Brigitta Schmidt-Lauber (Hg.): Ethnizität und Migration. Einführung in Wissenschaft und Arbeitsfelder. Berlin Verlag 2007. 319 S.

Der von insgesamt 18 Autoren gestaltete Sammelband versteht sich als eine problemorientierte Einführung in das ethnologische Forschungsfeld "Ethnizität und Migration" mit dem regionalen Schwerpunkt Mitteleuropa. Die Herausgeberin vermerkt in ihrer Einführung, dass bewusst unterschiedliche Ansätze aufgenommen wurden, damit ein vielfältiges Bild zur ethnologischen Ethnizitäts- und Migrationsforschung entstehen könne.

Zentrales Forschungsobjekt bilden Zu- bzw. Einwanderer. Eine Begründung, warum autochthone ethnische Minderheiten von den Betrachtungen ausgeklammert bleiben, fehlt allerdings. Die Darstellungen gliedern sich in drei große Themenblöcke, wobei der erste theoretische, begriffliche und historische Zugänge diskutiert. Dieser Teil bildet zweifellos das Kernstück des Bandes. Neben Ausführungen zu Primordialismus, Konstruktivismus, Kultur, Ethnizität, Rasse, Minderheit oder Migration ist hier mit der Studie von U. Hannerz aus dem Jahr 1996 zu Recht auch ein "Klassiker" der ethnologischen Migrationsforschung neu abgedruckt worden, welcher das Lokale und Globale im kulturellen Denken hinterfragt. In diesem ersten Block kommen mit den beiden Migrationshistorikern K.J. Bade und J. Ottmer auch zwei Nicht-Ethnologen zu Wort. Der zweite Themenblock geht auf gesellschaftliche Erscheinungen und Praxen von Migration ein. Im Mittelpunkt stehen hier Fragen zur Ethnisierung im Alltag der Einwanderungsgesellschaft bzw. zu Bewältigungsstrategien von Migranten sowie zu öffentlichen Inszenierungen von Multikulturalität am Beispiel von städtischen Festivals. Den Abschluss dieses Blocks bildet ein anregender Beitrag zur interkulturellen Kommunikation, in dem Beispiele aus dem Geschäftsalltag von multinationalen Unternehmen in Mexiko und Japan vorgestellt werden. Zweifellos couragiert angelegt ist der dritte Abschnitt des Sammelbandes, der sich mit der "angewandten" Ethnologie beschäftigt. Sechs kürzere Beiträge stellen hier mögliche berufliche Arbeitsfelder von Ethnolog(inn)en im Bereich der Bildungs- und Sozialarbeit, der Integration von Migranten, der ethnologisch ausgerichteten Gesundheitsarbeit sowie des gerichtlichen Gutachterwesens vor. Bei ihrer Lektüre kann man den einleitenden Worten der Herausgeberin Schmidt-Lauber nur zustimmen, wenn sie betont, dass es den Ethnowissenschaftlern insgesamt schwer falle, fachliches Wissen beruflich umzusetzen. Vielleicht wäre es günstig gewesen, die Beiträge mit einer quantitativen Bestandsaufnahme von bisherigen beruflichen Arbeitsfeldern von Ethnolog(inn)en zu ergänzen. Das Werk ist als Einführungsband für die Thematik hervorragend konzipiert. Bei den Ausführungen zur Ethnizität wird auch der internationale Forschungsstand zur Genüge berücksichtigt. Zwar tritt die fachübergreifende Perspektive bei der Bearbeitung des Themenfeldes "Migration" nicht so deutlich zutage, doch hätte man sich wahrscheinlich von der explizit disziplinär fokussierten Grundkonzeption (S. 16) zu weit entfernt, wäre beispielsweise dem in anderen Disziplinen eingehend diskutierten Themenkomplex "Globalisierung und Migration" mehr Platz eingeräumt worden.
Autor: Ernst Steinicke

Quelle: Die Erde, 139. Jahrgang, 2008, Heft , S. 353-354

Kommentar schreiben