Angkor - Göttliches Erbe Kambodschas. [Katalog ersch. anlässlich der Ausstellung Angkor. Göttliches Erbe Kambodschas vom 15. Dezember 2006 bis 9. April 2007 in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Bonn]. Hg.: Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH. Koordination: Jutta Frings. Wiss. Bearb. und Red.: Wibke Lobo. München, Berlin 2006. 355 S.

Die Ruinen von Angkor gelten zu Recht als eines der bedeutendsten Kulturerben der Menschheit. Als Zentrum des Khmer-Reiches, das zwischen dem 9. und 14. Jahrhundert über das heutige Kambodscha hinaus große Teile von Südostasien umfasste, hinterließ Angkor eine kaum überschaubare Fülle von herausragenden künstlerischen Arbeiten. Um wenigstens einen kleinen Teil dieses kostbaren Erbes einem weiteren Personenkreis nahe zu bringen, wurden im Jahr 2007 zwei Ausstellungen in Bonn und Zürich organisiert.
Die vorliegende Publikation ist der dazugehörige Katalog. In diesem sind die über 130 Ausstellungsgegenstände in hervorragender Weise abgebildet, beschrieben und erklärt. Darüber hinaus enthält der Katalog 25 Textbeiträge zu verschiedenen Themen, die uns das Gesamtphänomen Angkor in seiner Vielfalt aus unterschiedlichen Perspektiven vor Augen führen. Auffallend ist, dass unter den Autoren nur vereinzelt Deutsche, dafür um so mehr Franzosen (was angesichts der kolonialen Vergangenheit Kambodschas nicht überrascht) und erfreulicher Weise auch mehrere Khmer vertreten sind.
Die Beiträge sind in sechs Kapitel unterteilt:
Kapitel I (ein Beitrag von PIERRE BAPTISTE) befasst sich mit der knapp drei Jahrhunderte währenden Entdeckungsgeschichte (1585-1882) der Tempelanlagen.
Kapitel II stellt in vier Beiträgen die Vorgeschichte und die ersten Khmer-Reiche (bis zum 8. Jh.) vor, darunter die früheren Territorialmächte Funan und Zhenla. Außerdem wird der Einfluss von Buddhismus und Brahmanismus erläutert.
Die beiden folgenden Kapitel widmen sich der Blütezeit Angkors: Kapitel III (in fünf Beiträgen) unter dem Titel "Angkor als Zentrum der Macht" dem Zeitraum vom 9.
bis 12. Jahrhundert. Hervorzuheben ist der Aufsatz von CHRISTOPHE POTTIER über "Siedlungsmuster und Wassermanagement", eine zeitlich-räumliche Darstellung der territorialen Entwicklung und des Verhältnisses zwischen den verschiedenen Städten und ihrem ländlichen Umfeld.
Kapitel IV befasst sich in fünf Beiträgen mit der zwar kurzen aber äußerst bedeutenden Herrschaftszeit von Jayavarman VII und der von ihm errichteten Hauptstadt Angkor Thom. Besonders beeindruckt der städtebaulich interessante Aufsatz von JACQUES GAUCHER über die "Geometrie der Macht", einer Interpretation des streng geometrischen Grundrisses von Angkor Thom.
Wie von den Herausgebern des Buches betont, geht es ihnen nicht nur um eine Darstellung der Khmer-Herrschaft und deren architektonisch-künstlerischen Nachlass, sondern ausdrücklich auch um deren Nachwirkungen auf die kambodschanische Gesellschaft bis in die Jetztzeit. Folgerichtig befassen sich die vier Beiträge in Kapitel V unter dem Titel "Rückkehr an den Mekong - Kontinuität und Wandel" mit der Entwicklung nach dem 15. Jahrhundert, u.a. mit einer Erklärung für die Verlegung der Hauptstadt an den Standort des heutigen Phnom Penh. Sie verdeutlichen, dass mit dem Ende der Khmer-Herrschaft zwar die bauliche Entwicklung Angkors ein Ende fand, dass aber das kulturelle Erbe bis auf den heutigen Tag in der kambodschanischen Gesellschaft fortlebt.
Kapitel VI schließlich konzentriert sich in sechs Beiträgen auf die heutigen Bemühungen um den Erhalt Angkors.
Hierbei wird zum einen die Rolle der Museen beleuchtet, zum anderen werden die zahlreichen nationalen und internationalen Aktivitäten vorgestellt, die an dieser z.Zt. "größten archäologischen Restaurierungsbaustelle der Welt" mitwirken, darunter das "Apsara"-Projekt der Fachhochschule Köln.
Es sind diese 25 Aufsätze, die den Band über seine engere Katalogfunktion hinaus zu einem erstrangigen wissenschaftlichen Werk erheben; es gibt meines Wissens im deutschsprachigen Raum kein umfassenderes und auch kein besseres. Hinzu kommen die prächtigen Abbildungen und das stilvolle Layout.
Bei einem so aufwändigen und verdienstvollen Werk dürfen kleinere Mängel vorkommen: So vermisst man eine (ausklappbare) Übersichtskarte (wie sie übrigens jeder Besucher beim Eintritt in die Tempelanlage in die Hand gedrückt bekommt). Die wirtschaftliche Situation und das Alltagsleben der Bevölkerung zu Zeiten Angkors kommen ebenso etwas kurz, wie auch die Auswirkungen der Schreckensherrschaft der "Khmer Rouge" auf die Tempelanlagen.
Diese geringfügigen Einwände können aber den Wert dieses großartigen Buches kaum schmälern.
Autor: Ulrich Scholz

Quelle: Erdkunde, 61. Jahrgang, 2007, Heft 3, S. 295-296

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