Horst M. Bronny, Norbert Jansen, Burhard Wetterau: Das Ruhrgebiet. Landeskundliche Betrachtung des Strukturwandels einer europäischen Region. Essen 2002. 88 S.

Das Ruhrgebiet gehört weltweit zweifellos zu den interessantesten Wirtschaftsregionen. Aus bescheidenen gewerblichen Anfängen im 18. und 19. Jahrhundert hat sich die Region, gestützt auf eine sich ausweitende Steinkohleförderung sowie die daran anknüpfende Eisen- und Stahlindustrie, in nur wenigen Jahrzehnten zu einem der größten zusammenhängenden Industrieräume entwickelt.

Veränderungen von Märkten und Technologien, die Nordwanderung des Kohlebergbaus, Kriegsfolgen und Demontagen und schließlich die Makrotrends der Deindustrialisierung und Tertiärisierung, beschleunigt durch die Kohlekrise in den fünfziger und die Stahlkrise in den siebziger Jahren, haben die Region bis heute einem ständigen Wandel unterworfen. Das Ruhrgebiet kann geradezu als Inbegriff wirtschaftsräumlichen Strukturwandels gelten. Wie werden die Hinterlassenschaften der (montanindustriellen) Vergangenheit bewältigt, wie die heutigen Herausforderungen (z.B. bedingt durch den demographischen Wandel) gemeistert und welche zukunftsfähigen Entwicklungspfade können beschritten werden? Mit den Fragen deutet sich die Grüne der Herausforderung an, vor die sich die regionalen Akteure gestellt sehen.
Zu diesen Akteuren gehört nicht zuletzt die einzige das gesamte Ruhrgebiet umfassende, allerdings nur mit begrenzten Planungskompetenzen ausgestattete regionalpolitische Institution: der Regionalverband Ruhr (RVR). Die noch unter der Vorgängerbezeichnung Kommunalverband Ruhrgebiet (KVR) im Jahr 2002 herausgegebene, 2004 in aktualisierter Version in englischer und 2006 erneut aktualisiert auch in niederländischer Sprache publizierte schmale Monographie zum Strukturwandel des Ruhrgebiets nennt sich im Untertitel bescheiden eine "landeskundliche Betrachtung". Doch davon sollte man sich nicht täuschen lassen: Es handelt sich um eine thematisch sehr weit gespannte, faktengesättigte, teilweise geradezu "dichte Beschreibung" der Entwicklung des Wirtschaftsraumes zwischen Ruhr und Lippe. Die Kombination eines eher traditionellen länderkundlichen Ansatzes (vom Natur- ·er den Kultur- zum Wirtschaftsraum) mit einer problemorientierten Betrachtung des aktuellen Strukturwandels und möglicher Zukunftsszenarien kann allerdings nur teilweise als gelungen angesehen werden. Gegenüber dem Bemühen um landeskundliche Vollständigkeit kommt die vertiefte analytische Auseinandersetzung mit ökonomischen, politischen, aber auch mit sozialen und kulturellen Rahmenbedingungen, Potenzialen, Chancen und Risiken des Strukturwandels im Ruhrgebiet etwas zu kurz. Auch das immer wieder anklingende Bedauern darüber, dass es an einer wirksamen Regionalpolitik für den administrativ nie vereinheitlichten Gesamtraum mangelt, wird letztlich nicht (akteurs)analytisch fundiert. Dennoch schmälern diese kritischen Einwände kaum den hohen, durch zahlreiche Karten, Grafiken und mehrheitlich gut ausgewählte Fotos noch gesteigerten informativen Nutzen der vorliegenden Publikation. Sie kann allen als Einstiegslektüre sehr empfohlen werden, die sich für Wandel und Zukunftsperspektiven des Ruhrgebiets interessieren, vor allem aber Lehrenden an Schulen und Hochschulen, die hier eine Fülle von Fakten, Anregungen und illustrativen Materialien finden werden.
Autor: Helmut Schneider

Quelle: Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie Jg. 50 (2006) Heft 3/4, S. 279-280

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