Gerd Kohlhepp (Hg.): Brasilien. Entwicklungsland oder tropische Großmacht des 21. Jahrhunderts? Tübingen 2003. 266 S.

Die Frage nach der politischen und ökonomischen Stellung des größten südamerikanischen Staates innerhalb der Region ist deshalb von besonderem Reiz, weil Brasilien seit Jahrzehnten als Schwellenland hochgehalten wird, wirkliche Entwicklungsdurchbrüche jedoch bislang ausgeblieben sind.

Darauf weist der Herausgeber in seinem einleitenden Beitrag ebenso hin wie Andreas Boeck in den Ausführungen zur Reform(un)fähigkeit Brasiliens, Eckhart Ribbeck und Martin Coy über die Probleme zur Stadt- und Regionalentwicklung oder Martina Neuburger zu Verarmungs- und Ausgrenzungsprozessen. Wenn die Frage nach der Bedeutung der Globalisierung für Brasilien auch nur in dem Beitrag von Elmar Altvater ausführlicher behandelt wird, so durchzieht sie doch erkennbar das gesamte Buch. Dies schlägt sich beispielsweise in der Bewertung der Funktion von São Paulo als "affected global city" (Kohlhepp, 32), in den Überlegungen zu Fragmentierung und Verwundbarkeit (Neuburger, 172 f.) oder in den Ausführungen zu den aktuellen weltmarkterzwungenen Auswirkungen auf die peripheren Räume des Landes (Coy, 221 ff.) nieder.
Vor dem Hintergrund dieser kritischen Überlegungen, die in gewisser Weise selbst in den ökologisch orientierten Beiträgen von Wolfgang J. Junk und Wolf Engels aufscheinen, gewinnt der einführende Beitrag von Gerd Kohlhepp zur Frage, ob Brasilien als Schwellenland oder wirtschaftliche Führungsmacht des Subkontinents angesehen werden kann, eine besondere Bedeutung. Die Antwort, Sichten der übrigen Beiträge reflektierend und auf breiter Datenanalyse beruhend, fällt recht realistisch aus: "Brasilien, das mit einem hohen natürlichen Potenzial ausgestattet ist, könnte bei merkbarer Verringerung der sozialen Probleme und wirtschaftlicher Konsolidierung nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ eine Führungsrolle in Lateinamerika einnehmen" (51). Doch wer - und diese Frage stellt sich für zahlreiche andere Länder - ist fähig und daran wirklich interessiert, die "Verringerung" und "Konsolidierung" durchzusetzen?
Diese Aufsatzsammlung fasst Einsichten in die aktuelle Situation Brasiliens zusammen und fordert zu kritischer Auseinandersetzung heraus. Sie ist daher nicht allein für jene interessant, die sich mit Lateinamerika beschäftigen, sondern für alle, die die Frage nach Perspektiven des Südens in Zeiten der Globalisierung beschäftigt.
Autor: Fred Scholz

Quelle: Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie Jg. 51 (2007) Heft 3/4, S. 264

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