Jutta Günther und Dagmara Jajesniak-Quast (Hg.): Willkommene Investoren oder nationalerbAusverkauf? Ausländische Direktinvestitionen in Ostmitteleuropa im 20. Jahrhundert. Berlin (Frankfurter Studien zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte Ostmitteleuropas 11) 2006. 380 S.

Es ist unstrittig, dass ausländische Direktinvestitionen (ADI) im Transformationsprozess Mittel- und Osteuropas nach 1990 maßgeblich zur Modernisierung der Wirtschaft und zur Öffnung der Märkte beigetragen haben. Hinsichtlich Höhe, Herkunft und sektoraler Verteilung der ADI bestehen beträchtliche regionale Unterschiede, doch bleibt deren Einfluss auf das Wirtschaftswachstum und die Reformpolitik der Länder ambivalent. Auch wenn der Anteil der ADI am BIP in Mittel- und Osteuropa bereits 33 % beträgt, darf nicht übersehen werden, dass heute nur noch 3,1 % der ADI weltweit auf diese Ländergruppe (aber 41,6 % auf Westeuropa) entfallen (zu Beginn des 20. Jh. waren es 9,9 % im Vergleich zu 7,8 %; S. 220).

Wie nach dem Zusammenbruch des Ostblocks litten auch die neu entstandenen Staaten nach dem Ersten Weltkrieg an Kapitalmangel und technologischer Rückständigkeit. Dabei stellt sich die Frage, ob die ADI-Politik der neunziger Jahre jeweils an die Zwischenkriegszeit anknüpft oder eher historisch "vorbelastet" ist, was heutige Akzeptanzprobleme verständlich macht. Es ist das besondere Verdienst der beiden Herausgeberinnen, Beiträge der internationalen Tagung der Europa-Universität Viadrina und des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle "Kontinuität und Wandel der ADI in Ostmitteleuropa" redaktionell aufbereitet und durch gehaltvolle, auf eigene Forschungen gestützte Einführungen (ADI in der Zwischenkriegszeit, ADI nach 1990) sowie einen zusammenfassend vergleichenden Schlussteil zu einem Sammelband großer inhaltlicher Geschlossenheit vereinigt zu haben. Dazu trägt auch der detaillierte Index bei, der alle Beiträge erschließt. Im Mittelpunkt stehen die Länder Polen, Tschechien bzw. Tschechoslowakei und Ungarn. Die Authentizität der Beiträge beruht vor allem darauf, dass deren Verfasser zumeist aus den genannten Ländern stammen bzw. an dortigen Forschungseinrichtungen und Unternehmen tätig sind. Wer die jüngeren wirtschafts- und sozialstrukturellen Wandlungen in diesen Ländern verfolgt, wird vergleichbare Entwicklungen in früheren Zeiten mit besonderem Interesse aufnehmen. Geradezu spannend sind die Fallstudien ausgewählter (deutscher) Unternehmen vor dem Zweiten Weltkrieg. Die abschließende Feststellung der Herausgeberinnen, wonach "die Akzeptanz der ausländischen Investoren oft aus der Geschichte ... resultiert" (S. 358), erinnert an Heinz Fassmanns These von der "Rückkehr der Regionen" im Transformationsprozess. Es ist zu wünschen, dass der Sammelband von Jutta Günther und Dagmara Jajesniak-Quast bezüglich der historischen Dimension zum Standardwerk der Transformationsforschung in Mittel- und Osteuropa wird.
Autor: Jürgen Deiters

Quelle: Die Erde, 140. Jahrgang, 2009, Heft 1, S. 90-91

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