Mike Davis: Planet der Slums. Hamburg 2007. 247 S.

Worldwatch Institute (Hg.): Der Planet der Städte. Zur Lage der Welt 2007. Münster 2007. 366 S.

Erstmals in der Geschichte der Menschheit leben im Jahr 2007 weltweit mehr Menschen in Städten als im ländlichen Raum. So weisen es UN-Statistiken aus. Dieses Ereignis ist Aufhänger für die beiden hier besprochenen, ansonsten sehr unterschiedlichen Neuerscheinungen.

Der populäre US-amerikanische Historiker Mike Davis vergleicht dieses Datum mit dem ihm eigenen Sinn für Dramatik mit der neolithischen Wende oder der industriellen Revolution. Nun ist die Erkenntnis gewiss nicht ganz neu, dass die großen Städte der Welt, vor allem die in Entwicklungsländern und dort die Millionen- und Megastädte in aller erster Linie, seit drei oder vier Jahrzehnten in beängstigendem Maße wachsen. Und zwar schneller als Städte je zuvor in der Geschichte der Menschheit. Das Ausmaß dieses Prozesses ist gut dokumentiert in den Weltentwicklungsberichten, in Publikationen der UN und von UN-Habitat. Die Facetten und die Ursachen des Prozesses werden auf der ganzen Welt von Bevölkerungs- und Sozialwissenschaftern seit Jahrzehnten dokumentiert und erforscht. Was also ist neu an Mike Davis' viel beachtetem Buch?
Zunächst der bewundernswerte Materialreichtum, die Breite der wissenschaftlichen und planungspraktischen Literatur zu Afrika, Asien und Lateinamerika, die er verarbeitet hat, die Vielzahl der Fallstudien, aus denen er zitieren kann. Die Virtuosität, mit der er zwischen Kinshasa, Hongkong, Kumasi, Lima, den Städten der ehemaligen Sowjetunion oder dem Gaza-Streifen hin und her springt. So entfaltet er ein facettenreiches Panorama der Verstädterung in Armut, der unterschiedlichen Überlebensstrategien von Slumbewohnern und Squattern, der ökologischen Probleme in den Armensiedlungen, der Reaktionen der jeweiligen Staatsmacht, der Politik der Weltbank und der Rolle von Nichtregierungsorganisationen. Das ist nicht schlecht geschrieben, vieles wird mit einer gehörigen Portion Pathos vorgetragen. Häufig wirkt die Zick-Zack-Reise über den ganzen Erdball aber etwas atemlos, viele Fallstudien werden anekdotenhaft, unvollständig erzählt, gerade so, dass sie ins Gesamtbild passen. Der Leser reibt sich die Augen, bleibt ratlos zurück. Etwas weniger Material, dafür mehr zu Ende erzählte Fallstudien wären überzeugender gewesen.
Doch Davis geht es offensichtlich um das Gesamtbild: Für ihn stehen die Gemeinsamkeiten der Slums auf der ganzen Welt im Zentrum, deshalb macht es ihm wenig aus, Fallstudien aus ihrem kulturellen und historischen Kontext herauszureißen und in einer Collage zu einem kohärenten Panorama zu verarbeiten. Aber hat sich die entwicklungstheoretische Debatte nicht schon vor 30 Jahren von den großen, allumfassenden, alles erklärenden Theorien verabschiedet, um sich mehrdimensionalen Erklärungen zuzuwenden, die regionale und kulturelle Besonderheiten einbeziehen? Davis jedenfalls versucht sich an einer aus seiner Sicht allgemeingültigen Typologie von Slums (35), die bestimmte Slumformen Siedlungsformen zuordnet. So etwas mag als heuristisches Instrument sinnvoll sein, bei ihm steht die Typologie aber fast wie ein Dogma da. Jeder, der auf dem Gebiet arbeitet, könnte mit dem Finger auf Widersprüche zeigen, auch anhand der von ihm zitierten Arbeiten. Auch sein eigener Text steckt voller Widersprüche: Einmal nennt er die Bewohner von Mietwohnungen grundsätzlich "die machtlosesten Slumbewohner" (47), während er ein paar Seiten vorher dargelegt hat, welchen spezifischen Schutz vor Mietwucher Slumbewohner in Westafrika genießen. "Gaza", der größte Slum der Welt, heißt es an einer Stelle im Nebensatz. Das klingt plakativ, aber müsste nicht gerade ein Historiker die sehr spezifische Geschichte des Gazastreifens, die mit nichts auf der Welt vergleichbar ist, im Blick haben? Die Hauptargumentationslinie des Buches ist schnell zusammengefasst: Städtisches Wachstum und industriell-ökonomische Entwicklung haben sich mit Ausnahme der Tigerstaaten und Chinas entkoppelt (auch dies beileibe keine neue Erkenntnis). Die Schuldenkrise der achtziger Jahre und die folgenden Strukturanpassungsprogramme des IWF und der Weltbank haben zur weltweiten Agrarkrise und dann zur Landflucht geführt. Weltbank, UNDP und Nichtregierungsorganisationen hätten seit den neunziger Jahren eine unheilige Allianz gebildet und sich den Ideen des peruanischen Ökonomen Hernando de Soto verschrieben und propagierten nun das Patentrezept: Vergabe von Eigentumstiteln und Kleinkrediten für Slumbewohner, um wirtschaftliche Entwicklung auch in den Slums einzuleiten. Die Wirklichkeit sehe anders aus. Eine Milliarde Menschen gehöre heute schon zur überflüssigen Bevölkerung.
Das alles ist sicher nicht falsch, nur eben hemmungslos holzschnittartig und vereinfachend. So wird der britische Architekt John Turner, von dem der Satz stammt, der Squatter sei nicht das Problem, sondern die Lösung, in Davis' Darstellung zum Vordenker der Weltbank (78). Das ist mindestens unhistorisch. Denn John Turners Ausspruch richtete sich zunächst gegen die paternalistische Haltung seiner Fachkollegen und gab den Slumbewohnern ihre Würde als Handelnde zurück. Er hat Generationen von Basisorganisationen inspiriert. Dass einzelne seiner Ideen später von der Weltbank aufgegriffen wurden, ist eine andere Geschichte. Turner aber in einem Satz mit McNamara zu nennen, hat er nicht verdient. Eine Streitschrift hat der Rezensent der Frankfurter Rundschau das Buch von Mike Davis genannt. Es ist überdeutlich, wogegen der Autor streitet (auch wenn seine Thesen nicht sonderlich originell sind), aber für welche bessere Welt er sich einsetzt, wird nicht so recht deutlich.
Der Band "Planet der Städte" hat genau das zum Ziel: eine kritische Bestandsaufnahme mit der Darstellung alternativer Handlungsmöglichkeiten zu verknüpfen. Der Band ist von Mitarbeitern des renommierten Worldwatch Institute und ausgewählten Wissenschaftlern anderer Institute geschrieben. In acht Kapiteln wird erst ein Überblick über den Stand der Urbanisierung, dann über die wichtigsten sektoralen Planungs- und Entwicklungsprobleme der Metropolen gegeben: Wasser und Abwasser, Landwirtschaft in den Städten, Verkehr, städtische Energieversorgung, Schutz vor Naturkatastrophen und Entwicklung von lokalen Ökonomien. Dabei bezieht sich die Darstellung nicht ausschließlich auf Entwicklungsländer. Die Autoren eint die Überzeugung, dass trotz aller politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Unterschiede die Städte in Entwicklungs- und Industrieländern viele gemeinsame Probleme haben. Und dass Lösungen zwar nicht in jedem Fall übertragbar sind, man aber allemal voneinander lernen könne. Jeder der Autoren versucht auf seine Weise, die Brücke zwischen Analyse, Bestandsaufnahme und Lösungswegen zu schlagen. Den Überblickskapiteln zu den sektoralen Themen sind prägnante Fallstudien über gute Praxis an die Seite gestellt. Leider kommen einige dieser Beiträge zu sehr als Erfolgsgeschichten daher. Kein Wunder, denn meist wurden Politiker oder Planer um diese Beiträge gebeten, die eng mit dem jeweiligen Projekt verbunden waren.
Natürlich kann man kritisieren, warum bestimmte Fallstudien ausgewählt wurden und andere nicht. Ist Freetown wirklich das beste Beispiel für Landwirtschaft in der Stadt? Und warum wird für Verkehrsplanung nach menschlichem Maß schon wieder das brasilianische Curitiba bemüht? Hat man diese Geschichte  nicht oft genug gelesen? Auffallend für mich als europäischer Leser ist ein anderer Aspekt der Materialauswahl. Auch die Wissenschaftler einer Organisation der internationalen Gegenöffentlichkeit wie des Worldwatch Institute greifen fast ausschließlich auf Material zurück, das in englischer Sprache publiziert worden ist, gelegentlich noch auf spanischsprachige Quellen. Wie ist es sonst zu erklären, dass fast keine Beispiele aus Deutschland, Frankreich, der Schweiz und dem mittleren und östlichen Europa vorgestellt werden? Zum Thema Verkehrswende und Entschleunigung sowie den möglichen Auswirkungen auf den städtischen Verkehr gibt es seit Jahren eine entfaltete Debatte im deutschsprachigen Raum. Warum wird nichts davon aufgenommen? Warum wird am Ende des Kapitels ein Stadtporträt von Melbourne vorgestellt, nicht aber Zürich, Basel oder Münster? Das Gleiche gilt für das Kapitel über erneuerbare Energien. Deutschland ist bekanntlich führend auf dem Gebiet, aber in dem entsprechenden Artikel wird nur einmal Freiburg im Nebensatz erwähnt. Schade, vielleicht liegt es auch an meinen Fachkollegen, die ihre Arbeiten zu wenig in englischsprachigen Medien publiziert haben.
Für den umgekehrten Transfer von Wissen ist dieser Band jedenfalls ein positives Beispiel. Es ist ja heute keineswegs selbstverständlich, dass ein so umfangreiches und materialreiches Werk ins Deutsche übersetzt wird. Insgesamt ist dem Übersetzerkollektiv auch ein lesbarer deutscher Text gelungen - von einigen holprigen Stellen einmal abgesehen. Population bezeichnet im Deutschen zwar auch eine Ansammlung von Lebewesen, aber eben nicht die menschliche Bevölkerung. Das englische transport planning heißt auf Deutsch Verkehrsplanung. Nun ja, so etwas kann passieren bei Hunderten eng bedruckter Seiten.
Autor: Einhard Schmidt-Kallert

Quelle: Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie Jg. 51 (2007) Heft 3/4, S. 257-259



Kommentar schreiben