Andy Merrifield: Dialectical Urbanism. Social Struggles in the Capitalist City. New York 2002. 224 S.

Auch nach der in den 1990er Jahren geführten Debatte um das ›Ende der Europäischen Stadt‹ durch ihre ›Amerikanisierung‹, also durch soziale Polarisierung, lohnt es sich für Europäer, von der us-amerikanischen Stadtentwicklung zu lernen. Mit einem an Henri Lefèbvres marxistischer Alltagstheorie geschulten Blick analysiert Verf. auf Quartiers-ebene die sozialen Bedingungen urbaner Politik. In den lokalen Verhältnissen drückten sich gesamtgesellschaftliche Entwicklungstendenzen aus. Die Untersuchung ihrer Eigendynamiken soll zugleich Hinweise darauf liefern, welche politischen Organisationsformen und lokalen Aktivitäten für den Kampf um eine sozial gerechte Stadt geeignet sind.

Verf. betont das innere Spannungsverhältnis, das urbane soziale Bewegungen antreibt, aber nicht selten auch zerreißt - so wenn ehemalige Hafenarbeiter in Baltimore sich gegen die Umwandlung und Aufwertung des Hafenviertels durch einen internationalen Investor wehren, der als "jüdischer Spekulant" stigmatisiert wird. Wie weit, fragt er, kann ein soziales Engagement tragen, das zwischen progressiver Veränderung und regressiver Beharrung oszilliert; er behält aber auch die berechtigten Interessen von Menschen im Auge, die sich auf ein angestammtes, Jahrzehnte währendes Wohnrecht berufen. "These are ordinary people, all right; these are the people who form the lifeblood of any community politics, probably everywhere. They may speak in different tongues and live somewhere else, but their loyalties and commitments, prejudices and contradictions, are probably much alike. This is a fact of urban life in the real world, and forever a political dilemma." (48) - Während in Baltimore äußerer Druck interne Differenzen überbrückte, trugen in einem benachteiligten Stadtteil in Liverpool Kämpfe unterschiedlicher Interessengruppen zur Fragmentierung der Stadtgesellschaft bei: In dem multiethnischen Bezirk führen Konflikte zur Selbstzerfleischung. Ginge es, nach Verf., im ersten Fall darum, die soziale Bewegung vor ihren eigenen Vorurteilen zu schützen und ihr damit Kontinuität zu verleihen, stellt sich hier die Frage, wie sich bekämpfende Punktbewegungen überhaupt zusammengeführt werden können. - Erfolg und Misserfolg lokalen Widerstands liegen nah beieinander: Die "Living Wage Campaign" in Los Angeles tritt der Ausdehnung des Niedriglohnsektors erfolgreich entgegen, in New York stehen Menschen dem radikalen Abbau von Wohnraum für Geringverdienende bzw. dessen Aufwertung zu Luxusappartements zunehmend ohnmächtig gegenüber. Gleichwohl bleibt Verf. immer auf der Suche nach Potenzialen des Widerstands: Eine Frau, die sich im Gespräch als "Aussätzige" beschreibt, identifiziert sich mit den biblischen Leprakranken, die verbannt vor den Toren der Stadt vegetieren und, weil sie nichts zu verlieren haben, aber womöglich ihren Hunger stillen können, schließlich trotz Todesdrohung hineingehen.
Verf. fügt seine am Alltagsverstand gewonnen Erkenntnisse in den Kontext eines übergreifenden Stadtentwicklungsprozesses: "cities are gigantic exchange value entities wherein the process of urbanisation is inextricably weded to the ›general law of capitalist accumulation‹" (155). Die im globalen Rahmen wie Unternehmen miteinander konkurrierenden Städte funktionieren zusehends nach reinen Kosten-Nutzen-Kalkülen. Damit einhergehende soziale Konflikte versteht Verf. als erste Artikulationsformen einer neuen Arbeiterklasse. Es sei entscheidend, ihren progressiven Gehalt zu entwickeln und sie produktiv gegen eine ökonomische Rationalität zu wenden, die die Interessen der Menschen negiert. Diese eigentümlich ›amerikanische‹ Hoffnung auf den "Community Spirit" wirkt sympathisch, blendet aber die Rolle des Staates aus. Viele historische Studien haben gezeigt, dass auch im Land der ›unbegrenzten Möglichkeiten‹ deren Entfaltung von wohlfahrtsstaatlichen Rahmenbedingungen abhängig war. Zwischen der gehaltvollen Beschreibung zivilgesellschaftlicher Widerstandspotenziale und der Reflexion ihrer materiellen Voraussetzungen, zu denen - bei aller Ambivalenz - auch das staatliche Engagement zählt, klafft eine Lücke, die Verf. durch seine "Negative Dialectic of the City" nicht überbrückt.
Autor: Oliver Schöller

Quelle: Das Argument, 46. Jahrgang, 2004, S. 310-311

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