Hans von Hirsch: Stechmückenkontrolle am Oberrhein. Eine kosten- und nutzenanalytische Bewertung unter Berücksichtigung regionalökonomischer Auswirkungen. Mannheim 2005 (Mannheimer Geographische Arbeiten 59). 225 S.

Tsetsefliegen, Anophelinen, Tabaniden oder Culiciden sind uns als Krankheitsvektoren oder zumindest Störenfriede unseres Wohlbefindens bekannt und wurden deshalb immer mit unterschiedlich effizienten Methoden bekämpft. Sie waren aber auch, wie es Bengt Berg einmal ausdrückte, "Schutzschilde der letzten Naturparadiese" und verhinderten und verhindern bis heute die Instandbesetzung der entferntesten Naturwinkel. Allerdings hat es auch zahlreiche gelungene Kooperationsmodelle zwischen den Plagegeistern (in Kultur- und Naturlandschaften) mit den Zielvorstellungen von Homo sapiens gegeben. Unterschiedliche Methoden wurden entwickelt um Bekämpfungsaktionen möglichst auf die Zielorganismen zu beschränken, "Kollateralschäden" an anderen Arten weitgehend zu vermeiden oder gering zu halten und auch über ökonomische Analysen, die Sinnhaftigkeit für betroffene und weniger betroffene Menschen zumindest zu quantifizieren. Die vorgelegte Dissertation verfolgt eine solche kosten- und nutzungsanalytische Bewertung am Beispiel der seit Anfang der 1970er Jahre durchgeführten Stechmückenkontrollen am Oberrhein.
Seit 1976 liegt die Kontrolle der Schnakenplage am Oberrhein in der Regie der KABS (= Kommunale Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage e.V.), die versucht "die Schnakenplage im Bereich der Oberrheinebene unter Schonung der Umwelt mit ökologisch vertretbaren Maßnahmen einzudämmen, soweit die erforderlichen Mittel aufgebracht werden." Die notwendigen Mittel kommen von den jährlichen Beiträgen der 103 Mitgliedsgemeinden zwischen Breisach und Bingen mit über 2 Millionen Einwohnern. Der Erfolg wurde gemessen an der Reduktion der Schnakenpopulationen in den Bekämpfungsgebieten im Vergleich zu den "unbehandelten Gebieten". Eine externe Erfolgskontrolle, die den Grundsatz der Konsumentensouveränität mit der Forderung nach bestmöglicher Allokation begrenzter Ressourcen begründet und auch die Wertschätzung der Betroffenen berücksichtigt, fehlte bisher. Ziel der Studie war es deshalb die Ziel-Mittel-Adäquanz der Stechmückenkontrolle quantitativ zu erfassen und den volkswirtschaftlichen Nutzen zu beziffern. Als Methode dafür eignet sich eine Kosten-Nutzen-Analyse und als praktische Arbeitsschritte wurden u.a. durchgeführt Untersuchungen zur Ermittlung der individuellen Zahlungsbereitschaft der Betroffenen für die Stechmückenkontrolle, eine monetarisierte Projektnutzenanalyse und eine Bilanzierung von Kosten und Nutzen durch Verrechnung der betriebswirtschaftlichen Projektkosten einschließlich weiterer volkswirtschaftlicher Kosten mit dem monetarisierten Projektnutzen sowie weitere volkswirtschaftliche Nutzenkomponenten.
Verständlich ist, dass in dem gesamten Kontrollgebiet und seinen Randlagen Menschen unterschiedlich von der Schnakenplage betroffen sind. Bei Anflugquoten von bis zu 500 Stechmücken pro Minute auf Menschen, wie sie von BECKER (1998) beobachtet wurden, bis zu 1 oder 0 Stechmücken pro Minute reicht die Betroffenheitsskala. Verständlich auch, dass insbesondere für Gemeinden, die sich kostenmäßig nicht an den Bekämpfungen beteiligen, die "Wertschöpfung" besonders hoch ist, verständlich auch, dass das Ausmaß der Belästigung korreliert mit der Bereitschaft des Aufwandes für die Bekämpfung. Bei seiner ökonomischen Bewertung der Stechmückenkontrolle definiert der Autor zunächst in einem theoretischen Exkurs die Stechmückenkontrolle als ökonomisches Gut, den dazu gehörenden Preismechanismus, die Präferenzermittlung bei dem öffentlichen Gut "Stechmückenkontrolle" und die ökonomischen Methoden. Damit begründet er zugleich die Art seiner Befragungen und schriftlichen Erhebungen in der Bevölkerung. Die Befragungen verdeutlichen zunächst, dass ohne Stechmückenbekämpfung die Nutzung von Häusern, Wohnungen oder Gärten, von Freizeit- und Erholungseinrichtungen in der Region über viele Wochen während der Sommermonate nur mit Einschränkungen möglich wäre. Der persönliche Nutzen für einen Betroffenen und der Beitrag der Kampagne zur gesellschaftlichen Wohlfahrt der Region wird jedoch erstmals durch die Analysen des Autors sichtbar. Deutlich wurde dabei, dass auch der soziale Wert des Projektes über dem ermittelten Nettonutzen liegt. Regionalökonomische Auswirkungen ließen sich bei Freizeiteinrichtungen und in der Gastronomie nachweisen. Darüber hinaus konnte gezeigt werden, dass Gemeinden in der Oberrheinebene, die nicht Mitglied im KABS sind, naturgemäß externen Nutzen aus der Kampagne ziehen. Als Nachteil, der monetär allerdings nicht gefasst werden kann, bleibt, dass durch den nach Reduktion der Schnakenplage in den Sommermonaten ansteigenden Besucherdruck die Auensysteme stärker belastet werden.
Die lesenswerte Studie belegt, dass eine Kosten-Nutzen-Analyse nicht nur ein adäquates Mittel ist, den ökonomischen Wert von Kontrollmaßnahmen zu quantifizieren, sie ist auch eine Methode die in Zukunft zwingend an die Seite von ökologischen Kontrollmaßnahmen gestellt werden sollte.
Autor: Paul Müller

Quelle: Erdkunde, 60. Jahrgang, 2006, Heft 4, S. 382-383

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