Anke Matuschewski: Regionale Verankerung der Informationswirtschaft in Deutschland. Kiel 2004. (Kieler Geographische Schriften, Band 110). 385 S.

Die als Habilitationsschrift entstandene Arbeit greift gleich mehrere aktuelle Forschungsfragen auf. Sie beschäftigt sich mit dem Standortverhalten von Unternehmen der Informationswirtschaft, einer sehr heterogenen, sich aus Produktion und Dienstleistungen speisenden wirtschaftlichen Aktivität, die auf die Her- und Bereitstellung von Informationsprodukten und -dienstleistungen, der dafür benötigten Software und Endgeräte sowie die Übermittlung von Informationen ausgerichtet ist.

Gerade mit dem rasanten Anstieg an Internetnutzern und den immer kürzer werdenden Produktzyklen im Informationstechnik- und Multimediabereich hat die Informationswirtschaft seit Ende der neunziger Jahre einen erheblichen Bedeutungsgewinn erfahren. Clusterbildung und die damit zusammenhängenden Ursachen und Zusammenhänge regionaler Konzentration und räumlicher Verflechtung ist ein weiterer Aspekt, den die Arbeit aufgreift, Ein dritter Aspekt ergibt sich aus dem vergleichsweise geringen Alter vieler Unternehmen der Informationswirtschaft. So werden immer wieder Themen aus der regionalen Gründungsforschung angesprochen, vor allem hinsichtlich der regionalen Einbettung und möglichen späteren regionalen Entankerung dieser Unternehmen. All diese Aspekte werden nach der Darlegung und Diskussion des theoretischen und methodischen Rahmens der Arbeit anhand der drei Fallstudienregionen Hamburg, Dresden-Oberes Elbtal und der TechnologieRegion Karlsruhe illustriert. Das Spannungsfeld ergibt sich dabei aus der Unterschiedlichkeit dieser Regionen hinsichtlich Verdichtung, unterschiedlicher Schwerpunktsetzungen und unterschiedlich ausgeprägter Wertschöpfungsketten innerhalb der Informationswirtschaft sowie den differierenden Entwicklungspfaden der drei Fallbeispiele. Die Autorin verwendet eine Mischung aus Primärdatenerhebung in Form von Leitfadengesprächen und sekundärstatistischen Auswertungen zur Skizzierung der Informationswirtschaft und deren Ausprägung in den drei Regionen. Die Primärdatenerhebung fußt auf 148 Unternehmensinterviews und 55 Expertengesprächen.
Auf dieser Grundlage hat ist eine sehr lesenswerte Arbeit entstanden, die die wirtschaftsgeographische Forschung um eine regional fokussierte Branchenanalyse bereichert. Dabei wird nicht nur auf die regionale Spezifik abgehoben und auf die Frage, welche Clusterstrukturen sich in den drei Regionen identifizieren lassen, sondern es wird im vorletzten sechsten Kapitel anhand von Unternehmenstypen die regionale Verankerung der Informationswirtschaft regionenübergreifend und regional komparativ diskutiert. Unter den vielen interessanten Erkenntnissen sticht hervor, dass sich keine Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen zunehmender Standardisierung von Produkten und abnehmender regionaler Bindungen für die in den Fallstudienregionen untersuchten Unternehmen feststellen lassen. Die regionale Verankerung der Unternehmen ist weder größen- noch altersabhängig und auch hinsichtlich Produktart sowie Markt- und Unternehmenstyp lassen sich keine eindeutigen Zusammenhänge zur regionalen Bindung feststellen. Damit macht auch diese Arbeit deutlich, dass idealtypische Entwicklungsverläufe, so wie sie beispielsweise durch die Produktlebenszyklushypothese postuliert werden, nicht existieren.
Trotz vieler offensichtlicher Stärken der Arbeit, zu denen beispielsweise auch eine kritische Hinterfragung der eingesetzten Methoden und Datenbasen gehört, bleiben einige Fragen offen. Dazu trägt die unscharfe Verwendung des Clusterbegriffes bei. Ohne dies anhand von aus der theoretischen Diskussion abgeleiteten Kriterien zu belegen, werden die drei Untersuchungsregionen als drei sehr unterschiedliche Clustertypen bezeichnet. Die Autorin hebt im Wesentlichen auf Agglomerationsfaktoren bei der Begründung ab (75), weist aber an anderer Stelle darauf hin (36), dass es eine Reihe von Beispielen regionaler Konzentrationen gibt, in denen die Kontakthäufigkeiten zwischen den Unternehmen eher gering sind und die daher nicht als Cluster bezeichnet werden dürften. Ein entsprechendes Kooperationsmuster wird beispielsweise für die Unternehmen der Softwarebranche in der TechnologieRegion Karlsruhe festgestellt. Da sich die Arbeit sehr stark am Clusteransatz ausrichtet, besteht hinsichtlich der im Abschlusskapitel formulierten regionalpolitischen Handlungsempfehlungen eine gewisse Erwartungshaltung, die leider nicht ganz erfüllt wird. Zunächst werden Hinweise zur Netzwerkbildung, Kapitalverfügbarkeit und Gründungsförderung gegeben. Dies ergänzt eine aus den Fallstudien abgeleitete Übersicht zu weiteren Ansätzen der Förderung von Clustern. Hier wird aber mehr auf allgemeine regional- und wirtschaftspolitische Maßnahmenbündel Bezug genommen (z.B. Arbeitsmarktförderung, Wissenstransfer, Regionalmarketing), als dass Kriterien herausgearbeitet werden, ob und wie die Entstehung und das Wachstum von Clustern (wie auch immer definiert) gezielt gefördert werden kann. Bezogen auf die drei Untersuchungsregionen stellt die Arbeit eine große Hilfe dar, die Entwicklung und die regionale Verflechtung der Informationswirtschaft nachzuvollziehen und besser zu verstehen. Damit reiht sie sich in die wirtschaftsgeographischen Arbeiten ein, die maßgeblich zum Verständnis regionalwirtschaftlicher Entwicklungsprozesse beitragen. Die erfolgreiche Bewältigung dieser Aufgabenstellung macht die Arbeit lesenswert.
Autor: Knut Koschatzky

Quelle: Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie Jg. 49 (2005) Heft 3/4, S. 259-261

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