Karl Martin Born, Timo Fichtner, Stefan Krätke (Hg.): Chancen der EU-Osterweiterung für Ostdeutschland. Hannover 2006. 312 S.

Zweifellos haben die Raumentwicklungsprozesse des vergangenen Jahrzehnts auf europäischer Ebene zu einem Abbau räumlicher Disparitäten geführt. Dies war nicht zuletzt ein Ergebnis der supranationalen Kohärenz- und Strukturpolitik der EU. Allerdings haben sich die regionalen Disparitäten auf nationaler Ebene vergrößert. Globalisierung, Transformationsprozesse und die Erweiterung der EU nach Osten bildeten wesentliche Bestimmungsfaktoren.

Dabei erschienen die Diskussionen um die Chancen und Risiken der Osterweiterungen von 2004 und 2007 sehr stark kostenfixiert. Es ist daher äußerst verdienstvoll, wenn aus regionalwissenschaftlicher und regionalökonomischer Perspektive empirisch fundierte Studien vorgelegt werden, die diese Diskussion veranschaulichen und vor allem Schlussfolgerungen auf unterschiedlichen fachpolitischen wie raumordnerischen Ebenen erlauben. Der vorliegende Materialband enthält die Ergebnisse einer Arbeitsgruppe von Wissenschaftlern verschiedener Fachrichtungen sowie Repräsentanten der Planung und Verwaltung (Landesarbeitsgemeinschaft Sachen/Sachsen-Anhalt/Thüringen) zu grundlegenden Themenfeldern der Chancen der Osterweiterung für Ostdeutschland. Die ursprünglich auf vier Themenbereiche (Verkehr, Wirtschaft und Arbeitsmarkt, Agrarstrukturen und ländlicher Raum, Zusammenarbeit in der raumbezogenen Planung) ausgerichteten Analysen und Bewertungen wurden im Laufe des Forschungsprozesses auf zwei übergeordnete Themenblöcke konzentriert: auf die sozio-ökonomischen Entwicklungsbedingungen von ostdeutschen Regionen im Kontext der EU-Osterweiterungen und auf die institutionellen Bedingungen der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit und planerischen Initiativen. Als übergeordnete Ziele wurden die Ermittlung der Potenziale und Chancen für Ostdeutschland im Bereich von Wirtschaft und Arbeitsmarkt sowie die bisherige Kooperation und Möglichkeiten grenzüberschreitender Aktivitäten im Feld der Verkehrsinfrastruktur und der umweltbezogenen Planung formuliert. Diese übergeordneten Ziele und Themenblöcke bilden die Grundstrukturen der Fallstudien. Es ist hier leider nicht der Rahmen, auf alle fünfzehn, nach einem gemeinsamen theoretisch-methodischen Konzept strukturierten Fallstudien einzugehen. Für den regionalwissenschaftlich arbeitenden Geographen sind vor allem jene Studien von besonderem Interesse, die sich mit den Grenzregionen als Unternehmensstandorte (Heimpold/Kawka), mit den Strukturanalysen der Grenzgebiete (Jurczek), mit der Humankapitalausstattung von Regionen (Zillmer) oder mit den Unternehmensbeziehungen als Entwicklungsfaktor (Krätke) befassen. Verständlich ist dabei, dass die einzelnen Fallstudien bezüglich der empirischen Tiefe unterschiedlich ausfallen und einige Sachverhalte zu sehr aktualitätsbezogen interpretiert werden (z.B. die unterschiedlichen Strukturen der böhmischen und sächsischen wie auch polnischen Grenzregionen, die z. T. historisch bedingt sind). Auch bei den Analysen und Bewertungen der grenzüberschreitenden Beziehungen, die wohl in der Regel durch Befragungen der Akteure und Beteiligten ermittelt wurden, erscheinen die „Hindernisse“ (z.B. Sprach- und Mentalitätsbarrieren) zu gering eingeschätzt. Aber ungeachtet dessen zeigen alle Analysen sehr deutlich, dass bestimmte politisch aufgeladene Vorstellungen von den Grenzregionen, aber auch von den Entwicklungsmöglichkeiten im „Binnenbereich“ revidiert werden müssen. Dies gilt sowohl bezüglich der Unternehmensstrukturen, die in einer umfassenden Form präsentiert werden (nicht grenzregionstypisch sondern eher ostdeutschlandtypisch) als auch für die Arbeitsmarktverhältnisse im Vergleich zu Tschechien und Polen.

Die SWOTAnalysen zeigen auch sehr deutlich die Auswirkungen der Transformationsprozesse, insbesondere im ländlichen Raum (grundsätzlicher Wandel der Agrarstrukturen, Abbau von Arbeitsplätzen und Infrastruktur) und damit die Ursachen für die Situation der regionalen Wirtschaft (Born). Dies gilt in ähnlichem Maße für die Entwicklungstendenzen in den ostdeutschen Peripherregionen (Fichtner). Andererseits bestätigen diese empirisch fundierten Analysen auch die Erkenntnisse aus vorangegangenen Transformationsforschungen, so z.B. die „Übersprungeffekte“, die Krätke bei seinen Untersuchungen an den Unternehmensbeziehungen feststellt oder bei der Verfolgung der Kapitalflüsse ausländischer Direktinvestitionen und ihrer regionalen bzw. lokalen Verortung. Die Forschungsergebnisse zu den Rahmenbedingungen grenzüberschreitender Planungen und Entwicklungen, wie sie Knippschild, Roch und Matthey oder Leibenath für die deutsch-polnischen bzw. die deutsch-tschechischen Grenzräume vorstellen, zeigen sehr deutlich, dass noch immer beachtliche Hürden auf unterschiedlichen fachpolitischen wie verwaltungstechnischen Ebenen zu überwinden sind, um vorhandene Potenziale für eine nachhaltige Raumentwicklung zu mobilisieren.

Die Beiträge zeigen auch übereinstimmend, dass eine grenzüberschreitende Planung besondere Wege und Mittel erfordert und faktisch auch vom Engagement einzelner Akteure getragen wird. Die Fallstudien zeigen auch, dass bei der regionalen Zusammenarbeit die ökonomische Ausrichtung dominiert, wogegen Umweltaspekte, Fragen der Bildung, der Kultur und Wissenschaft eher untergeordnet sind. Wesentliche Defizite und Strukturschwächen sind nicht nur mit konkreten Infrastrukturen oder Fragen der Erreichbarkeit verbunden, sondern beziehen sich ebenso auf Rechtsgrundlagen, Abstimmung der Planungen und Koordination der Umsetzung.

Autor: Horst Förster

Quelle: Die Erde, 138. Jahrgang, 2007, Heft 3, S. 234-235

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