Carsten Felgentreff und Thomas Glade (Hg.): Naturrisiken und Sozialkatastrophen. Heidelberg, Berlin 2008. 454 S.

Die beiden Herausgeber befassen sich einleitend mit „Naturrisiken - Sozialkatastrophen: zum Geleit“, um Ansatz und Idee des Werkes vorzustellen, an welchem 43 Autorinnen und Autoren mitwirkten. Unter Verweis auf ein Zitat von W. SCHMIDT-WULFFEN (1982, 139) wird klargemacht, dass "Katastrophe" nicht eine Sache der Natur ist, sondern dass es sich um ein Ereignis handelt, das eine betroffene Gesellschaft als Katastrophe bewertet. Diesem Ansatz sind alle Beiträge unterstellt.

Den vielfältigen und hochinformativen Inhalt kann man nur abrisshaft würdigen. Teil I Grundlagen und Konzepte mit acht Beiträgen (S. 1-130) hat vor allem begriffliches bzw. methodisches und methodologisches Gewicht. Teil II Natürliche Ereignissysteme mit sieben Artikeln (S. 133-197) setzt nur vermeintlich naturwissenschaftlich an: Sie werden in Bezug zur Gefahren- bzw. Risikoproblematik gesetzt und wie Mensch und Gesellschaft damit umgehen. Teil III Praxis-Bezüge - Bewältigung und Prävention (S. 201-294) zeigt die große Spannweite der Problematik, die sich zwischen Risikoanalyse, Vorsorge, Vorwarnung, Nachsorge, Wiederaufbau und Verantwortung anordnet. Die Fallbeispiele in Teil IV (S. 297-408) beziehen sich auf die Alpen, den Mississippi, Kantabrien, die Nordseeküste, die amerikanische Golfküste, Indonesien, Bangladesh und Afrika. Der abschließende Teil V Herausforderungen: Aussichten auf die Risikowelt(en) von morgen (S. 411-448) legt ein terroristisches Szenario vor und behandelt die politischen Entscheider. Zwei Beiträge unter diesen vier erscheinen dem Rezensenten ethisch (Leben mit Risiko; Beitrag H.-G. BOHLE) und als Perspektive (Naturereignisse sind unausweichlich, Katastrophen nicht!?; Beitrag T. GLADE und C. FELGENTREFF) von Gewicht, weil zum Nachdenken, Entscheiden und Handeln animierend.
Das Erscheinen des Buches ist aus mehreren Gründen mehr als nur überfällig: Einmal gewinnt die Thematik angesichts des globalen Bevölkerungswachstums, des Klimawandels und der immer sichtbareren Begrenzung der Ressourcen zunehmend an Bedeutung. Die Geographie hat sich schon immer mit dieser Thematik beschäftigt, jedoch unsystematisch, methodisch und methodologisch wenig reflektiert und vor allem zu separativ, also entweder aus human- oder aus physiogeographischer Sicht. Zum anderen wird, nicht nur im deutschen Sprachraum, die Thematik begrifflich nicht sauber behandelt. Die normalerweise eingesetzten Fachbegriffe entstammen der Umgangssprache (z.B. Naturgefahr, Risikomanagement, Katastrophenvorsorge, Hazardanalyse etc.) mit entsprechend vielfältig aufgeladenen Inhalten. Hier werden nun, unter Berücksichtigung der internationalen Literatur, saubere Definitionen angeboten. Weiterhin macht der Band auf die Notwendigkeit einer multi- und transdisziplinären Vorgehensweise aufmerksam, die zwar aufwändige Kommunikation erfordert, aber zu neuen, fachübergreifenden Erkenntnissen führt. Nur sie werden dem komplexen Gegenstand "Naturereignis/Katastrophen“ gerecht. - Der Rezensent sieht die Bedeutung des Bandes einmal in den zahlreichen angebotenen Definitionen, die methodische und methodologische Leitlinien vorgeben, die eine Fachwissenschaft allein nicht erarbeiten kann. Bedeutsam ist aber auch die methodische Perspektive des Bandes, die Querverbindungen zu jenen Fachbereichen herstellt und begründet, die sich dem Problem von der praktischen Seite her nähern. Man könnte dazu auch "Angewandte Geographie“ sagen - wenn man nur möchte.
Das Buch ist hervorragend strukturiert, die Beiträge sind überwiegend gut lesbar und alle sind ausreichend bis reichhaltig illustriert. Kästen mit Definitionen oder Textbelegen sowie Schlüsselsätzen und die Zusammenfassungen am Ende weisen auf das Ziel hin, auch Lehrbuch zu sein. Die Literaturverzeichnisse fielen für die einzelnen Kapitel inhaltlich z.T. sehr ungleichgewichtig aus, was man bei einer sehr wünschenswerten neuen Auflage unschwer beheben könnte. Jedenfalls ist für das Buch eine weite Verbreitung zu erhoffen, führt es nicht nur die Studierenden der Geographie und anderer Fächer an diese komplexe Problematik heran, sondern es kann auch den Fachleuten zu einem durchaus nicht allen geläufigen präzisen Vokabular verhelfen. Eindeutigkeit in den Aussagen nützt der Verbreitung und Anwendung von Fachwissen! - Die beiden Herausgeber haben eine Kärrnerarbeit auf sich genommen, um das Werk entstehen zu lassen. Zur Idee und zur Ausführung kann man ihnen, aber auch dem Verfasserteam und dem Verlag, nur gratulieren: Ein Band, der nicht nur in die Regale von Bibliotheken gehört, sondern (neben seiner Aufgabe als Lehrbuch) auch Planer und Politiker angeht, um endlich deren Wortgeklingel durch Sachaussagen abzulösen.
Autor: Hartmut Leser

Quelle: Erdkunde, 62. Jahrgang, 2008, Heft 4, S. 374

siehe auch unter: http://www.raumnachrichten.de/ressourcen/buecher/912-naturrisiken

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