Manuela Bojadžijev u. Alex Demirovic (Hg.): Konjunkturen des Rassismus. Münster 2002. 333 S.

Wie die Hg. mit Blick auf die Kontinuitäten von rassistischen Ideologien, Diskursen und Praktiken beobachten, gilt es als "Zeitindex", dass Rassismus eigentlich immer schon überholt sei - und jedes Mal stellt Überraschung sich ein, wenn er doch und in neuer Gestalt auftaucht (21). Dabei ist es kein Widerspruch, dass die rot-grüne Bundesregierung einerseits antirassistische Initiativen und Kampagnen fördert, andererseits aber rassistische Diskurse reproduziert und nicht anders als rassistisch zu nennende Maßnahmen anordnet (20).

- Die 14 Verf. sind einig, dass sich innerhalb rassistischer Ideologien und Diskurse ein Paradigmenwechsel von einem biologistisch fundierten hin zu einem kulturalistisch oder differenzialistisch argumentierenden "Rassismus ohne Rassen" (Balibar) vollzogen hat (16, 24, 119, 167, 204). Da die meisten Beiträge vor dem 11. September 2001 verfasst wurden, konnte ein seitdem eskalierender antiarabischer Rassismus nicht näher analysiert werden. Ursula Birsl geht der Frage nach, warum sich bis jetzt in der Bundesrepublik - anders als z.B. in Österreich, Italien oder Dänemark - noch keine rechtspopulistische Großpartei etabliert hat, obwohl dafür durchaus ein Potenzial existiert, wie die Erfolge der Schill-Partei in Hamburg gezeigt haben. Sie vermutet, dass die Parteien der von ihr als "imaginär, diskontinuierlich und vor allem asymmetrisch" (48) apostrophierten politischen Mitte mit ihren eigenen rechtspopulistischen Parolen bisher in der Lage waren, dieses Potenzial zu absorbieren. Anders in Österreich und Italien - wo es der Regierungsbeteiligung rechtspopulistischer Parteien bedurfte, um autoritär-neoliberale Regimes durchzusetzen, wie Eva Kreisky und Christian Christen aufzeigen. Kreisky verweist auf das komplementäre Verhältnis, in dem Rechtspopulismus und Neoliberalismus in Österreich zueinander stehen (73ff). Christen analysiert, wie sich in Italien unterschiedliche Fraktionen des rechtspopulistischen Lagers zur Regierungsbildung zusammengefunden haben. Während Berlusconis liberal-konservative Forza Italia für ein stark personifiziertes neoliberales Politikmodell steht (113), verkörpert die Lega Nord einen "ethnischen Regionalismus im Standortwahn" (114). Der dritte Koalitionspartner, die aus dem Movimento Sociale Italiano hervorgegangene Alleanza Nazionale, steht für die Transformation einer neofaschistischen Gruppierung zu einer modernisierten Rechts-Partei, in der sich weiterhin rechtsextreme Ideologeme wiederfinden (123ff).
John Solomos konstatiert, dass Rassismus und Nationalismus in der gegenwärtigen Gesellschaft nicht verschwinden, weil beide "zu einer modernen Gesamtheit von kategorischen Identitäten" gehören, "auf die sich die Eliten und andere Teilnehmer an den politischen und sozialen Kämpfen berufen" (161). In der Forschung bestehe mittlerweile Einigkeit, dass Andersons Charakterisierung von Nationen als "imaginäre Gemeinschaften" auch auf "rassische " und "ethnische" Gruppen zutreffe (158). Der Debatte um institutionellen Rassismus, die in Deutschland, anders als in England und Frankreich, immer noch unterentwickelt ist (214), widmen sich Siegfried und Margarete Jäger. In Anlehnung an Foucault sprechen sie vom "Dispositiv des institutionellen Rassismus", eines Rassismus, "der sich hinter Gesetzen und Normen etc. verschanzt" (218). Um zu einer "kritisch-materialistischen Theorie des Alltagslebens" zu gelangen, will dort Müller marxistische Ideologiekritik mit diskursanalytischen und ideologietheoretischen Ansätzen verbinden. Allerdings beteiligt er sich selbst an der Marginalisierung kritischer Theorieansätze, denn er verschweigt, dass unter der von ihm als neu präsentierten Fragestellung durch das Projekt Ideologietheorie bereits umfangreiche Theorieentwicklung und Analysen geleistet worden sind. - Sehat Karakayali und Vassilis Tsianos behandeln die Veränderungen des Migrationsregimes in Deutschland unter postfordistischen Bedingungen. Unter Rückgriff auf Balibars These vom "national-sozialen Staat" zeigen sie, wie durch die Trennung von Lohnarbeit und Staatsbürgerrechten bei ArbeitsmigrantInnen der Rassismus "konstitutiv in die institutionelle Materialität des Staates" eingeschrieben wird (264). - Im letzten Abschnitt zu Antirassismus stellt Hans Pühretmayer fest, dass in Deutschland die Forschung zu dieser politischen Praxis unterentwickelt ist (290). Er unterscheidet drei Modelle zur Erklärung von Rassismus (absolute Autonomie, Rassismus als von der Ökonomie abgeleitet und relative Autonomie), und von Antirassismus (292ff): einen reaktiven, einen technisch-ökonomistischen und einen emanzipatorischen Antirassismus. Der emanzipatorische ist ein "polyzentrisches, sich überschneidendes Set von politischen Diskursen und Praktiken, das Antworten auf alltägliche und strukturelle Rassismen mit dem Entwurf einer alternativen Gesellschaft kombiniert, deren Strukturen auf Prinzipien wie soziale Gerechtigkeit, Gleichheit bzw. égaliberté, Solidarität, Menschenrechten und radikaler Demokratie beruhen" (298).
Autor: Torben Krings

Quelle: Das Argument, 45. Jahrgang, 2003, S. 903-904



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