Michael Waibel: Stadtentwicklung von Hanoi. Unter besonderer Berücksichtigung der Auswirkungen der Doi Moi Reformen auf den Handel im innerstädtischen 36-Gassen-Gebiet. Frankfurt am Main u.a. 2002. (Europäische Hochschulschriften, Reihe IV: Geographie und Heimatkunde, Band 22). 285 S.

Die detaillierte Untersuchung der Handelsaktivitäten eines Teils der Hanoier Altstadt ist ebenso interessant wie sachkundig und zudem die erste ihrer Art in deutscher Sprache. Erklärtes Ziel des Autors ist es, sich "aus einem mikronanalytischen Blickwinkel heraus integrativ mit den vielfältigen Auswirkungen des Transformationsprozesses in den vietnamesischen Städten zu befassen" (24). Dem Handel wird dabei die Rolle einer treibenden Kraft des Transformationsprozesses zugeschrieben. Der Kernuntersuchung vorangestellt ist eine Darstellung der Stadtentwicklung von Hanoi.

Die empirische Studie stützt sich auf Bewohnerbefragungen in einem ausgewählten Teil der Hanoier Altstadt. Die Akteursanalyse des Autors demonstriert, dass wirtschaftliche Modernisierung auf vielfältige Weise in die traditionellen Lebensgewohnheiten der Bevölkerung eingreift. Der gesellschaftliche Kontext der Händleraktivitäten wird jedoch nicht näher beleuchtet, da der Autor ausschließlich an ökonomischen Fragestellungen interessiert ist. Die Ausführungen hinsichtlich zu kleiner Geschäftsräume greifen soziologisch zu kurz. Die Geschäftsräume sind entweder in Privatwohnungen untergebracht, oder es handelt sich um vermietete Teile dieser Privatwohnungen. Es steht den Altstadtbewohnern nicht immer frei, rationelle Lösungen für das Geschäftsflächenproblem zu entwickeln. Die Konzentration einzelner Produkte auf bestimmte Straßenzüge ist weitgehend der traditionellen Einteilung der Altstadt verpflichtet. Der damit entstehende künstliche Konkurrenzdruck kann nur bedingt durch innovative Verkaufsstrategien ausgeglichen werden, da die Kopie als gut empfundener Innovationen den Vorteil sofort wieder einebnet. Als Folge stagnieren annähernd 70% aller Geschäfte wirtschaftlich oder die Inhaber verfolgen reine Überlebensstrategien.
Leider kommt die Arbeit vollständig ohne vietnamesisch- und chinesischsprachige Quellen aus, doch hat der Autor sehr umfassend die in westlichen Sprachen publizierte Literatur zu Hanoi ausgewertet. Russische Quellen wurden über das Englische rezipiert (z.B. Logans Darstellung des russischen Leningrad-Plans zur Hanoier Stadtentwicklung). Allerdings sollte man Aussagen zu sämtlichen nichtökonomischen, insbesondere politischen, sozialen und kulturellen Themen schlicht überlesen. Dies sowie kleinere Ungenauigkeiten sollte man der mikroökonomischen Studie jedoch nicht anlasten. Das Buch erlaubt einen gezielten Einblick in einen kleinen Ausschnitt der vietnamesischen Lebensrealität, die erfreulich gründlich beleuchtet wird. Bislang hat die deutschsprachige Vietnamforschung derartige Studien kaum hervorgebracht hat, nicht zuletzt deswegen verdient die Pionierleistung Waibels eine besondere Würdigung.
Autor: Patrick Raszelenberg

Quelle: Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie Jg. 48 (2004) Heft3/4, S. 271

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