Jahrbuch StadtRegion 2002. Schwerpunkt: Die sichere Stadt. Hg. von Norbert Gestring, Herbert Glasauer, Christine Hannemann, Werner Petrowsky, Jörg Pohlan. Opladen 2003. 221 S.

Die Themen "öffentliche Sicherheit" und "Kriminalitätsbekämpfung" stehen seit mehreren Jahren auf der Liste gesellschaftlicher Themen, die auch im Wahlkampf der politischen Profilierung von Parteien dienen. Die Angst vor Kriminalität und Übergriffen im öffentlichen Raum scheint zuzunehmen: nicht nur in der deutschen Gesellschaft werden Kontroll- und Überwachungstechniken ausgebaut, verdachtsunabhängige Polizeikontrollen an bestimmten Orten verstärkt, während sich reiche Bevölkerungsgruppen in bewachte Siedlungen, Gated Communities, zurückziehen. Unsicherheit und Kriminalität sind in der öffentlichen Wahrnehmung vor allem ein großstädtisches Thema, das den Staat und die kommunalen Verwaltungen vor neue Herausforderungen stellt. Dies stellt einen Ansatzpunkt dar, dem sich die Stadtforschung widmen kann und sollte. Darüber hinaus ergeben sich bei genauerer Betrachtung eine große Zahl von Fragen, die den Ursprung des allgemeinen Unsicherheitsgefühls betreffen.
Das neue Jahrbuch StadtRegion 2002 widmet sich dem Thema "Sichere Stadt" in angemessener Breite und tiefgründiger Weise. Es kann vorweg gesagt werden, dass dieses Buch gut gelungen und daher wirklich empfehlenswert ist. Dies liegt daran, dass die vier Beiträge des "Schwerpunktes" gut aufeinander abgestimmt sind und Überschneidungen vermieden werden. Hinzu kommen ergänzend zwei kurze Beiträge zum Thema in der Rubrik "Analysen und Kommentare" sowie eine kritische Analyse und Dokumentation der Kriminalitätsstatistik in der Rubrik "Dokumentation und Statistik". Ergänzt wird das Jahrbuch durch fünf Rezensionen, deren Auswahlkriterien - dies sei hier kritisch angemerkt - nicht ganz nachvollziehbar sind und deren Qualität auch nicht dem Niveau der anderen Rubriken entsprechen.
Der erste Beitrag des Schwerpunktes von Jan Wehrheim betrachtet retrospektiv den Diskurs zu Unsicherheit und Überwachungsstrategien in der Großstadt. Wehrheim stellt heraus, dass die Stadt nicht nur der Ort von Öffentlichkeit und produktiver Differenz, sondern auch einer subjektiv wahrgenommenen Bedrohung und Gefahr ist. Die Großstadtkritik um 1900 bezog sich auf den moralischen Verfall der Städte und die Existenz "gefährlicher Klassen", heute sind es die Wohngebiete der 'Underclass', auf die eine Gefahr projiziert wird. Wehrheim weist darauf hin, dass das Gefühl von Unsicherheit in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche besonders ausgeprägt ist, ohne zwangsläufig mit einer steigenden Kriminalität korrelieren zu müssen. Die aktuell zu beobachtende Zunahme von Überwachung und Kontrolle lässt sich vielmehr aus verbesserten Überwachungstechniken erklären. Überwachung und Kontrolle sind räumlich und sozial selektiv, sie richten sich auf sozial unterprivilegierte und "unerwünschte" Personen sowie bestimmte Raumsegmente. Dies sind z. B. Innenstädte, Einkaufszentren, Bahnhöfe als Orte von Konsum und Repräsentation, Gated Communities als Orte des Rückzugs sowie auf Orte, die von Marginalisierten angeeignet wurden und nun wieder zurückgewonnen werden sollen (z. B. Parks). Wehrheim deutet die aktuellen Entwicklungen als Wiederkehr einer konservativen Großstadtkritik, die sich in der politischen und planerischen Praxis als Leugnung der großstadttypischen Ambivalenz und Abkehr vom Konzept einer integrativen Stadt zeige.
Detlef Nogala widmet sich in seinem Beitrag 'Ordnung durch Beobachtung' ausführlich der Videoüberwachung. Diese kann offen oder versteckt, kontinuierlich oder zeitlich eingeschränkt, mit oder ohne Aufzeichnung technisch ermöglicht werden. Aufgrund des Personalbedarfs dominieren die offen, ohne Aufzeichnung betriebene Überwachungskamera, die dem Zweck der präventiven Disziplinierung dient, und die (zum Teil versteckt) mit Aufzeichnung betriebene Kamera, die der nachträglichen Detektion, nicht aber der unmittelbaren Intervention dienen soll. Videoüberwachung verfolgt also unterschiedliche Ziele, deren Erfolgslogik in der präventiv-disziplinierenden Wirkung liegt, die diese auf die potenziellen Straftäter haben soll. Ob dieses Ziel tatsächlich erreicht wird, ist zweifelhaft, denn genauere Untersuchungen zu den Wirkungen von Überwachungsanlagen fehlen bisher.
Renate Ruhne konzentriert sich in ihrem Beitrag auf die soziale Konstruktion geschlechtsspezifischer (Un)Sicherheit im öffentlichen Raum. Sie verweist auf die Diskrepanz, dass sich die erhöhte Angst (bzw. subjektiv empfundene Unsicherheit) von Frauen im öffentlichen Raum nicht durch eine erhöhte objektive Gefahrenlage erklären lässt. Vielmehr stelle die von Frauen subjektiv empfundene Gefahr im öffentlichen Raum eine soziale Konstruktion dar, die durch planerische Maßnahmen und besondere Angebote für Frauen zur Schaffung von Sicherheit nicht gänzlich durchbrochen werden könne. Ruhne diskutiert daher den Begriff des Risikos, der Chance und Gefahr einer Nutzung von öffentlichen Räumen gleichermaßen beinhalte und daher geeignet sei, auch die positiven Effekte einer emanzipierten Nutzung öffentlicher Räume durch Frauen zu betonen.
Dem Phänomen bewachter und abgeschlossener Wohnanlagen, den 'gated communities', widmet sich Georg Glasze. In den USA entwickelt, verzeichnen bewachte Appartementanlagen und Siedlungen seit den 1980er Jahren einen enormen Zuwachs und eine weltweite Expansion. Glasze beschreibt am Beispiel des Libanon die Entstehung von bewachten Wohnkomplexen in der sogenannten "Dritten Welt" und diskutiert anschließend, ob sich diese Siedlungsform auch in Europa etablieren könnte. Im internationalen Vergleich sind bewachte Wohnsiedlungen in Europa zumindest bisher nur vereinzelt anzutreffen. Die Gründe hierfür liegen nach Glasze in der demokratischen und dem Gemeinwohl verpflichteten Struktur der europäischen Städte. Durch die Krise des gemeinwohlorientierten Steuerungsmodells könnten sich im Zuge einer vermehrt marktorientierten Stadtentwicklung auch in Europa eine Zunahme bewachter "Enklaven des Wohlergehens" herausbilden, so die kritische Bilanz von Glasze.
In der Rubrik 'Analysen und Kommentare' findet sich ein Essay von Marco Venturi zur Innovationskraft von Städten sowie weitere Beiträge zum Schwerpunktthema. Ingrid Breckner und Klaus Sessar stellen die Konzeption eines Forschungsprojektes vor, das interdisziplinär und international vergleichend den Zusammenhang von Unsicherheitsgefühl und Veränderungen der Lebensumwelt bzw. sozialem und ethnischem Status untersuchen soll. Katja Veil untersucht urbane Sicherheitsstrategien in der englischen Stadt Coventry und diskutiert neben der Videoüberwachung auch städtebauliche Ansätze zur Verbesserung des Sicherheitsempfindens. In der Rubrik 'Dokumentationen und Statistik' muss auf die von Werner Petrowsky zusammengestellte Dokumentation zur Kriminalstatistik und ihre präzise und kritische Bewertung hingewiesen werden. Das 'Monitoring der Städte und Regionen' von Jörg Pohlan gibt abschließend einen aktualisierten Datenüberblick über Bevölkerungs- und Siedlungsentwicklung sowie zur Arbeitsmarkt- und Wirtschaftsentwicklung.
Autor: Andreas Kapphan

Quelle: geographische revue, 6. Jahrgang, 2004, Heft 1, S. 68-70

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