Claudia von Werlhof, Veronika Bennholdt-Thomson u. Nicholas Faraclas (Hg.): Subsistenz und Widerstand. Alternativen zur Globalisierung. Wien 2003. 256 S.

"Kann denn Liebe Arbeit sein?" (Angelika Krebs) begannen sich einige Feministinnen ab den 1970er Jahren zu fragen, bejahten dies und rechneten fortan sowohl die stofflichen wie auch die affektiven Aspekte der Reproduktionsarbeit - kurative Bemühungen, körperliche Zuwendung, Aufmerksamkeit - zur produktiven Sphäre. "Subsistenzproduktion" nennen die Vertreterinnen des Bielefelder Ansatzes Maria Mies, Claudia von Werlhof und Veronika Bennholdt-Thomson die Gesamtheit dieser "Tätigkeiten, die unmittelbar der Schaffung, Wieder-Erschaffung und Erhaltung von Leben dienen und darüber hinaus keinen weiteren Zweck verfolgen" (Mies).

Es geht nun nicht mehr darum, für eine Sichtbarmachung, gerechtere Aufteilung oder gar Entlohnung dieser "Lebensproduktion" einzutreten, sondern sie als bewährte und zu bewahrende Alternative zum globalisierten, kapitalistischen Patriarchat zu präsentieren. Dass Adam Smiths "unsichtbare Hand" längst zur "sichtbaren Faust" geworden ist (10) und neoliberale Globalisierung Menschen weltweit ihrer Lebensgrundlagen beraubt, ist verbindende Einschätzung.
Vandana Shiva zeigt, wie durch die Verdrängung der tradierten Biodiversität durch Cash Crop-Monokulturen, den Einsatz von Pestiziden und genetisch verändertem Saatgut die BäuerInnen nicht nur vieler Regionen Indiens in Armut und Schulden gehalten werden. TRIPS (das Abkommen über handelsbezogene Aspekte der Rechte intellektuellen Eigentums) verschafft us-amerikanischem Patent- und Urheberrecht globale Gültigkeit und zwingt Länder dazu "Reglementierungen einzuführen, die es erlauben, Lebensformen und indigenes Wissen patentieren zu lassen" (94). Nach der erfolgreichen Patentierung z.B. von Reisvarianten oder Naturheilmitteln müssen Menschen für die Nutzung der von ihnen selbst entwickelten und kultivierten Erzeugnisse bezahlen. Diese Biopiraterie breitet sich aus, der "Raub von Land und Wissen auf materieller und kultureller Ebene findet nun eine Entsprechung im Raub von Körperteilen [...] und Erbmaterial." (Susan Hawthorne, 113) Warum der Raub kulturellen Wissens kein materieller sein soll, bleibt angesichts unklarer Begriffe offen.
Saral Sarkar enttarnt "Öko-Kapitalismus als Oxymoron" - Umweltschutz und Nachhaltigkeit sind mit Wirtschaftswachstum unvereinbar. Erneuerbare Ressourcen seien bislang nicht "lebensfähig" sondern lediglich "machbar", d.h. sie können den Wegfall der nichterneuerbaren nicht kompensieren. Auch technologischer Umweltschutz und Recycling werden irgendwann das Optimum ihrer Ausreifung erreicht haben, sie schieben die Probleme lediglich auf und lösen sie nicht. Ist für Sarkar angesichts dieser Perspektive Verstaatlichung der großen Unternehmen, geordneter Rückzug und sorgsam geplante Wirtschaftsschrumpfung die einzig sinnvolle Lösung, heißt sie für alle anderen Autoren Subsistenz. Die Tradition, auf die sie sich berufen, ist alt; sie könne basisdemokratische Gesellschaften mit balancierten Geschlechterverhältnissen vorweisen, die "weder auf Kriegsführung und Eroberung noch auf männlicher Dominanz basierten" (22), wie Maria Mies für das "Alte Europa" und Nicholas G. Faraclas für Melanesien zeigen. Auch existierende Subsistenzwirtschaften, wie die von Farida Akhter vorgestellte "Nayakrishi Andolon", eine bäuerliche Basisbewegung für ökologische Landwirtschaft in Bangladesh, oder jene der geglückten Landbesetzungen in Kenia, von denen Terisa Turner und Leigh Brownhill berichten, zeichnen sich durch kollektive, enthierarchisierte Organisationsstrukturen aus. Sie "richteten sich gegen Privatisierungen, Strukturanpassung und neoliberale Wirtschaft" und treten "stattdessen für eine Subsistenzperspektive ein" (156).
Auch Neoliberale loben die Reprivatisierung von Erziehungs- und Pflegearbeit als Subsidiarität und Eigenverantwortung. Ob also gelungener weiblicher Widerstand gerade in Zeiten, in denen Frauen durch diese ›Refamilialisierungsprozesse‹ und die ›Hausfrauisierung‹ auch ihrer Erwerbsarbeit immer noch und wieder verstärkt für Subsistenz zuständig sind, ausgerechnet in der freudigen und freiwilligen Beschränkung auf dieses Wirkungsfeld bestehen kann? Taugt ein ›Zurück zur Subsistenz‹ für metropolitane Lebenszusammenhänge und Arbeitsverhältnisse? Die präsentierten Modelle geben lediglich Beispiele für alternativ organisierte Landwirtschaften; urbane Entwürfe jenseits von "gemeinschaftlich betriebenen Biolandschaften in der Region Berlin-Brandenburg" (232) fehlen. Die Aussicht auf eine Gesellschaft, in der "die Erneuerung von Leben das zentrale Geheimnis und Wunder" ist (Mies, 23), und in der endlich "die Göttin" zurückkehrt (von Werlhof, 64) ist wohl hauptsächlich für sog. Öko-Feministinnen verlockend. Sie feiern die Fruchtbarkeit der großen Lebensspenderin und wiederholen enthusiastisch ihre sattsam bekannten Tugenden.
Autorin: Lea Susemichel

Quelle: Das Argument, 46. Jahrgang, 2004, S. 325-326

Kommentar schreiben