZ, GEORGE SOROS, PAUL KRUGMAN) und dann der "linksintellektuellen Renaissance" abhandelt. Zur letzteren zählt er PIERRE BOURDIEU ("Medienstar der ‚sozialen Linken'" (S. 67), ANTONIO ("TONI") NEGRI / MICHAEL HARDT ("Kultbuch", "akademischer Obskurantismus", S. 78), NAOMI KLEIN ("jugendlicher Idealismus mit journalistischer Recherchetechnik kombiniert", S. 75), NOAM CHOMSKY ("eine Variante des ‚Einheitsdenkens'", S. 72), JEAN ZIEGLER. Das Ergebnis dieses Parforceritts durch die intellektuelle Basisebene vieler Globalisierungsgegner ist informativ, leicht lesbar und bietet viele Anregungen für vertiefende Eigenstudien.
Bei aller beachtlichen Fülle und Breite der wissenschaftlichen und politischen Erfahrungsbasis fällt einmal mehr auf, dass geographische und andere raumwissenschaftliche Beiträge zur Globalisierung nicht berücksichtigt werden, nicht einmal als Hintergrundquellen. Es fehlen innovative Forscher mit hoher internationaler Reputation (NEIL BRENNER, MIKE DAVIS, DAVID HARVEY, SASKIA SASSEN) ebenso wie sorgfältige deutschsprachige Beiträge (HARALD BATHELT, MARTIN COY, HERMANN KREUTZMANN, DETLEV MÜLLER-MAHN, MARTINA NEUBURGER, LUDGER PRIES, THEO RAUCH, FRED SCHOLZ). Dass außerdem auch das umfangreiche Werk des Soziologen HELMUT WILLKE nicht erwähnt wird, sei mit noch größerer Verwunderung angemerkt. Solche Lücken sind umso erstaunlicher, weil auch LEGGEWIE das übliche Lippenbekenntnis zu der Notwendigkeit abliefert, die Globalisierung lasse sich nur "quer durch die Disziplinen" (S. 13) erforschen. Wann endlich versteht sich die scientific community darauf, die anhaltende Diskrepanz zwischen Ideal (Wollen?) und Wirklichkeit (Können?) selbstkritisch zu artikulieren?
Wenn hier das Fehlen aller Forschungserträge des Faches Geographie besonders beklagt wird, dann nicht nur aus fachpolitischem Interesse. Sie sind vielmehr inhaltlich relevant, weil sie alle möglichen Spielarten von Ent- und Ausgrenzungen sowie von Glokalisierungen konkret dokumentieren. Und sie belegen dies vielfach mit Studien über den Lebensalltag - und nicht allein über internationale Großkonferenzen, Hörsäle und Bücher.
Diese neuerliche, vollständige Exklusion des Faches Geographie aus einer Debatte, die in unserer Gesellschaftlich aufmerksam verfolgt wird, muss Anlass sein, weiterhin gründlich über die Ursachen nachzudenken. Es gibt zudem keine Anzeichen dafür, dass die sich überlegen dünkenden humanwissenschaftlichen Fächer gegenüber der Geographie eine Holschuld verspürten. Aber die Geographie darf sich deshalb nicht in den Schmollwinkel zurückziehen, sondern sie muss selbstbewusst ihrer Bringschuld genügen, wo immer sie kann - das heißt heutzutage mehr denn je: nicht nur in
akademischen Arenen.    
Autor: Heiner Dürr

Quelle: Erdkunde, 58. Jahrgang, 2004, Heft 4, 364-365

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