Horst A. Wessel (Hg.): Mülheimer Unternehmer: Pioniere der Wirtschaft. Unternehmergeschichte in der Stadt am Fluss seit dem Ende des 18. Jahrhunderts. Essen 2006. 384 S.

Im März 2005 wurde in Mülheim/Ruhr, das sich im Stadtmarketing als "Stadt am Fluss" verkauft, ein Förderverein für ein zukünftiges "Gründer- und Unternehmermuseum" ins Leben gerufen, welches im "Haus der Wirtschaft" sein Domizil haben soll. Die Initiatoren wollen an die Pioniere der heimischen Wirtschaft erinnern und somit die lange Tradition Mülheims als Gründer- und Unternehmerstadt lebendig werden lassen, nicht zuletzt, um heutigen Jungunternehmern Mut zu machen bei ihren Firmengründungen. In diesem Kontext steht auch der vorliegende Band, in dem nicht allein Rückschau gehalten wird. Zugleich wird "der zukunftsfrohen Kraft des Unternehmertums, dem Ideenreichtum und dem Wagemut das Feld zur Darstellung und Entfaltung" bereitet, wie es im Geleitwort der Oberbürgermeisterin, der Vorsitzenden des Fördervereins, und des Präsidenten der Unternehmerverbandsgruppe Ruhr-Niederrhein zu lesen ist. Der Herausgebe und die 17 Autorinnen und Autoren, ausgewiesene Historikerinnen und Historik decken in den 27 Beiträgen das gesamte Spektrum der Mülheimer Wirtschaft seit dem 18. Jahrhundert ab. Die Anfänge der Textilindustrie, die Lederherstellung und -bearbeitung stehen neben der Papierherstellung und dem Buch- und Verlagswesen, die Tabakverarbeitung und das Brauwesen neben der Schifffahrt und dem Kohlenhandel. Natürlich werden Maschinenbau, Metallerzeugung und Weiterverarbeitung, das Baugewerbe und das Bankwesen berücksichtigt, aber auch der Einzelhandel mit Lebensmitteln und Manufakturenwaren. Allein dem Bergbau ist kein eigenes Kapitel gewidmet, doch ihn findet man verstreut in zahlreichen Beiträgen, waren doch die Unternehmer und Bankiers vielfach auch als Gewerken tätig. Behandelt werden nicht allein die weltbekannten Namen wie Mathias Stinnes, die Brüder Franz und Johann Dinnendahl, Wilhelm Grillo oder die Brüder August und Josef Thyssen, sondern auch Unternehmer, die trotz ihrer teilweise überregionalen Bedeutung, nur einem kleinen Kreis von Spezialisten bekannt sind. Gerade bei diesen Unternehmen haben die Autorinnen und Autoren Neuland erschlossen.
Die einzelnen Beiträge unterscheiden sich, wie bei einem Sammelband nicht anders zu erwarten, in der Darstellungsform und -art. Es gibt die interessanten, problemorientierten Studien beispielsweise die über die Schwierigkeiten, die der Textilunternehmer Troost zu überwinden hatte, ebenso wie die traditionelle Unternehmensgeschichtsschreibung mit Lobeshymnen auf die "Tatkraft" des Industriellen, der alle Probleme mit Fleiß - und Unterstützung seiner Frau - meisterte. (S. 94: "In dieser schweren Zeit war Gertrud Lindgens ihrem Mann eine treue Stütze. Sie führten eine gute Ehe und unterstützten sich in familiären und geschäftlichen Dingen."). Einige Aufsätze konzentrieren sich auf die Biografie eines Unternehmers bzw. eines Bruderpaares, die anderen liefern hingegen Firmengeschichten. Beginnend bei der Gründung des Betriebes, verfolgen sie die Geschichte des Unternehmens über mehrere Generationen. Sie schildern den Aufstieg und die Expansion, die Neuerungen und Erfindungen, aber auch den Niedergang bis zum teils bitteren Ende, dem Konkurs oder der Übernahme durch andere Konkurrenten. Ausführlich wird jeweils die Familiengeschichte mit all den Heiraten, Geburten und Todesfällen berücksichtigt, aber auch - wenn es die Quellenlage erlaubt - das politische und gesellschaftliche Engagement der - zumeist männlichen - Protagonisten. Welche Lehre können Jungunternehmer aus den vielen Geschichten ziehen? Unabdingbar, aber nicht ausreichend für den Erfolg sind Ideenreichtum und Fleiß; aber noch wichtiger scheint das Kapital zu sein, denn ansonsten wären die Dinnendahls nicht völlig verarmt verstorben. Ihnen "fehlten die gut betuchten Familienverbindungen von Haniel und Krupp, aus denen Grundkapital und Kredite fließen konnten, ganz zu schweigen von den Waldungen und Immobilien, die den freiherrlichen Unternehmern als Bank dienten" (S. 267).
Abschließend sei lobend erwähnt, dass das Buch ein Register der Personen und Unternehmen enthält und dass es zahlreiche interessante Abbildungen in sehr guter Druckqualität bietet. Allerdings hätte sich der Rezensent das eine oder andere Bild in einem größeren Format gewünscht.
Autor: Klaus Wisotzky

Quelle: Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie Jg. 52 (2008) Heft 1, S. 72



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