Werner Rutz und Achim Sibeth (Hg.): Karl Helbig - Wissenschaftler und Schiffsheizer. Sein Lebenswerk aus heutiger Sicht. Rückblick zum 100. Geburtstag. Hildesheim 2004. 276 S.

Es gibt Menschen, die passen in keine Schublade. Karl Helbig (1903-1991) war solch ein Nonkonformist. Aus relativ einfachen Verhältnissen stammend und mit 20 Jahren Vollwaise finanziert er sich das Studium durch Gelegenheitsarbeiten. 1923 heuert er als Kohlentrimmer auf einem Dampfer an und unternimmt seine erste Reise nach Niederländisch Indien. Die Inselwelt Südostasiens fasziniert ihn so, dass er 1927 in Hamburg ein Studium der Geographie und der malaiischen Sprachen beginnt. Drei Jahre später promoviert ihn Siegfried Passarge mit einer Arbeit über Batavia (Djakarta). Doch auch als junger Doktor der Geographie führt er das entbehrungsreiche Leben "vor den Feuern" - wie er seine Autobiographie 1987 nennt - fort und reist als Heizer unter Deck auf allen Weltmeeren. Sein größtes Abenteuer unternimmt er 1937 auf seiner letzten Reise nach Südostasien: Zu Fuß durchwandert er in acht Monaten auf 3.000 km die Insel Borneo. Seine Erlebnisse verarbeitet Helbig in zahlreichen Publikationen, und als eine Art "Abfallprodukt" entsteht seine Habilitationsschrift über die Zinn-Insel Bangka, die 1940 in Marburg angenommen wird. Obwohl inzwischen in geographischen Kreisen als Fachmann anerkannt und trotz seiner akademischen Weihen kommt eine Hochschullaufbahn für ihn nicht in Frage. Nach dem Weltkrieg, in dem er in der Wehrbetreuung tätig ist und Vorträge hält, plagt ihn erneut das Fernweh. Wegen der politischen Unruhen in Indonesien sucht er sich ein neues
Arbeitsgebiet und findet dies in Zentralamerika. Bis 1975 unternimmt er fünf größere Reisen und erforscht vor allem Honduras und den mexikanischen Staat Chiapas. Für seine Forschungen verleiht ihm die mexikanische Regierung den Staatspreis für Wissenschaft (1979), drei Jahre vor seinem Tod erhält er das Bundesverdienstkreuz am Bande (1988).
Auf Initiative des Bochumer Geographen WERNER RUTZ, der auf den Spuren von Karl Helbig in Indonesien forschte, fand im März 2003 ein Gedenkkolloquium in Helbigs Geburtsstadt Hildesheim statt, dessen Vorträge nun publiziert vorliegen. Der Tagungsband spiegelt die vielseitigen Facetten eines schillernden Lebens. Weit über 400 Publikationen umfasst das Schriftenverzeichnis Karl Helbigs, darunter über 40 Bücher! Sein wissenschaftlich-geographisches Werk analysiert RUTZ (S. 71-82), die politisch-geographischen Wandlungen in der Mosquitia Honduras' seit Helbigs Forschungen analysiert GERHARD SANDNER (S. 213-227), und MICHAEL RICHTER ordnet das Werk Helbigs in die Erforschungsgeschichte von Chiapas ein (S. 228-247). Weitere Beiträge beschäftigen sich mit den völkerkundlichen Untersuchungen Helbigs bei den Toba auf Sumatra, den Dayak auf Borneo und den Chinesen in Südostasien. ANDREA WEINMANN erinnert an die heute vergessenen, in ihrer Zeit aber durchaus erfolgreichen Jugendbücher, die Helbig in den 1930er bis 1950er Jahren schrieb. Persönliche Erinnerungen an Helbig, ein Überblick über seinen Nachlass in Hildesheim und das Schriftenverzeichnis runden den Tagungsband ab. Es ist das Verdienst der Organisatoren, an einen ungewöhnlichen Menschen erinnert zu haben, der in der Fachwissenschaft weitgehend in Vergessenheit geraten ist, dessen geradliniger Lebensweg aber Respekt und Anerkennung verlangt. Ihn als "Aussteiger" und "Sonderling" abzutun, würde ihm nicht gerecht. Karl Helbig hat seinen Lebenstraum gelebt, jenseits jeglicher politischer und gesellschaftlicher Opportunität - ein Unikat unter den akademischen Geographen des 20. Jahrhunderts.    
Autor: Heinz Peter Brogiato

Quelle: Erdkunde, 59. Jahrgang, 2005, Heft 2, S. 160-161


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