Finland - Nature, Society, and Regions. Helsinki 2002 (Fennia International Journal of Geography 180,1-2). 274 S.

Warum die Besprechung eines Sonderbandes einer Fachzeitschrift? Üblicherweise sind es Monographien, die mit einer Rezension der Öffentlichkeit vorgestellt und empfohlen werden. Doch hier handelt es sich um etwas Besonderes.

Die Geographische Gesellschaft Finnland hat im Jahr 2002 in ihrem Publikationsorgan FENNIA, einem international renommierten Fachjournal, einen Sonderband herausgegeben, der in der Tradition von verschiedenen Publikationen steht, die die landeskundliche Ausrichtung der finnischen geographischen Forschung widerspiegeln und dokumentieren sollen. 1899 wurde mit dem ‚National Atlas of Finland' der erste Nationalatlas der Welt geschaffen, dessen 6. Auflage 100 Jahre später - ebenfalls in finnischer Sprache - erschien. Etliche Themen dieser letzten Auflage des Nationalatlasses wurden mit der vorliegenden Aufsatzsammlung aktualisiert, spezifiziert und durch die englische Sprache für eine größere Leserschaft zugänglich gemacht. Ziel der aktuellen Ausgabe des Nationalatlasses und des Sonderbandes von FENNIA ist es - wie es die Herausgeber PAULIINA RAENTO und JOHN WESTERHOLM im Vorwort formulieren -, zum einen die aktuellen Trends in der akademischen Geographie Finnlands darzustellen und zum anderen ein geographisches Portrait des Landes als Teil eines komplexen Netzwerkes von raumrelevanten Interaktionen auf lokaler bis globaler Ebene zu zeichnen.
Von insgesamt 30 finnischen Autoren stammen 24 Fachbeiträge zu den Themenkomplexen ‚Natur', ‚Kartographie und Landschaften', ‚Bevölkerung und Kultur' sowie ‚Regionen, Wirtschaft und Gesellschaft'. Dabei ist eine hervorragende Kombination aus Aufsätzen entstanden, die den state-of-the-art zu eher klassischen Fragestellungen wie die nacheiszeitliche Küstenentwicklung, die aktuelle Situation und zukünftige Entwicklung der finnischen Moorlandschaften oder die demographische Struktur und Dynamik des Landes präsentieren, und solchen, die eher ungewöhnliche, nichtsdestotrotz spannende und wichtige Themen behandeln wie z. B. "Well-being in Finland", eine medizingeographische Analyse von in Finnland überrepräsentierten Krankheiten oder eine Untersuchung der nationalen Wissenschafts- und Forschungspolitik.
Verständlicherweise können hier nicht alle Beiträge im Einzelnen besprochen werden, und es ist schwierig, einzelne herauszustellen. Dennoch sollen hier einige wenige - natürlich subjektiv ausgewählte - kurz erwähnt werden, um die Breite des Spektrums dieses Sonderbandes deutlich zu machen. Für das "Land der tausend Seen" zeigt MATTI TIKKANEN die morphologische und hydrologische Veränderung im finnischen Gewässersystem im Holozän auf die aktuelle hydroökologische Situation auf. JOUNI HÄKLI stellt die Geschichte der kartographischen Darstellung Finnlands als wichtiges Element in der Entwicklung des finnischen Nationalbewusstseins ("sense of Finnishness") heraus. Ähnliches gilt auch - wie PETRI J. RAIVO herausarbeitet - für die Herausbildung der Vorstellung von "Landschaften", die eine große Rolle für die finnische Nationalidentität spielt. ARI AUKUSTI LEHTINEN erörtert die aktuelle Entwicklung in der finnischen Forstindustrie unter dem Gesichtspunkt des globalisierten Agierens finnischer Konzerne. Und KAUKO MIKKONEN analysiert die Wettbewerbsvorteile von ausgewählten ökonomisch definierten kleineren Regionen in Finnland bei verringerten Außenhandelsrestriktionen und zunehmender wirtschaftlicher Internationalisierung.
Alle Beiträge vermitteln ein hohes Maß an Fachkompetenz - eventuell mit einer etwas zu deutlichen finnischen Eigenbetrachtung (es werden so gut wie keine nicht-finnischen Quellen zitiert) - und sind mit umfangreichen Literaturverzeichnissen und ansprechenden Graphiken ausgestattet. Dem Sonderband ist eine CD-ROM beigegeben, die nicht nur alle Textbeiträge und schwarz-weiß gedruckten Illustrationen, sondern diese z. T. farbig und bei manchen Beiträgen noch zusätzliche Karten enthält.
Dieser Sonderband von FENNIA kann jedem, der sich umfangreich und auf hohem Niveau über Finnland informieren und dabei auch einen Einblick in die Qualität und die aktuellen Diskussionsthemen in der finnischen Geographie erhalten möchte, wärmstens empfohlen werden, zumal auch der Preis vollkommen angemessen erscheint.
Autor: Jörg-Friedhelm Venzke

Quelle: Erdkunde, 59. Jahrgang, 2005, Heft 1, S. 65

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