Sabine Tröger: Handeln zur Ernährungssicherung im Zeichen gesellschaftlichen Umbruchs. Untersuchungen auf dem Ufipa-Plateau im Südwesten Tansanias. Saarbrücken 2004 (Studien zur Geographischen Entwicklungsforschung 27). 410 S.

Nachdem Tansania seit 1967 unter Präsident J. Nyerere das Ideal eines "Afrikanischen Sozialismus" über 20 Jahre zu verwirklichen versuchte und die Defizite dieser Vision in der Realität immer offensichtlicher wurden, setzte ab etwa 1987, gefordert von u.a. dem Internationalen Währungsfond und der Weltbank, eine radikale gesellschaftspolitische Umorientierung ein. Unter dem Schlagwort "Strukturanpassung" erfolgte eine umfassende Marktliberalisierung und die Hinwendung zu einer kapitalistischen Gesellschaftsordnung.

Auf diesem Hintergrund analysiert S. TRÖGER die von dieser Transformation ausgehenden Wirkungen auf das Handeln sowie auf die konkreten Lebens- und Arbeitsbedingungen der Menschen in einer peripheren Region. Eingebettet in gesellschaftstheoretischen Studien, u.a. von GIDDENS, humanökologischen Theorieansätzen und Verwundbarkeitstheorien auch der Geographie sowie auf der Grundlage mehr als dreijähriger Feldforschungen mit einer Befragung von 385 Haushalten in acht Dörfern, gelingt es der Autorin überzeugend, die "neuen" Handlungsmuster der Haushalte hinsichtlich ihrer Ernährungssicherung zu erfassen und stringent zu interpretieren. Eine Vielzahl relevanter Lebens- und Wirtschaftsbereiche ländlicher Haushalte, aber auch der Werte und Normen der Individuen werden unter dem Blickwinkel ihres Wandels, aber auch ihrer Persistenz kompetent analysiert.
Die Feldforschungen wurden von 1993 bis 1996 durchgeführt; somit konnte auch erfasst werden, mit welchen Handlungsstrategien die Menschen auf die Dürre und den Hunger des Jahres 1994/95 reagierten. Es gelingt S. TRÖGER, die Bedeutung struktureller Ungleichheit auch auf dörflicher Ebene hinsichtlich der Nahrungsunsicherheit herauszuarbeiten, jedoch wird auch das Zusammenwirken sozialer, ökologischer, ökonomischer und politischer Faktoren berücksichtigt.
Die als Habilitationsarbeit angenommene Studie erarbeitet eine Fülle von empirischen Informationen und Erkenntnissen über die Lebensbedingungen der Menschen in einer Peripherieregion, wobei insbesondere die landwirtschaftlichen Produktionsbedingungen in ihrer ganzen Komplexität aufgezeigt werden (Produktions- und Konsummuster; Landnutzung, -recht, -zugang; Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern usw.).
Ein wesentliches Ergebnis ist die Erkenntnis, dass sich mit der Marktliberalisierung individuelle Interessen zunehmend gegenüber tradierten kollektiven Verpflichtungen durchsetzen und sich so eine sozio-ökonomische Zweiteilung in den Dörfern verschärft. Einer relativ kleinen Gruppe von Personen, die zu den Gewinnern der Transformation zählen, steht eine Mehrheit von Verlierer-Haushalten gegenüber, die sich nur bedingt auf die neuen gesellschaftspolitischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen einzustellen vermochten und gleichzeitig nicht mehr wie vormals vom sozialen Netz kollektiver Verpflichtungen aufgefangen werden.
Ihren hohen wissenschaftlichen Wert erhält die Arbeit zudem durch die Einbettung der Empirie in ein überzeugendes theoretisches Konzept. Fazit: Eine beeindruckende Arbeit, die unsere Kenntnisse und Erkenntnisse über die Auswirkungen von Transformationsprozessen in ländlichen Räumen Tansanias im Besonderen und in Entwicklungsländern im Allgemeinen sehr vertiefen.    
Autor: Karl Vorlaufer

Quelle: Erdkunde, 61. Jahrgang, 2007, Heft 2, S. 207

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