Franck Goddio und Manfred Clauss (Hg.): Ägyptens versunkene Schätze. München, Berlin, London, New York 2006. 464 S.

Das Werk ist als Begleitband konzipiert, der die Ausstellung "Ägyptens versunkene Schätze" dokumentiert, welche bereits im Berliner Gropius-Bau zu sehen war und noch bis Anfang 2008 in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn zu sehen sein wird. Die Ausstellung präsentiert spektakuläre Funde, die einem Forscher-Team um den französischen Unterwasserarchäologen FRANCK GODDIO im Mittelmeer vor der Küste des westlichen Nildeltas gelangen.

Eigentlich war man hier in der Bucht von Abukir auf der Suche nach Überresten der von Admiral Nelson versenkten napoleonischen Expeditionsflotte gewesen; doch - wie so oft bei bedeutenden Unternehmungen - kamen ganz andere Befunde zu Tage. Von größter Bedeutung ist dabei die Entdeckung der antiken Hafenstädte Kanopis und Heraklion-Thonis, deren Existenz anhand antiker Quellen bislang nur vermutet, deren genaue Lage aber noch nicht dokumentiert werden konnte. Unmittelbar vor der Küste des westlichen Nildeltas im Bereich des ehemaligen Kanopischen Nilarmes konnten nun die Überreste der beiden Städte im ausgesprochen sedimentreichen und daher trüben Wasser lokalisiert werden. Ergänzt werden die dort gewonnen Erkenntnisse durch ebenfalls neue Befunde aus dem Bereich des antiken Hafenbeckens von Alexandria, so dass sich insgesamt ein klares Bild früherer Umweltverhältnisse eines Küstenstreifens zeichnen lässt, der am Ende der Spätantike zunächst durch Erdbeben und Flutwellen zerstört und dann nach dem Absinken des Festlandsockels vom Meer verschlungen wurde.
Rekonstruktionen zeigen eine amphibische Nildelta-Landschaft, in der den Städten Heraklion-Thonis und Kanopis sowie später auch dem jüngeren Alexandria eine bedeutende Schlüsselrolle als nicht nur geographisches, sondern auch kulturelles Bindeglied zwischen dem Alten Ägypten und der griechischen Welt zukam. Dabei werden im Bereich des
seinerzeit noch fünf Mündungsarme umfassenden Nildeltas z.T. paläogeographische Szenarien bestätigt, die schon seit langem auch die geographische Forschung beschäftigen (siehe z.B. WUNDERLICH, J. (1989): Untersuchungen zur Entwicklung des westlichen Nildeltas im Holozän. Marburger Geogr. Schriften 114). Auf beeindruckende Weise gelingt es den Ausstellungsmachern, die unterschiedlichen Schritte der Rekonstruktion früherer Umwelten der ägyptischen Spätantike transparent zu machen. Dazu wurden modernste Methoden der Unterwasserarchäologie sowie der Satellitenbild- und Sonarauswertung eingesetzt. Bei der Auswahl dieser Techniken konnten GODDIO und sein Team auf großzügige finanzielle Unterstützung durch die Hilti Foundation zurückgreifen, ohne deren Engagement vieles in den Bereichen Fundprospektion, Bergung, Konservierung und Präsentationsaufbereitung sicher nicht hätte realisiert werden können.
Der Ausstellungskatalog zeigt nahezu 500 der insgesamt über 18.000 Fundstücke, die GODDIO und sein Team aus dem Mittelmeer vor Alexandria, Kanopis und Heraklion-Thonis bargen. Sie decken eine Spanne von nahezu 1.500 Jahren ab, die von den letzten Pharaonen über die Römerzeit bis zum Ende der christlichen Epoche im 7. Jahrhundert reicht. Faszinierend wirkt dabei, dass neueste Fundstücke der GODDIO-Unternehmung z.T. jetzt an schon seit Jahrzehnten bekannte und in anderen Museen (Louvre in Paris, Griechisch-Römisches Museum in Alexandria) aufbewahrte Fragmente passgenau angefügt werden konnten. Auf diese Weise wurden jetzt eine Isis-Statue und ein Naos-Kalenderschrein wieder nahezu komplettiert sowie eine Zollgebührenstele ihrem aus Alexandria bekannten Schwesternstück gegenüber gestellt. Der überwiegende Teil der ausgestellten und im Katalog gezeigten Fundstücke belegt die kluge Politik der Ptolemäer, nach der griechische und einheimisch-ägyptische Religionselemente synkretistisch zusammengefasst und in ein staats-tragendes Abgabensystem integriert wurden.
Ägyptenkenner und solche, die sich dafür halten, müssen nicht erschrecken, wenn sie bislang noch nichts oder noch nicht allzu viel Fachliches von GODDIO gelesen haben, denn tatsächlich war dieser unkonventionelle Entdecker, der sich in seinen Texten bisweilen ganz unbescheiden in eine Reihe mit CHAMPOLION und anderen historischen Forscherpersönlichkeiten stellt, lange Zeit Finanz- und Regierungsberater, bevor er sich sehr erfolgreich der Unterwasserarchäologie zuwandte. Vor allem aus den Reihen der Ägyptologie, einer Disziplin, der ausgeprägter Fundneid unter Wissenschaftlern nicht ganz fremd ist, wird GODDIO wegen des Fehlens akademischer Grade und anderer Weihen regelmäßig angegriffen. Die große wissenschaftliche Bedeutung seiner Entdeckungen im Mittelmeer vor dem westlichen Nildelta ist jedoch ebenso unbestritten wie die Tatsache, dass seine Befunde für die unterschiedlichsten Wissenschaften noch über Jahre hinaus reichhaltiges Forschungsmaterial liefern werden.
Autor: Andreas Dittmann

Quelle: Erdkunde, 61. Jahrgang, 2007, Heft 4, S. 373

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