Ingo Liefnar: Ausländische Direktinvestitionen und internationaler Wissenstransfer nach China. Untersucht am Beispiel von Hightech-Unternehmen in Shanghai und Beijing. Münster u.a. 2006 (Wirtschaftsgeographie, Band 34). 216 S.

Untersuchungsgegenstand der vorliegenden Arbeit ist der internationale Wissenstransfer durch ausländische Direktinvestitionen in China. Ziel ist es, Ansätze einer wissensbasierten Wirtschaftsentwicklung in China verständlich zu machen und zugleich die Rolle ausländischer Direktinvestitionen für eine wissensbasierte Entwicklung der chinesischen High-Tech-Industrie zu klären.

Das sowohl für Akteure aus der Wirtschaft als auch aus der Wissenschaft hochaktuelle Thema wird durch eine umfangreiche empirische Untersuchung in den Städten Shanghai und Beijing analysiert, wo zwei bedeutende Agglomerationen der Hightech-Industrie entstanden sind. Dargestellt werden zunächst die wirtschaftlichen Wachstumserfolge Chinas seit Beginn der ökonomischen Liberalisierung und außenwirtschaftlichen Öffnung sowie die Entwicklung der Produktionsfaktoren. Ausländische Unternehmen haben beträchtlich zur Erfolgsgeschichte Chinas beitragen, auf sie entfällt etwa die Hälfte des Außenhandelsvolumens des Landes. Zudem sind auslandsfinanzierte Unternehmen (afU), bei denen der ausländische Kapitalanteil mindestens 25 % beträgt, für etwa für ein Viertel der Industrieproduktion Chinas verantwortlich.
Der Autor stellt weiterhin theoretische Ansätze vor, die Entstehung und Auswirkungen von Wissenstransfers erklären können. Die dafür gesichtete Literatur wird vom Autor allerdings stark eingeschränkt. Positiv ist jedoch die äußerst systematische Herangehensweise bei der Konzeptualisierung des Wissenstransfers, die dann in den empirischen Kapiteln wieder aufgegriffen wird. Auf Charakteristika internationaler Intra- und Interfirmentransfers geht der Autor detailliert ein, beide Transferarten sind dann auch Gegenstand der Empirie. Weitgehend unberücksichtigt bleiben leider sowohl bei der Beurteilung der Fähigkeit zur Wissensweitergabe als auch zur Absorptionsbereitschaft und -fähigkeit kulturelle Differenzen zwischen in- und ausländischen Akteuren und ihre Auswirkungen auf Wissenstransfers. In der umfangreichen Primäruntersuchung wurden Daten von 489 staatlich anerkannten High-Tech-Unternehmen erhoben. Der in Europa bewährte Fragebogen musste zu diesem Zweck erweitert und an chinesische Besonderheiten und Interpretationsweisen angepasst werden. Ergänzt wurde die standardisierte schriftliche Befragung durch eine nicht genannte Zahl qualitativer Interviews. Chinesische Unternehmen beschäftigen im Durchscnitt besser qualifizierte Arbreitskräfte und sie zeichnen sich durch stärkere Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten aus. Gleichwohl werden Neuerungen meist unternehmensextern initiiert, sei es durch die Produktion für Mutterunternehmen, durch original equipment manufacturing (OEM) oder eine Strategie des reverse engineering. Der internationale Intrafirmentransfer ist der wichtigste Kanal zur Wissensweitergabe. Nur etwa ein Drittel der auslandsfinanzierten Unternehmen kooperiert intensiv mit Zulieferern und Kunden im Ausland. Die Kooperation mit lokalen Abnehmern und Zulieferern ist dahingegen höher, woraus der Autor relativ hohe Wissensspillover ableitet. Insgesamt zeigt sich, dass Low-Tech-Firmen, die mit geringem Humankapitalbesatz für ausländische Unternehmen produzieren, die erfolgreichsten Akteure der High-Tech-Industrie in Shanghai sind. Alle Unternehmen schützen jedoch ihr Produktund Prozesswissen (zum Teil auch vor den eigenen Mitarbeitern) und kooperieren nur minimal mit lokalen Lieferanten. Die Wissensdiffusion ist somit stark limitiert und erfolgt nur in wenigen Bereichen.
Abschließend werden die Ergebnisse zusammengefasst und Handlungsempfehlungen gegeben. Bei fast allen Produkt- und Verfahrensinnovationen der untersuchten Unternehmen handelt es sich um Adaptionen, vergleichbar mit dem technologischen Aufholprozess der asiatischen Tigerstaaten von den sechziger bis in die neunziger Jahre. Staatlichen Organen wird empfohlen, weniger den High-Tech-Sektor direkt zu fördern, als vielmehr Bildungssysteme, Wissenstransfer- und Infrastruktureinrichtungen auszubauen, um die Adaptionsfähigkeit zu stärken. Insgesamt zeigt die Arbeit, dass Chinas Industrie trotz vieler Erfolgsmeldungen noch einen enormen technologischen Nachholbedarf hat und von ausländischen Unternehmen nicht in dem Maße durch Wissenstransfer profitiert, wie es politisch gewollt ist. Dafür ist die Vernetzung zwischen auslandsfinanzierten Unternehmen bzw. zwischen ausländischen und chinesischen Unternehmen zu gering, die Bereitschaft zur Wissensweitergabe nur wenig ausgeprägt und die Absorptionsfähigkeit chinesischer Unternehmen noch unzureichend. Die vorliegende Studie ist von hoher Relevanz für alle Leser, die sich mit Fragen des Wissenstransfers im Kontext aktueller Globalisierungsprozesse befassen. Sie zeigt am Beispiel Chinas auf, dass die intensive Vernetzung ausländischer und chinesischer Unternehmen nicht die Regel und Wissenstransfer deswegen nur begrenzt gegeben ist. Ein intensiver Einsatz qualitativer Methoden hätte die zum Teil nicht eindeutig interpretierbaren quantitativen Ergebnisse gut ergänzt und abgesichert.
Autor: Heiner Depner

Quelle: Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie Jg. 52 (2008) Heft 1, S. 68-69

Kommentar schreiben