Michael Waibel, Rolf Jordan, Helmut Schneider (Hg.): Krisenregion Südostasien. Alte Konflikte und neue Kriege. Bad Honnef 2006 (Arbeitsgemeinschaft für Pazifische Studien: Pazifik Forum Band 11). 169 S.

In der interdisziplinären Entwicklungsforschung sind "neue Kriege" und Gewaltökonomien ein noch relativ junges, aber umso aktuelleres Thema, dessen Bedeutung nicht nur in Bezug auf Afrika, sondern - wie in dem vorliegenden komprimierten Sammelband deutlich wird - auch für den südostasiatisch-pazifischen Raum groß ist. Noch immer sind weite Teile Südostasiens zumindest in der deutschsprachigen Geographie wenig bearbeitet, so dass dieses Buch aus der Sicht der Politischen Geographie eine markante Lücke für diesen Raum füllt.

Das große Plus des von einem neunköpfigen Autorenteam verfassten Bandes liegt in seiner Komprimiertheit, guten Lesbarkeit und der für ein Taschenbuch überdurchschnittlich attraktiven kartographischen Illustration der auf Deutsch und Englisch verfassten Beiträge.
In zwei Überblicksbeiträgen geben die Herausgeber Michael Waibel, Rolf Jordan und Helmut Schneider den aktuellen Wissensstand über alte, strukturell angelegte Konflikte in Südostasien und die Spezifika der sogenannten "neuen Kriege" im südostasiatisch pazifischen Großraum wieder. Deutlich wird, dass auch in dieser Region weniger kulturelle Differenz und heterogene Ethnizität die Hauptgründe für innerstaatliche Konflikte darstellen, sondern es aufgrund von Zentrum-Peripherie-Dichotomien zu Staatszerfallsprozessen, zu einer Privatisierung und Kommerzialisierung von Gewalt sowie gleichzeitig zur Entstehung von offenen Gewalträumen und Gewaltmärkten kommt, in denen unterschiedliche Akteure sich ökonomisch wertvolle, auf dem globalen Markt nachgefragte Ressourcen aneignen, um Guerillakriege zu finanzieren. Neben der internen Ressourceninwertsetzung kommt der externen finanziellen und waffentechnischen Unterstützung eine große Bedeutung für die verschiedenen Kriegsökonomien speziell in denjenigen Konflikten zu, wo muslimische Rebellen auf Hilfe von Glaubensbrüdern aus dem Ausland rechnen können. Dies belegen der Aufsatz von Helmut Schneider zu den Gewaltkonflikten in Süd-Thailand und im Süden der Philippinen sowie die Beiträge von Shane Joshua Barter und Patrick Ziegenhain über den säkularen Konflikt in der indonesischen Provinz Aceh auf Sumatra. Auch im Beitrag von Alfred Oehlers geht es um alte und neue Konflikte in Burma (Myanmar), wo minoritäre Bevölkerungsgruppen seit der Unabhängigkeit systematisch von einem alles zentralisierenden Militärapparat entrechtet und ihrer Verfügungsrechte an heimischen Ressourcen beraubt werden. Volker Böge wendet sich in seinem Aufsatz den internen Spannungen auf den Salomonen zu, die als ein recht eigenartiges Beispiel eines failing state im Pazifik-Raum gelten können, wo globalisierungsbedingte politisch-ökonomische Merkmale eines "neuen Krieges" kaum eine Rolle spielen. Der kambodschanische Wissenschaftsbuchautor und Mitarbeiter des Document Centre of Cambodia, Meng-Try Ea, behandelt in seinem Artikel vor dem Hintergrund seiner Tätigkeit in der Gedenkstätte Probleme und Notwendigkeiten der nationalen Versöhnung nach der Schreckensherrschaft der Khmer Rouge. Andrea Fleschenberg beschäftigt sich in ihrem Beitrag mit der Nachkriegsordnung und den Schwierigkeiten des Prozesses der Vergangenheitsbewältigung auf Ost-Timor nach den schrecklichen Massakern an der osttimoresischen Zivilbevölkerung durch proindonesische Milizen im Zuge des Unabhängigkeitskampfes.
Insgesamt bildet der kleine Sammelband einen hervorragenden, kompakten Einblick in den hochkomplexen politischen Problemraum Südostasien-Pazifik, der bei oberflächlicher Betrachtung allzuoft lediglich als wirtschaftliche Boom-Region der zweiten und dritten Tiger- Generation gesehen wird.
Autor: Thomas Kring

Quelle: Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie Jg. 51 (2007) Heft 3/4, S. 261-262

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