Rafael Stegen: Die Soziale Stadt. Quartiersentwicklung zwischen Städtebauförderung, integrierter Stadtpolitik und Bewohnerinteressen. Berlin et al. 2006. (Schriften des Arbeitskreises Stadtzukünfte der Deutschen Gesellschaft für Geographie 3). 312 S.

An das Programm „Soziale Stadt“ wurden von Anfang an hohe Erwartungen geknüpft, nicht zuletzt weil die darin formulierten Ansprüche fast schon provokant-romantisch sind: Vom Bürgermeister bis zum Mieter sollte sich die Perspektive aller Beteiligten neu auf die „Quartiersebene“ fokussieren, bürgerschaftliche Potenziale wollten geweckt und genutzt werden, in Verwaltungen sollte zusammenkommen, was nie zusammen gehörte, und die zunehmende sozialräumliche Polarisierung in den Städten galt es langfristig abzuwenden. Einiges davon mag sicherlich mancherorts gelungen sein, vieles (noch) nicht.

Rafael Stegen nimmt sich der Fragestellung an, wie gut die programmatische „Querschnittsorientierung“ und „Integration“ verschiedenster Akteursinteressen zwischen Zivilgesellschaft und Staat auf der lokalen Ebene tatsächlich funktionieren. Gelingt also die postulierte Interaktion von Akteuren unterschiedlichster Ressorts-, Hierarchie- und Bezugsebenen? Ist der Output programmgemäß? Wo treten Probleme auf und warum? Und: Wird am Ende doch nur an investiven (und nicht an den suggerierten sozialen) Projekten gearbeitet? Die klar strukturierte Dissertation beginnt mit einer schlüssigen Analyse der Situation in unseren Städten, um sich dann dem akteurszentrierten Institutionalismus (S. 28ff.) als theoretischem Bezugsrahmen zuzuwenden, mit dem sich strukturelle und handlungsbezogene Aspekte der Stadtentwicklung elegant verbinden lassen (bedauerlich ist allein, dass dieser vielversprechende Ansatz im Verlauf der Studie durch die Fülle des Faktischen zu sehr in den Hintergrund gedrängt wird). In einem darauffolgenden spannenden Exkurs zur Geschichte der Städtebauförderung deckt der Autor Pfadabhängigkeiten des heutigen „Soziale- Stadt“-Programms auf (S. 51-93). Inwieweit die „Soziale Stadt“ unter dieser „Sozialisation“ leidet, unterzieht der Autor mit Hilfe einer Fallstudie im Programmgebiet Wulsdorf-Ringstraße (Bremerhaven) einer eingehenden Überprüfung (S. 107ff.).

Mit einem anspruchsvollen qualitativen Untersuchungsdesign wird die Programmumsetzung vor Ort aus Akteurs- und Bewohnerperspektive überzeugend analysiert. Lebens- und Systemwelten werden anschaulich mit vielen Interviewzitaten dargelegt, kontrastiert und zu Handlungsfeldern verdichtet. Darauf aufbauend wurden in weiteren Expertengesprächen auf Bundesebene die lokalen Fallstudienergebnisse auf ihre translokale Gültigkeit überprüft, um sie dann dank dieses methodischen Kniffs auch in generalisierte Handlungsoptionen für Bund, Länder und andere Kommunen transformieren zu können (S. 224ff.). Dieser detaillierte Empfehlungsteil beinhaltet z.B. ein Plädoyer für die Anerkennung segregierter „Integrationsviertel“, zahlreiche konkrete Verwaltungsempfehlungen oder auch eine Forderung nach bewohnerorientierten Potenzialanalysen. Klar wird auch, dass die Einbindung der „Sozialen Stadt“ in die Städtebauförderung nach wie vor eine Hypothek für die nicht-investive (sozial orientierte) Mittelverwendung darstellt, was nach Auffassung Stegens u.a. durch neue gesetzliche Rahmenbedingungen überwunden werden sollte.

Rafael Stegens Dissertation ist für Wissenschaftler ebenso wie für Praktiker uneingeschränkt lesenswert und verdienstvoll, weil sie eine gut geschriebene, gelungene Kritik der deutschen Städtebauförderung darstellt und aus einem aufschlussreichen Fallbeispiel weitreichende, systematische und nach Akteursgruppen und Verwaltungsebenen differenzierte Schlussfolgerungen für das multiskalare Handlungsfeld „Soziale Stadt“ zu ziehen wagt. Besonders gelungen sind die zahlreichen tabellarischen Synopsen und manche Grafiken, durch die die beschriebenen, doch häufig komplexen Strukturen und Sachverhalte übersichtlich zusammengefasst werden.

Autor: Olaf Schnur

 

Quelle: Die Erde, 139. Jahrgang, 2008, Heft 3, S. 270

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