Matthias Achen, Juliane Böhmer, Matthias Gather und Peter Pez (Hg): Handel und Verkehr, Mobilität und Konsum. Mannheim (Studien zur Mobilitäts- und Verkehrsforschung 19) 2008. 186 S.

Wenn man die aktuelle Diskussion zu Publikationen, die Evaluierungsverfahren und die Orientierung auf wissenschaftliche Exzellenz betrachtet, dann stellt sich schon die Frage, ob die Erstellung von Büchern überhaupt und von Sammelbänden der Vorträge einer Tagung speziell nicht eine reine Zeitverschwendung sind. Sie tauchen weder im SCI noch im SSCI auf, sind nicht bei SCOPUS oder dem VGDH gelistet und bringen so den Bearbeitern weder Reputation noch Punkte auf der Zitationsliste. Und Besprechungen von solchen Werken zählen erst recht nicht! Sollte man den Bearbeitern nicht lieber den Hinweis geben, sie sollten doch bitte mal schauen, aus welcher Richtung der Wind weht, statt Zeit, intellektuelle Anstrengung und Papier (denken wir nur an die ökologische Belastung durch den Waldeinschlag) zu verschwenden. Oder gibt es doch vielleicht noch eine andere Welt, in welcher wissenschaftliche Bücher durchaus in regelmäßigen Jahresauflagen von tausenden von Exemplaren verkauft werden und auch Spezialbände einen Bildungs- und Diskussionsbeitrag leisten?

Zumindest lässt sich diese Vermutung nicht völlig entkräften, wenn man die zahlreichen Buch-Veröffentlichungen betrachtet und sieht, wieviel Exemplare zur Besprechung bei den Fachzeitschriften landen. Wenn man sich dieser auch gegebenen Realität öffnet, stellt sich immer noch die Frage nach dem Wert einer speziell zu betrachtenden Veröffentlichung. In diesem Fall sprechen jedenfalls folgende Punkte für das Werk. Erstens gelingt es hier, aktuelle empirische Ergebnisse, die in die theoretische Diskussion eingebunden sind, zu dokumentieren. Damit wird zweitens eine neue Sichtweise auf den nach wie vor bedeutsamen Zusammenhang zwischen Verkehr/Mobilität und Standort-/Raumentwicklung (vor allem des Einzelhandels) hergestellt. Und drittens liefern die Beiträge vielfältiges Datenmaterial, welches für die Prognose und Modellierung wichtige Grundlagen bildet und damit sowohl die Arbeit in der Berufspraxis als auch die wissenschaftliche Diskussion bereichert. In einem einführenden Beitrag erläutert Matthias Achen den interdependenten Zusammenhang zwischen dem Strukturwandel im Einzelhandel und dem Wandel des Personenverkehrs. Es folgt eine statistische Untersuchung von Jutta Kloas zu Verkehrsmitteln, zeitlicher Verteilung, Wegezwecken und Zeitaufwand des Einkaufsverkehres. Joachim Scheiner analysiert den Einfluss von Variablen (z.B. Wohnstandortpräferenzen, Raumstruktur, Lebensstile, PKWVerfügbarkeit) auf die Einkaufsmobilität an einem empirischen Beispiel (Region Köln) und schafft damit wichtige Grundlagen für Modellierungen. Vertieft beschäftigt sich Tilman A. Schenk mit der Modellierung; die agentenbasierte Simulation von Einkaufsentscheidungen liefert wichtige Grundlagen zur Verbesserung der Standortentscheidungen von Unternehmen und der planerischen Darstellungen von Einzelhandel. Caroline Kramer beschäftigt sich mit Wegezeiten und Zeitbudgets und identifiziert einen Trend der Zunahme von Wegezeiten bei zeitlichen Entzerrungen. Claudia Nobis untersucht die geschlechterspezifischen Unterschiede im Mobilitätsverhalten; es wird deutlich, dass bei gleichen Rahmenbedingungen der Faktor Geschlecht weniger bedeutsam ist als andere Einflussgrößen. Die verkehrlichen Effekte und Substitutionspotentiale durch IuK und "e-commerce" analysiert Petra Breidenbach. Dirk Fittkau entwickelt und nutzt ein Modell zur Abschätzung der Effekte neuer bzw. veränderter Verkehrswege auf die Einkaufsorientierung. Schließlich erstellen Knut Haase, Mirko Hoppe und Sven Müller einen Optimierungsansatz für den Rückbau von Filialnetzen. Für jemanden, der nicht an der Tagung teilnehmen konnte, liefert der Band eine Fülle von wertvollen Informationen und empirischen Belegen bisher nur vermuteter Zusammenhänge zwischen Mobilität und Einzelhandel. Sehr deutlich zeigt sich auch der Wandel im wissenschaftlichen Ansatz von eher beschreibend-analysierenden Konzepten hin zu Modellierungen, die Prognosen und Empfehlungen ermöglichen. Und schließlich gelingt auch der inhaltliche Brückenschlag zwischen Handelsforschung und Mobilitätsforschung. Für alle die sich mit diesem Themenfeld beschäftigen - ob Wissenschaftler oder Praktiker - ist die Lektüre sehr zu empfehlen. Letzte Randnotiz: auch die hier vorgelegten Beiträge durchliefen einen externen Begutachtungsprozess.
Autor: Elmar Kulke

Quelle: Die Erde, 140. Jahrgang, 2009, Heft 1, S. 89-90

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