Sabine Richter: Wissenschaftliche Nachlässe im Archiv des Geographischen Instituts der Universität Bonn. Findbücher zu den Nachlässen von Carl Troll und Alfred Philippson. Sankt Augustin 2004 (Colloquium Geographicum 27). 525 S.

Es ist das große Verdienst des kürzlich verstorbenen langjährigen Schriftleiters der ERDKUNDE HANS BÖHM, das Archiv des Geographischen Instituts der Universität Bonn in vorbildlicher Weise betreut und für die Wissenschaft nutzbar gemacht zu haben. Er selbst hat in zahlreichen Publikationen die Bonner Archivalien für eigene Forschungen heran-
gezogen und gezeigt, welchen Nutzen die Wissenschaftsgeschichte aus der archivarischen Arbeit ziehen kann.

Unter BÖHMs Leitung erarbeitete SABINE RICHTER im Rahmen ihrer Magisterarbeit eine Konzeption zur Erschließung der Nachlässe im Archiv und führte innerhalb eines DFG-Projektes die elektronische Erfassung des Materials durch. Als Ergebnis entstanden Findbücher zu den beiden Nachlässen der Bonner Geographen Alfred Philippson (1864-1953) und Carl Troll (1899-1975), die online im Internet (www.giub.uni-bonn.de/archiv) recherchierbar sind und nun zusätzlich in einer Druckversion vorliegen.
Carl Troll war sicher einer der bedeutendsten und international anerkanntesten deutschen Geographen im 20. Jahrhundert. Erst kürzlich hat HANS BÖHM in einer Studie Carl Trolls Rolle im Dritten Reich einer kritischen Analyse unterzogen. Nach 1945 stieg Troll bis zum Präsidenten der IGU auf; seine zahlreichen akademischen Schüler beeinflussten ganz wesentlich die westdeutsche Hochschulgeographie bis in unsere Zeit. Die wissenschaftliche Bedeutung Trolls spiegelt sich in seinem Nachlass. Mit rund 94.000 Blatt, geordnet in 94 Archivkartons, dürfte es sich um den wohl umfangreichsten Geographen-Nachlass in Deutschland handeln. Trotz einiger Lücken in der Bestandsüberlieferung zeichnet der Nachlass Leben und Wirken Trolls seit den 1920er Jahren nach. Das Personenregister zum Nachlass liest sich wie ein Who is who der nationalen und internationalen Geographie, aber auch anderer Wissenschaften und nicht zuletzt des öffentlichen Lebens in der Bundesrepublik Deutschland. Wer sich mit irgendeinem Aspekt der Geographiegeschichte zwischen 1925 und 1975 beschäftigt, sollte sich zuvor vergewissern, ob im Bonner Archiv für ihn relevante Materialien liegen.
Von deutlich geringerem Umfang ist der Teilnachlass Alfred Philippsons (21 Archivkartons); die Laufzeit geht von den Endsiebzigern des 19. Jahrhunderts bis in die 1950er Jahre. Das tragische Schicksal des Juden Philippson wurde durch die Edition seiner im KZ Theresienstadt verfassten Lebenserinnerungen durch HANS BÖHM und ASTRID MEHMEL einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Gerade diese deutsch-jüdische Lebensgeschichte zwischen Kaiserreich und junger Bundesrepublik macht den Nachlass Philippson zu einer überaus wichtigen Quelle über die engere Disziplingeschichte hinaus für die deutsche Geistes- und Sozialgeschichte.
SABINE RICHTER hat mit der Bearbeitung dieser beiden Nachlässe in vorbildlicher Weise überaus wichtige Quellenbestände erschlossen. Es wäre zu wünschen, dass auch andere Instituts- und Hochschularchive dem Bonner Vorbild folgen und ihre Nachlässe zumindest als Online-Version im Internet zugänglich machen.    
Autor: Heinz Peter Brogiato

Quelle: Erdkunde, 59. Jahrgang, 2005, Heft 2, S. 156-157

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