Norbert Gestring u.a. (Hg.): Jahrbuch StadtRegion 2002. Schwerpunkt: Die sichere Stadt. Opladen 2003. 221 S.

Sicherheitsdiskurse und Kriminalpolitik haben, wie Jan Wehrheim in diesem zweiten Jahrbuch argumentiert, stets in Phasen sozialen Umbruchs Hochkonjunktur. In der Krise des Fordismus seien Sicherheit und Ordnung als weiche Standortfaktoren entdeckt worden. Heute bedrohe der Kampf gegen Unordnung und Heterogenität die Urbanität der Städte.

Detlef Nogala liefert einen systematischen Überblick über die Praxis der Videoüberwachung in den städtischen Räumen des "sozialen Überwachungsgroßexperiments Großbritannien" (33) und hierzulande und warnt vor ihrem "doppelten Mythos" (50): Protagonisten sehen die Lösung aller Unsicherheitsprobleme, Kritiker malen "orwellsche Unterdrückungsverhältnisse" (50f) an die Wand. Ein empirisch informierter, realistischer Blick offenbare aber deren überraschend geringe Auswirkungen. Renate Ruhne untersucht das "Paradox von (Un)Sicherheiten und Gefahren" (61), demzufolge Frauen sich im öffentlichen Raum zwar unsicherer fühlen, im privaten Nahraum aber weit mehr gefährdet sind. Sicherheit, eine nicht auf objektive "Abwesenheit von ›Unsicherheit‹" (55) zu reduzierende gesellschaftliche Konstruktion, könne und müsse durch die "öffentliche Thematisierung [dieser] Diskrepanz" (66) verbessert werden. Georg Glasze beschäftigt sich mit der weltweiten Verbreitung geschlossener und bewachter Wohnanlagen (›gated communities‹). Er stellt eine Systematik für diese vor und diskutiert Beispiele aus den USA, dem Libanon und dem kontinentalen Europa im Kontext der jeweiligen politischen und sozio-ökonomischen Situation. Das Phänomen sei "die Spitze des Eisbergs einer rein marktgesteuerten Stadtentwicklung" (91); gegen die zunehmende Privatisierung kommunaler Dienste stellt er das Ideal der traditionellen "mitteleuropäischen Stadt" (92). - In kürzeren Beiträgen werden die Videoüberwachung des öffentlichen Raums in der englischen Stadt Coventry empirisch untersucht (Katja Veil), ein europäisches Forschungsprojekt in verschiedenen Großstädten vorgestellt, das Verunsicherung als "Ergebnis von Überforderung" (111) sieht (Ingrid Breckner, Klaus Sessar), und Kriminalstatistiken einer (vernichtenden) Kritik unterzogen (Werner Petrowsky). Außerdem enthält der Band Buchbesprechungen, zwei etwas aus dem Rahmen fallende Beiträge über das Verhältnis von Innovation und Stadt (Marco Venturi) und ein umfangreiches statistisches Monitoring der Stadtregionen in Deutschland (Jörg Pohlan). - Die versammelten Beiträge liefern gute Einblicke in rezente Entwicklungen, ihren Themen haftet allerdings etwas eklektizistisches an. Alle Analysen sind insofern praxisorientiert, als sie stets konstruktive Kritik üben. Doch befremdet das Lob von Urbanität, "mitteleuropäischer Stadt" und "informeller sozialer Kontrolle" (121), weil damit dem kritisierten Sein lediglich ein abstraktes, vermeintlich besseres Sollen gegenüber gestellt wird, statt Ursachenanalyse zu betreiben. Kern dieser Schwächen ist die Annahme, der Staat sei notwendigerweise die für (Un-)Sicherheiten zuständige Instanz. Unter der Hand wird er damit naturalisiert.
Autor: Bernd Belina

Quelle: Das Argument, 46. Jahrgang, 2004, S. 309-310

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