Stefan Kaufmann: Soziologie der Landschaft. Wiesbaden 2005 (Stadt, Raum und Gesellschaft). 369 S.

Die dem Raum zugewandte Sozialwissenschaft ist häufig gezwungen, sich zur Präsentation ihrer Ergebnisse einer Sprache zu bedienen, deren innere Kohärenz nicht durch ein striktes Set von Regeln garantiert ist. Sie ist immer gefährdet, sich in den Abgründen und Ambiguitäten räumlicher Semantiken zu verlieren, ohne ihre Ergebnisse in prüfbare Relationen überführen zu können. Räumliche Semantiken gibt es derer viele.

Region, Urbanität, Topophilia, Globalisierung, Ort, Grenze, Nation, Fremdheit oder Ghetto sind lediglich einige Beispiele aus diesem unüberschaubaren Fundus. Der Freiburger Soziologe Stefan Kaufmann fokussiert in seiner Habilitationsschrift auf eine der vielleicht irisierendsten räumlichen Semantiken, die der Landschaft, und prüft sie im Hinblick auf "Territorialisierungsprozesse im Sinne einer räumlichen Formung gesellschaftlicher Naturverhältnisse" (S. 17). Es geht Kaufmann letztlich um das problematische Verhältnis der Gesellschaft zu ihrem Naturraum. Der bereits im Titel angekündigte Entwurf einer "Soziologie der Landschaft" basiert auf einem zunächst phänomenologisch gefassten Landschaftsbegriff als "sichtbare, erfahrbare, räumlich ausgedehnte Natur" (S. 9). Diese Auffassung von Landschaft lasse einen Dualismus von Objekthaftigkeit als Natur-Kultur-Dichotomie und Bildhaftigkeit der Landschaft entstehen, der in der bisherigen Soziologie marginalisiert sei. Kaufmann weist die Bearbeitung des Natur/Kultur-Problems originär der Geographie zu, und die Auseinandersetzung mit der bildhaften Repräsentation der Landschaft sieht er in der Philosophie, Literatur- und Kunstwissenschaft verortet. Das ehrgeizige Ziel seiner Studie ist die Zusammenführung beider Aspekte der Landschaft in einer Disziplin, die er als Erweiterung der "raumsoziologischen Reflexion" (S. 13) um eine dritte Komponente neben der Globalisierungsdebatte und der Stadtsoziologie, und zwar um eine "Soziologie der Landschaft" begreift. Das analytische Potenzial dieses neuen raumsoziologischen Nachdenkens verdeutlicht im Anschluss an die theoretische Ausarbeitung der landschaftssoziologische Blick auf das American Grid System, das beide "Aspekte von Landschaft, ihre physisch-geographische und ihre ästhetische Kodierung" (S. 334), prototypisch auf sich vereint.
Kulturgeographisch informierten Leser(inne)n kommt dies leidlich neu vor, da spätestens die New Cultural Geography Natur und Bilder von Landschaften sowie die Implikationen dieser Zusammenführung seit Mitte der 1980er Jahre zu erklären versucht. Tatsächlich ist aus geographischer Sicht die soziale Konstitution von Landschaften und die Überführung von landschaftlichen Elementen in soziale Formen der interessanteste Aspekt der ambitionierten Studie. Kaufmann nimmt hierfür zunächst die Kritik von Gerhard Hard an dem Landschaftsbegriff der Geographen, den dieser "als Reifizierung eines ästhetischen Konstrukts" (S. 55) ansieht, zum Anlass, subjektzentrierte und geodeterministische Zugänge zur Landschaft als für sein Ansinnen unzulänglich zurückzuweisen. Joachim Ritter und Friedrich Ratzel dienen ihm an diesem Punkt als Referenzautoren. Ritter begreift Landschaft als kontemplative Begegnung mit vergangenen Landschaftstypen und somit als eine reine subjektive Reflexion. Ratzel hingegen entwirft Landschaft als eine evolutionstheoretisch ausgearbeitete geschichtsphilosophische Komponente. Er blendet damit die symbolischen Aufladungen von Landschaften systematisch aus und begründet so eine wichtige Tradition in der deutschen Landschaftsforschung. Dies wirkte noch bis in die Mitte der 1960er Jahre hinein auf geographische Arbeiten zur Landschaft. Bis zu diesem Zeitraum waren in der deutschen Kulturgeographie Versuche symbolischer Decodierungen der Landschaft verpönt. Kaufmann entgeht in seiner profunden Analyse kulturgeographischer Landschaftszugänge hingegen die phänomenologisch ausgerichtete Non-representational Theory, die akzeptiert, dass der Mensch zu gleicher Zeit einen vollständig in die Natur eingebundenen Körper und die Gabe besitzt, dies zu reflektieren. Unter Umständen hätte ein Einbezug der geographieinternen phänomenologischen Diskussion des Natur/Kultur-Repräsentationsproblems an dieser Stelle der Argumentation fruchtbar sein können und die historische Analyse näher an die Gegenwart herangeführt als dies mit den ausgewählten Referenzautoren Ritter und Ratzel möglich war.
In seinem interessanten eigenen Entwurf der Amalgamierung von Natur/Kultur im Begriff der Landschaft markiert Kaufmann zunächst eine scharfe Grenze zu rein sozialen Zugängen zur Natur und diskutiert aus diesem Grund die "Ökologische Kommunikation" von Niklas Luhmann. Die antimaterialistische, rein kommunikative Theorie Luhmanns sieht Kaufmann als nicht geeignet an, "die Vermittlungsschritte auszuloten, mit denen Natur und Technik in die Gesellschaft treten" (S. 115). Kaufmann knüpft an Latour und dessen in der Kulturgeographie vieldiskutierten Konzept der Hybridisierung von sozialen und natürlichen Phänomenen an, wenn er Landschaften eine "relative Existenz" (S. 124) zumisst. Die "relative Existenz" einer Landschaft bedeutet für den Autor, dass sich dauerhafte Vorstellungen, Interessen und Praktiken mit dem Phänomen verbinden und dessen Verschwinden daher nur schwer vorstellbar ist. Kaufmann verdeutlicht diesen Gedanken anhand der berühmten Studie von Fernand Braudel über den Mittelmeerraum, den Kaufmann als Landschaft mit relativer Existenz exemplifiziert. Unklar bleibt bei diesem Vorgehen jedoch der fundamentale Raumbegriff des Autors. Kaufmann erwähnt die kluge Differenzierung des Kulturgeographen Yi-Fu Tuan, der zwischen space, d. h. einer abstrakten mathematisch-geometrischen Bestimmung räumlicher Konfigurationen als Grundlage räumlich-funktionaler Ausdifferenzierungen, deren wichtigste Nähe/Distanz ist, und place, der sinnbehafteten, bedeutungsgeladenen räumlichen Abgrenzung selbst, unterscheidet. Kaufmann nimmt aber diese eingeführte Unterscheidung nicht zum Anlass, einen Raumbegriff vorzustellen, der anschließend die Grundlage analytischer Ausführungen zur Landschaft bildet, sondern er versucht stattdessen eine Amalgamierung des diskutablen Raumkonzepts von Martina Löw und des zehn Jahre älteren Modells der Raumbilder von Detlev Ipsen. Auf dieser Grundlage erfolgt die Ausarbeitung eines Landschaftsbegriffs, der als "sich wechselseitig bedingende ‚Fabrikation' von Natur und Kultur" (S. 38) firmiert. Genau an dieser Stelle zeigt sich eine Schwäche der Studie. Kaufmann optiert nicht für die systematische Ausarbeitung eines Raum/Ort-Konzepts, um einen Ort in der Argumentation zu gewinnen, auf den sich gewonnene Erkenntnisse rückbeziehen lassen, sondern er entscheidet sich für Generalisierungen, die anschließend als "programmatische Leitlinien" (S. 35) fungieren. Diese Inkonsequenz erschwert es im Anschluss, die von Kaufmann diagnostizierten Interferenzen zwischen ästhetischen und szientistischen Landschaftskonstitutionen nachzuvollziehen.
Kaufmann begreift Landschaften als Netzwerke gesellschaftlicher Naturbeziehungen. Landschaften gewinnen ihre Gestalt als deren phänomenologischer Aspekt und weisen eine "relative Existenz" auf. Diese gesellschaftlichen Naturbeziehungen, die Kaufmann mit dem Begriff der Landschaft subsumiert, dekonstruiert er im empirischen Teil am Beispiel des American Grid Systems, anhand dessen er aufzeigt, wie "in der Moderne soziale Wirklichkeit sich in Landschaften materialisiert, welche wiederum zum Stabilisierungsfaktor sozialer Wirklichkeit werden" (S. 160). Dieses Vorgehen erinnert stark an die "Registrierplatte" des Münchner Sozialgeographen Wolfgang Hartke, der diese Form von semiotischem Arbeiten in der Geographie populär machte. Die "Soziologie der Landschaft" weist daher viele Parallelen zur Münchener Schule der Sozialgeographie auf. In der Landschaft materialisiert sich sowohl im Fall der "Soziologie der Landschaft" als auch in den semiotisch ausgerichteten Arbeiten Hartkes letztlich immer der Wertekanon einer Gesellschaft.
Landschaft als Amalgam von Natur und Kultur manifestiert sich in deutlicher Art und Weise in der Raumgestaltung und den Raumbildern, die das American Grid System evoziert. Kaufmann liefert im zweiten Teil seiner Studie eine tiefgehende historische Analyse dieses einzigartigen und puritanisch-rationalen Verfahrens der Kolonisierung von bekannten sowie noch unbekannten, aber bereits antizipierten Raums. Die Herkunft des Gittermusters, so stellt Kaufmann fest, entstammt dem objektiven, rationalen und mathematischen Kalkül der Längen- und Breitenkreise. Es operiert somit gänzlich losgelöst von existierenden naturräumlichen Bedingungen und stellt mithin ein radikal aufklärerisches Programm dar. Im Gegensatz zu Europa, wo die Landvermessung trigonometrisch und folglich an den Naturraum gebunden vollzogen wurde, ist es auf dem neuen Kontinent genau umgekehrt: Hier gleicht sich die Landschaft der Karte an. Kaufmann erkennt in der politisch-ökonomischen Vision des selbstständigen Farmers als Garanten einer republikanisch-demokratischen Ordnung sowie in der Überzeugung, dass eine demokratische Verfassung nur von der Tugendhaftigkeit der Staatsbürger abhängig sei, die Gründe der Durchsetzung des Gridsystems bei der Landnahme in Nordamerika.
Das Grid ist bei Kaufmann der technische Ausdruck einer Ideallandschaft, deren Kern das geordnete Farmland als Antithese zur Stadt und zur Frontier bildet. Die rationale und mitunter eigentümlich anmutende Praxis, das bekannte und das erwartete Land vorauseilend mit einer artifiziellen, an der Exaktheit mathematischer Verfahren ausgerichteten Ordnung zu überschreiben, die sich letztlich in der Landschaft manifestiert und teilweise die natürlichen topografischen Gegebenheiten überdeckt, erklärt Kaufmann mit dem Vorhandensein von zwei distinkten Metaphern im politischen Diskurs der Gründungsjahre der Vereinigten Staaten. Zum einen wurde die Weite der amerikanischen Landschaft als Meer imaginiert, zum anderen als Wildnis. An dieser Stelle versucht Kaufmann seine theoretischen Ausführungen des ersten Teils an das Gridsystem anzubinden, indem er letzteres als den Versuch kennzeichnet, die als "leer" antizipierte Naturlandschaft kulturell zu bändigen. Kaufmann kommt letztlich zu dem Schluss, dass das amerikanische Grid ein Mittel zur Domestizierung der Überfülle der amerikanischen Wildnis darstellt und gleichzeitig ein Mittel zur Vermessung der Landschaft. Allerdings versäumt der Autor es, einen Wildnisbegriff zu diskutieren, der diese Semantik hinreichend erklärt. Wildnis ist ein Konstrukt, eine Haltung und Einstellung gegenüber einem Ensemble von Bäumen, anderen Pflanzen, Tieren und dem Land, auf dem dies alles existiert. Wildnis kommt erst als Produkt einer intellektuellen Bewegung vor. Erst die Bedeutungszuweisung konvertiert ein bestimmtes Territorium in eine Wildnis. Bei Kaufmann ist Wildnis im Gegensatz zu konstruktivistischen Auffassungen bereits "da" und wird mithilfe des Gridsystems taxonomisch geordnet. Wildnis erscheint damit als Synonym von Landschaft, obwohl gerade der theoretische Anspruch von Kaufmann hier eine begriffliche Trennung verlangt hätte. Statt dessen verläuft die Taxonomie des Grid entlang einer Hierarchie von den einzelnen Grundstücken zu den townships, zu den districts, den states und schließlich zur Union und begründet so letztlich die Durchsetzung der Demokratie in einem Flächenstaat, wobei für diese Erkenntnis letztlich unerheblich ist, ob das Grid die Landschaft oder eine Wildnis technizistisch ordnet.
Der Land Ordinance liegt ein Moment der Spannung zwischen moralischem Anspruch und ökonomischer Wirklichkeit zugrunde, den Kaufmann aufnimmt und entwickelt. Die Vermessung sicherte nicht nur das demokratische Grundverständnis und einen quasi natürlichen Patriotismus der Siedler, sondern stellte gleichzeitig eine umfassende Kommodifikation des Raumes dar, die einen ausgedehnten Markt für den Handel und der Spekulation mit Land entstehen ließ. Ein Ergebnis dieses Prozesses erkennt Kaufmann in dem frühen Verschwinden der Allmende, die der Ware Land untergeordnet wurde. Noch bis in die 1980er Jahre hinein existierte der Wert, so Kaufmann, "dass die Arbeit auf dem eigenen Grund und Boden das sicherste Auskommen gewährleiste" (S. 292). An dieser Stelle enden die Ausführungen von Kaufmann und er analysiert nicht die Implikationen, die diese ökonomistische Landnahme bedeuten. Die heutige Landschaft in den USA weist zahlreiche Aspekte auf, die es Wert gewesen wären, im Kontext der historischen Analyse der US-amerikanischen Landnahme vertieft betrachtet zu werden. Vor allem das einzigartige amerikanische Siedlungssystem mit seinen Edge Cities, Suburbias, Highways oder Technoburbs böte sich an dieser Stelle als Untersuchungsgegenstand an. Kaufmann verzichtet auf Analysen dieser Art, was in Hinblick auf den Umfang der Studie verständlich ist. Allerdings fände eine "Soziologie der Landschaft" als integrale Perspektive der vielschichtigen Dimensionen gesellschaftlicher Naturraumbezüge gerade in dem auf der Land Ordinance basierenden amerikanischen Siedlungsgefüge einen natürlichen Gegenstand.
Der abschließende Eindruck der Studie ist ein zweischneidiger. Die Arbeit besticht durch eine akribische Darstellung von unterschiedlichen Ansätzen, die sich sämtlich mit der Landschaft befassen. Alle dargeboten Informationen sind nicht zuletzt für Geograph(inn)en hoch interessant und plausibel. Die Analyse des American Grid Systems sollte darüber hinaus gerade von Geograph(inn)en, die sich mit Nordamerika befassen, gelesen werden. Aber letztlich will sich kein kohärentes Bild der "Soziologie der Landschaft" und ihrer denkbaren Implikationen einstellen. Die Überfülle an Informationen lässt sich nicht umstandslos zu einer stringenten Studie zusammenführen. Diesen Eindruck unterstreicht noch die Einführung der foucaultschen Heterotopie ganz am Ende der Arbeit. Der Versuch einer Natur/Kultur-Amalgamierung ist offensichtlich nur lösbar, wenn letztlich auf die Vielschichtigkeit und Mannigfaltigkeit eines jeden Ortes im Raum verwiesen wird. Es scheint so, als sei der Begriff der Landschaft ein Mysterium, das auch nach Lektüre der Habilitationsschrift von Stefan Kaufmann mysteriös bleibt.
Autor: Peter Dirksmeier

Quelle: geographische revue, 9. Jahrgang, 2007, Heft 1/2, S. 73-77

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