Hans-Dietrich Schultz (Hg.): Das war/ist geographisches Denken ... Band 1: Textauszüge von 1728 bis 1859. Arbeitsberichte 127. Band 2: Textauszüge von 1860 bis 1907. Arbeitsberichte 128. Band 3: Textauszüge von 1908 bis 1927. Arbeitsberichte 129. Band 4: Textauszüge von 1928 bis 1945. Arbeitsberichte 130. Band 5: Textauszüge von 1946 bis heute. Arbeitsberichte 131. Geographisches Institut, Humboldt-Universität zu Berlin. Berlin 2007


"Ad fontes", das vorangestellte alte humanistische und aufgeklärte Motto, ist Programm des von Hans-Dietrich Schultz in fünf dicht gedruckten Bänden vorgelegten Opus. Eins muss direkt gesagt werden: Es handelt sich nicht um ein Lehrbuch oder Lehrwerk, sondern vielmehr um ein "Lesebuch", auch um ein nützliches Studierbuch und Nachschlagewerk, das ungemein lehrreich sein kann. Die vielen Seiten muss man sicherlich nicht von vorne bis hinten studieren, aber man kann dies natürlich auch tun! Die mit enormem Fleiß und konkurrenzloser Weitsicht zusammengetragene Textsammlung stellt dem Leser einen riesigen Quellenkorpus zum Studium der Geschichte der deutschsprachigen Geographie von 1728 bis 2007 zur Verfügung. An dieser Stelle sollen und können natürlich nicht die vielen Originaltexte rezensiert werden; vielmehr gilt es, eine bewundernswerte Herausgeberleistung zu würdigen.

Das seitenstarke Werk ist eine bedeutend erweiterte Neuauflage der bereits 2003/04 in drei Bänden in den Arbeitsberichten des Geographischen Instituts der Humboldt-Universität zu Berlin vorgelegten Edition "¿Geographie?". Schon die Vorgängerpublikation verdient allerhöchstes Lob - und der schnelle Ausverkauf der Auflage gibt dem Erfolg Recht. HEINER DÜRR hat dazu einen umfangreichen und sehr lesenswerten Besprechungsaufsatz publiziert (Geographische Revue 7 (2005) 1/2, S. 87-105).
Alle Textauszüge kreisen um die paradigmatische Frage nach dem Gegenstand (oder den Gegenständen) der Geographie, oder bewusst von SCHULTZ weiter gefasst, um die Fragen nach dem "geographischen Denken". Unter den "Lesefrüchten" aus drei Jahrhunderten sind die großen Namen der Fachgeschichte vertreten, aber auch ebenso viele - heute zu Recht oder Unrecht - vergessene Kleinmeister und Vertreter aus der zweiten Reihe der Geographie und deren Randgebiete. Man stößt bei der Lektüre auch auf z.T. sehr entlegen publizierte Texte, so auf seltene Schriften des 18. und frühen 19. Jahrhunderts, viel pädagogisches Schrifttum, auf Auszüge aus Lehrwerken, Lehr- und Handbüchern, Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln sowie Lexika. Die Sammlung erspart also für manche Zwecke einen bisweilen aufwendigen Besuch in der Bibliothek. Allerdings besteht durchaus die Gefahr, nun nicht mehr in die Originalwerke zu schauen und künftig "aus dem SCHULTZ" zu zitieren.
Bei der vorliegenden Textfülle fällt eine Orientierung, besonders für den Leser ohne Vorkenntnis, nicht immer leicht. SCHULTZ erkennt selbst den "Nachteil, dass dem Leser selbst keine Strukturierungshilfen für die Lektüre gegeben werden" (Bd. 1, S. XII). Ebenso sollte man bei einer vertieften Lektüre über SCHULTZ' Auswahlkriterien nachdenken, die hier nicht methodisch oder systematisch begründet werden (was wahrscheinlich in einem Vorhaben dieser Größenordnung auch nicht umsetzbar wäre). Wie bei allen Quellensammlungen stellt sich auch hier die Frage nach der Vollständigkeit und Repräsentativität der Texte. An diesem Punkt gehen die Meinungen, insbesondere zur jüngeren Fachgeschichte, oftmals weit auseinander. Bei dem hier vorgelegten Volumen bleiben auch einige Redundanzen und Längen nicht aus, die manchem Leser ein wenig das Lesevergnügen nehmen.
Die Anordnung der Quellentexte folgt einer klaren Chronologie und reicht von GEORGE CARL HERING bis ELMAR KULKE. Der erste Band (1728 bis 1859) endet nicht zufällig mit dem Todesjahr der beiden vermeintlichen Gründungsväter der Geographie, ALEXANDER VON HUMBOLDT und CARL RITTER, und umfasst die Vor- und Gründungsphase der modernen Geographie. Band 2 (1860 bis 1907) gibt die entscheidenden Jahre der Etablierung der deutschen Hochschulgeographie wieder; Band 3 (1908 bis 1927) und 4 (1928 bis 1945) dokumentieren die dynamischen Jahre einer Ausdifferenzierung und Methodendiskussion des Faches. Im fünften Band (1945 bis 2007) sind schließlich Quellen zur Zeitgeschichte der Geographie versammelt, also zu einer von vielen selbst erlebten und individuell in Erinnerung gebliebenen Fachgeschichte. Hierbei ist die oftmals fehlende Distanz zu den Texten und Autoren sicherlich problematisch, aber gerade diese Tatsache kann ja die fachinhaltliche und fachhistorische Diskussion in der Geographie beleben.
Das Werk enthält auch einige Abbildungen von Titelblättern und Originalseiten. Auch diese bildlichen Quellen, mit ihren geographischen Allegorien, können zu vielerlei historischen Betrachtungen anregen. Von ganz besonderem Wert ist die 31-seitige Auswahlbibliographie zur Geschichte der Geographie von HEINZ PETER BROGIATO, die dem letzten Band beigefügt ist. Dem Leser, der tiefer in die Materie einsteigen will, oder zu bestimmten Teilgebieten der Geographiegeschichte arbeitet, ist mit der reichen Literaturzusammenstellung ein unverzichtbares Hilfsmittel an die Hand gegeben.
Man würde natürlich an vielen Stellen gerne etwas über die Autoren und über die Entstehungszusammenhänge und Wirkungsgeschichten der Texte erfahren. Wir haben aber, wie gesagt, eine Quellensammlung vor uns und keine annotierte oder kritische Edition. Dies wäre ein nicht weniger interessantes Vorhaben gewesen. In der vorliegenden Form bleibt somit jegliche Interpretation der vielfältigen Ausführungen zum geographischen Denken dem Leser überlassen. Die direkte Konfrontation gehört wohl auch zur Intention des umfangreichen Editionsprojektes, besonders aber: Anregen zum Lesen, Entdecken und Wiederentdecken sowie Nachdenken über unser Fach.
Neben der enormen handwerklichen Leistung der Reproduktion der vielen Texte steht die wissenschaftliche Leistung einer klugen Selektion, die von einer in der deutschen Geographie kein zweites Mal anzutreffenden Sachkenntnis und Belesenheit des Herausgebers zeugt. Der Wunsch des Herausgebers soll zum Schluss noch einmal eindringlich bekräftigt werden, nämlich "dass diese Sammlung von Selbstäußerungen und -interpretationen zu Sinn und Nutzen geographischen Tuns ihrerseits als sinnvoll und nützlich empfunden wird und ihren Weg in einschlägige disziplinhistorisch und reflexionstheoretisch konzipierte Vorlesungen und Seminare findet" (Bd. 1, S. XII).
Autor: Bruno Schellhaas

Quelle: Erdkunde, 62. Jahrgang, 2008, Heft 4, S. 370-371

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