Heike Egner, Beate M.W. Ratter und Richard Dikau (Hg.): Umwelt als System - System als Umwelt. Systemtheorien auf dem Prüfstand. München 2008. 172 S.

Seit geraumer Zeit wird in der Geographie ein Diskurs um die "dritte Säule", die Integration von natur- und sozialwissenschaftlichen Perspektiven und Methoden, geführt. Die Notwendigkeit, Antworten auf die Herausforderun gen von Klimaerwärmung, globalem Wandel und nachhaltiger Regionalentwicklung zu finden, macht eine solche Reflexion un d Neupositionierung erforderlich. Die Fragen des 21. Jahrhunderts, so die Herausgeber, können "weder allein durch naturwissenschaftliche Arbeiten noch durch rein sozialwissenschaftlich erarbeitete Lösungen beantwortet werden". Können systemtheoretische Ansätze diesen Prozess befruchten?

Dieser Frage gehen die Beiträge des vorliegenden Bandes nach. Systemtheorie wird dabei im Sinn von Niklas Luhmann verstanden. Bei ihm definieren sich Systeme nicht aus Elementen, sondern aus Operationen, die immer wieder neue Operationen hervorbringen. Diese Beziehungen konstituieren das System, nicht die Elemente. Indem es operiert, schafft sich ein System eine Differenz zu seinem Äußeren, seine "Um-Welt". Systeme und Umwelt sind daher etwas grundsätzlich Unterschiedliches; daraus resultiert auch das Fragezeichen im Titel des Buches. Um es vorwegzunehmen: Dieses Fragezeichen wird auch in diesem Buch nicht aufgelöst. Dies resultiert auch aus der nicht immer klaren Begrifflichkeit. Auf S. 24 wird etwa behauptet, dass es geschlossene Systeme in der Wirklichkeit nicht gäbe. Drei Sätze weiter heißt es dann, dass zwischen geschlossenen und offenen Systemen unterschieden werden muss; offene hätten einen Umweltbezug, geschlossene dagegen nicht. In der Geographie, so die Autoren, gäbe es nur offene Systeme, diese agieren über Energie, Materie und Information mit der Umwelt. Letztere sei kein System, das auf Selbstregulation beruht, wie das die Umweltsystemtheorie behauptet, sondern sei nur über die Komplexitätstheorie zu verstehen, die auf die Diskontinuitäten, Nicht-Linearitäten und Zufälle fokussiert. In den drei Haupt- und acht Unterkapiteln des Buches werden die theoretischen Konzepte dieser Theorie weiter ausgeführt. Egner widmet sich der Komplexität, Rathmann der Kausalität, Elverfeldt und Keiler Systemperspektiven in der Geomorphologie, Lippuner der Koppelung von Gesellschaft und Umwelt, Egner der Steuerbarkeit und schließlich Salbaum den "Zeichen der Mehrwertigkeit". Die Leserinnen und Leser hätten sich über ein weiteres Hauptkapitel gefreut, in dem die theoretischen Gedanken an Beispielen exemplifiziert und auf ihre Handhabbarkeit und ihren Erklärungswert hätten getestet werden können. Dies bleiben uns die Autorinnen und Autoren jedoch schuldig. Dennoch: Der Band bietet eine gute Einführung in das Denken der neuen Systemtheorie nach Luhmann. Die hier vorgestellten Konzepte ermöglichen eine neue Sicht auf Systemzusammenhänge, die für vielfältige Fragestellungen in Wert gesetzt werden können.
Autor: Axel Borsdorf

Quelle: Die Erde, 140. Jahrgang, 2009, Heft 2, S. 221

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