Ulrich Ermann: Regionalprodukte. Vernetzungen und Grenzziehungen bei der Regionalisierung von Nahrungsmitteln. Stuttgart 2005 (Sozialgeographische Bibliothek 3). 320 S.

‚Kann man Regionen essen?' (S. 11) - schon der erste Satz des Autors weist auf die ungewöhnliche, aber reizvolle Perspektive seines Buches hin (auf Basis seiner Dissertation). Hier wird aber nicht allein ein origineller Ansatz vorgestellt, unseren - oft von Aspekten der Regionalisierung, gar des Regionalismus geprägten - Nahrungsmittel-Konsum in neuem Lichte zu sehen. Vielmehr verknüpft ULRICH ERMANN auf hohem Niveau aktuelle fachwissenschaftliche Diskurse der Sozialgeographie (u.a. zu subjektiven Repräsentationen, Konstruktion von Regionalität) mit solchen der Wirtschaftsgeographie (Produktionsketten/-systeme, Räumlichkeit von Produktionsprozessen und Märkten). Hieraus entwickelt er u.a. gestützt auf die Akteur-Netzwerk-Theorie sowie eigene qualitative empirische Arbeiten im Raum Nürnberg neue Erkenntnisse zum Zusammenhang von regionalisierter Nahrungsmittelherstellung, Produzenten-/ Konsumentenverhalten und nachhaltiger Regionalentwicklung, mit Blick auf interdependente stoffliche, ökonomische und kulturelle Dimensionen.
Motivation bildet die verstärkte Forderung nach einer Ressourcen schonenden sowie lokale Arbeitsmärkte stützenden Herstellungsweise von Nahrungsmitteln im Sinne der regionalen Kreislaufwirtschaft. Was aber Regionalität hier überhaupt bedeutet, ob und in welcher Hinsicht sie wirklich vorteilhaft ist und wie ihre praktische Umsetzung aussehen sollte, ist bislang kaum aufgearbeitet worden. Die Lücken füllt der Autor, indem er zunächst diverse konzeptionelle Argumentationsstränge aufarbeitet und verbindet (Regionalisierung von Wirtschaftskreisläufen, Rolle von Region und Akteur bei der Subjektivierung von Produkt/ion und Konsum), darauf sein eigenes Forschungskonzept aufbaut. Folgend werden Determinanten der räumlichen Organisation physischer Warenströme, der Kommodifizierung bzw. Vermarktung von Produkten sowie ihrer Authentifizierung im Sinne einer Wertekonstruktion im Zusammenspiel von Produzenten und Konsumenten identifiziert. Dies stützt sich auf illustrative Produktbeispiele, darunter die (hier wohl unvermeidliche) Nürnberger Bratwurst, den Aischgründer Karpfen, fränkisches Landbier oder die örtliche Kirsch-, Meerrettich- und Hopfenproduktion. Dabei zeigt der Autor neue, verschiedene Sichtweisen integrierende Zugänge zum Thema der Produkt-Regionalisierung auf, welche mittelbar auch für Anwendungskontexte Anregung bieten.
Insgesamt argumentiert die Arbeit wissenschaftlich fundiert (dabei keineswegs ‚bierernst') und importiert aus dem Ausland wie aus anderen Disziplinen in erfrischender Weise neue konzeptionelle Ideen in die Humangeographie. Dieses Buch-Produkt erscheint zwar ob seiner Textfülle zunächst nicht ‚leicht verdaulich', schafft aber durch die sprachlich versierte Darstellung, die fachliche wie regionalpolitische Relevanz des Themas sowie ein erfreulich hohes Niveau der Argumentation und (Selbst)Reflexion in vielfältiger Hinsicht Lesegenuss.    
Autorin: Martina Fromhold-Eisebith

Quelle: Erdkunde, 61. Jahrgang, 2007, Heft 2, S. 210-211

Kommentar schreiben