Rafael Stegen: Die Soziale Stadt. Quartiersentwicklung zwischen Städtebauförderung, integrierter Stadtpolitik und Bewohnerinteressen. Münster 2006 (Stadtzukünfte 3). 336 S.

Das Bund-Länder-Programm "Soziale Stadt" wurde vor fast zehn Jahren aus den Erfahrungen der kommunalen Sanierungspraxis heraus und auf Basis vieler Untersuchungen der angewandten Stadtforschung entwickelt. Es wird seit 1999 in mittlerweile 498 Gebieten in 318 Städten und Gemeinden umgesetzt und ist bereits Gegenstand zahlreicher Evaluationen gewesen. Auf diesen breiten empirischen Erfahrungsschatz kann sich die hier zu besprechende Arbeit von Rafael Stegen stützen, die das Ziel verfolgt, das Thema der sozialen Stadtentwicklung wissenschaftlich zu reflektieren.
Der Einblick in die Kostenkalkulation eines Programmgebietes der Sozialen Stadt stößt Stegen auf ein daraufhin von ihm systematisch beobachtetes Phänomen: Entgegen dem Anspruch einer integrierten Stadtentwicklung werden in vielen Programmgebieten der Sozialen Stadt eher klassisch-städtebauliche Maßnahmen umgesetzt, als dass (mit monetären Mitteln) in die Bewältigung sozialer Problemlagen oder die Stärkung vorhandener Potenziale investiert würde. Ausgehend von dieser "Ungereimtheit" widmet sich Stegen der Frage, inwieweit das im Programmansatz geforderte integrative Vorgehen angesichts der bestehenden politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen der Städtebauförderung überhaupt umgesetzt werden kann. Dabei untersucht er nicht nur die ortsspezifischen Bedingungen seines Untersuchungsgebietes Bremerhaven Wulsdorf-Ringstraße, sondern arbeitet auch allgemein-strukturelle Hemmnisse bei der Programmumsetzung heraus.
Stegen entwickelt seine Arbeit in neun Kapiteln, die im Wesentlichen drei Inhaltskomplexen zugeordnet werden können. Dies sind eine Einführung in Stadtentwicklungspolitik und Städtebauförderung, die Fallstudie zum Untersuchungsgebiet und die Diskussion der daraus abgeleiteten Strukturprobleme. Nach einer einleitenden Schilderung der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entstehungsbedingungen sozialräumlicher Polarisierung stellt Stegen zunächst den Weg der Stadtentwicklungspolitik hin zu einem Ansatz integrierter Stadtentwicklung dar (Kap. 1 u. 2). Die im Rahmen der Stadtentwicklung zum Tragen kommenden Entscheidungsstrukturen und Regelsysteme betrachtet er mit dem Blick des akteurszentrierten Institutionalismus. Dabei stellt er heraus, dass die vielschichtigen Probleme der Städte unter der Voraussetzung ebenfalls komplex verflochtener politischer Entscheidungsebenen und Akteure mit ihren unterschiedlichen Interessen und Handlungsmöglichkeiten kaum gelöst werden können.
Es folgt ein ausführlicher Überblick über die Entwicklung der Städtebauförderung als Instrument der Stadtentwicklung (Kap. 3). Hier zeichnet Stegen die Paradigmenwechsel bezüglich des Verständnisses der Stadtentwicklung über einen Zeitraum von 30 Jahren nach, bis hin zur Auflage des Programms Soziale Stadt als Weiterentwicklung im Hinblick auf die Erfordernisse einer Sanierungspraxis, die auch soziale Aspekte berücksichtigt.
In der Fallstudie zum Programmgebiet "Wulsdorf-Ringstraße" (Kap. 4 u. 5) bietet der u. a. teilnehmend-beobachtende Autor einen tiefen Einblick in das Stadtteilgeschehen und lässt unterschiedliche Bewohner, Nachbarn und planende Akteure zu Wort kommen. Der Leser erfährt so die Sicht der Akteure auf Problemlagen und Potenziale des Stadtteiles und erhält einen Überblick über die Umsetzung des Sanierungsverfahrens. Ansätze der Verknüpfung von baulicher Sanierung und sozialen Maßnahmen werden - wie in der Problemschilderung der Arbeit angedeutet - als stark ausbaubedürftig bestätigt.
Aus den Erkenntnissen seiner Fallstudie leitet Stegen allgemeine strukturelle Probleme des Programms "Die Soziale Stadt" ab, die ein integriertes Vorgehen erschweren (Kap. 6). Unter Einbezug einschlägiger Quellen wie der Programmbegleitung des Difu (2003) und der Zwischenevaluierung des BMVBW (2004) stellt er u. a. eine weitverbreitete Unklarheit bezüglich des Einsatzes und der Verwendung der finanziellen Mittel aus dem Programm Soziale Stadt fest. Außerdem konstatiert er bspw. mangelnde Erfahrungen in der ressortübergreifenden Zusammenarbeit verschiedener Verantwortungs- und Entscheidungsträger.
Die aus den Strukturproblemen abgeleiteten Fragestellungen führen den Autor zu Expertengesprächen mit Vertretern aus Politik, Verwaltung und Wissenschaft (Kap. 7), die schließlich in Vorschläge für eine Stadtentwicklungspolitik münden, die dem Anspruch integrierten Vorgehens gerecht wird (Kap. 8). Dies sind u. a. der Vorschlag, Multiplikatoren stärker in die Entscheidungsprozesse einzubinden, das Überdenken von Planungsidealen (bspw. der Durchmischung von Bevölkerungsgruppen, S. 261), Verwaltungsschulungen und eine unabhängig durchgeführte Evaluation der Stadtentwicklung. Abschließend (Kap. 9) formuliert Stegen das Forschungsdesiderat, Möglichkeiten einer Reform der Städtebauförderung zu ermitteln, und fordert die verantwortlichen Akteure zu mehr "Mut, Veränderungswillen und Visionen" angesichts der Querschnittsaufgabe Stadtentwicklung auf.
Der Theoriebezug der Arbeit ergibt sich aus dem akteurszentrierten Institutionalismus nach Mayntz und Scharpf, den der Autor als Analyseinstrument für seine Arbeit nutzt, jedoch nicht gegenüber anderen Ansätzen diskutiert und nur ansatzweise begründet. Auch innerhalb der Arbeit sind kaum theoretische Rückbezüge zu finden, dafür findet jedoch eine intensive sachbezogene Auseinandersetzung mit den vielschichtigen gesellschaftlichen, politischen und juristischen Rahmenbedingungen von Stadtentwicklung statt. Die Interpretation der Ergebnisse hebt sich analytisch nicht deutlich von den in der Fallstudie präsentierten Ausführungen ab. Tatsächlich können die Schlussfolgerungen, die der Autor aus seiner Untersuchung zieht, als Bestätigung der Ergebnisse bereits bestehender Evaluationen zum Programm Soziale Stadt, bspw. der Zwischenevaluierung des Instituts für Stadtforschung und Strukturpolitik GmbH (IfS) von 2004, gelesen werden.
Aus geographischer Sicht lässt diese Dissertation eine raumtheoretische Reflektion des Quartiersansatzes vermissen. So folgt Stegen in seinen Ausführungen sehr eng der im Programm liegenden territorialen Logik - die sich in der Abgrenzung von Sanierungsgebieten ausdrückt -, ohne den territorialen Ansatz selbst in Frage zu stellen. Dabei zeigt gerade die Praxis der Sozialen Stadt, dass Problemen wie Arbeitslosigkeit kaum auf Stadtteilebene begegnet werden kann und dass viele "Quartiersprobleme" über die festgelegten Gebietsgrenzen hinausgehen. Stegen deutet dies zwar durchaus an (S. 247), hätte aber das Potenzial der Frage, wie Räume bzw. territoriale Grenzen als Unterscheidungsformen in dem Programm und seiner Umsetzungspraxis vorkommen und welche Auswirkungen dies (etwa hinsichtlich der Stigmatisierung von Quartieren) hat, stärker nutzen können.
Insgesamt bietet das Buch eine umfassende und gut zu lesende Einsicht in das Problemfeld Soziale Stadt und die bereits in der Programmkonzeption angelegten Umsetzungsschwierigkeiten. Die Fallstudie lenkt den oftmals auf Defizite im Stadtteil gerichteten Blick auf die Potenziale (hier: Potenziale der gewachsenen türkischen Nachbarschaft), die von den Sanierungsverantwortlichen allerdings nicht entsprechend genutzt werden. Die Handlungsempfehlungen, die sich aus der Fallstudie und aus der Ableitung der strukturellen Probleme ergeben, fügen sich in bestehende Diskussionen innerhalb der Stadtteilentwicklung ein. Sie können insgesamt als Plädoyer für mehr Spielräume in der Gestaltung sozialer Maßnahmen und für mehr Beteiligung und Mitverantwortung der Bewohner aufgefasst werden, worin ja auch der beabsichtigte Sinn des Programms "Die Soziale Stadt" liegt.
Das Buch kann insbesondere Praktikern aus dem Bereich der integrierten Stadtentwicklung und denjenigen, die an der Weiterentwicklung des Programms Soziale Stadt interessiert sind, zur Lektüre empfohlen werden. Denn Stegen illustriert in seiner Arbeit Probleme, die für viele Praktiker einen hohen Wiedererkennungswert haben dürften. Zudem bietet Stegens Buch wichtige Anregungen für eine stärkere Reflektion sowohl der aktuellen Stadtentwicklungspraxis als auch des Programms insgesamt.
Autoren: Andreas Pott und Regine Prabel

Quelle: Geographische Zeitschrift, 95. Jahrgang, 2007, Heft 3, Seite 177-178

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