Jens Kastner und Luz Kerkeling (Hg.): Fehlentwicklungen. Texte zur Kritik an der Entwicklungspolitik in Lateinamerika. Münster 2007. 47 S.

Die Broschüre dokumentiert Beiträge, die im Rahmen eines Seminars am Zentrum für Lateinamerikaforschung der Universität Münster entstanden sind, und beabsichtigt, "die studentische Wissensproduktion ernst zu nehmen" (2) und nicht in den Schubladen der Lehrenden verstauben zu lassen - ein sehr begrüßenswertes Anliegen, das sich jedoch fragen lassen muss, ob es den Beteiligten nicht etwas zu viel aufgebürdet hat. Doch dazu später. Inhaltlich geht es nach zwei einleitenden Aufsätzen um soziale Bewegungen, Entwicklungsprojekte und multinationale Konzerne in Lateinamerika.

Benedikt Engelmeier gibt zunächst einen Überblick über die Entwicklungstheorien seit dem Ende des zweiten Weltkrieges, was auf 3 A4-Seiten ein notwendigerweise selektives (und für LeserInnen, die sich etwas näher mit der Thematik befasst haben, unbefriedigendes) Unterfangen ist, bleibt doch neben der knappen Darstellung von Modernisierungs-, Dependenz- und Weltmarktintegrationstheorien wenig Raum für Differenzierungen und alternative Ansätze, wohl allerdings für wenig hilfreiche Appelle ("gerade heute gibt es noch kein Patentrezept für die Lösung des vielleicht größten Problems der Menschheit: Die Armut. Die Beschäftigung mit den Theorien zu ihrer Überwindung ist wichtig und gerade die verheerende Bilanz von zwei Dekaden Weltmarktintegration hat gezeigt, wie viel Schaden man mit diesen Heilskonzepten anrichten kann. Die Menschen im Trikont werden es einem danken, wenn man sich, bevor man sie mit einer Grundschule zum Lesen Lernen beglückt, ein wenig mit der Komplexität des Themas beschäftigt. Eurozentristische Überlegenheitsfantasien brauchen sie sicherlich als letztes", 5).
Von der Komplexität des Themas ist im nächsten Beitrag kaum etwas zu spüren. Alexandra Schirmer referiert über "Die Politik der Internationalen Finanzinstitutionen - Kolonialismus der Neuzeit?". Auch jenseits der peniblen Nachfrage, ob sie sich von einem Kolonialismus des Mittelalters abgrenzen will, lässt der Text einiges zu wünschen übrig. Wenn behauptet wird "IWF, Weltbank und WTO kommt - wie keiner anderen internationalen Organisation - eine derart große Macht- und damit auch Entscheidungsfülle zu, dass sie die mächtigsten Institutionen weltweit darstellen. Sie bestimmen sowohl über die Entwicklung der armen Länder, als auch über die Entwicklungspolitik der westlichen Geberländer" (7), dann ist die Grenze der zulässigen Vereinfachung nach Meinung des Rezensenten überschritten. Die Nationalstaaten werden hier zu Marionetten der internationalen Finanzinstitutionen, was hinsichtlich des Südens eine unterkomplexe, hinsichtlich des Nordens eine absurde Darstellung ist, und eine politisch gefährliche dazu. Dass alle drei Institutionen seit einigen Jahren mit Legitimations- und anderen Krisen zu kämpfen haben, dass die Hegemonie des Neoliberalismus sehr wackelig geworden ist, und dass v.a. die Weltbank umfangreiche Reformprozesse (wie kritikwürdig diese auch sind) in Gang gesetzt hat, davon ist hier keine Rede. Statt dessen werden lediglich einige Gründe (von Strukturanpassung von TRIPs) aufgezählt, warum man gegen die IFI protestieren sollte. Das ist ein berechtigtes Anliegen, wirkt aber überzeugender, wenn es etwas differenzierter von statten geht.
Die weiteren Beiträge befassen sich mit weniger umfassenden und genauer umrissenen Themen: Katharina Derschewsky mit dem Plan Puebla Panamá, Laura Hugenroth mit Maquiladoras, Alexander Pajak mit Biopiraterie und der Patentierung genetischer Ressourcen, Miriam Trzeciak mit einem "Projekt zur sozial-integrativen und nachhaltigen Entwicklung" in Mexiko, Regine Köber mit "Wasserprivatisierung und Widerstand in Lateinamerika", Julian Müller-Terbille mit der unrühmlichen Rolle von Daimler-Benz in Argentinien nach dem zweiten Weltkrieg und der Entführung von Betriebsräten und Judith Conrads mit indigenen Rechten. Die einzelnen Aspekte und Projekte werden dargestellt und kritisch beleuchtet, immer verbunden mit der Frage nach sozialen Bewegungsakteuren und Kämpfen. Auch wenn die Analysen bisweilen etwas zu deutlich von ihrer politischen Perspektive geprägt sind, so sind sie doch durchweg als gelungen zu bezeichnen. Dies gilt besonders für die Aufsätze von Derschewsky und Trzeciak, die unter Rückgriff auf Primärquellen und nicht leicht zugängliche Literatur die instrumentelle Einbettung von Entwicklungsprojekten in Strategien der Aufstandsbekämpfung und Markterschließung aufzeigen.
Bleiben noch die Beiträge der HerausgeberInnen: Luz Kerkeling schreibt über den "zapatistische[n] Entwurf einer anderen Gesellschaft": nicht nur über die politischen Ideale und Forderungen der zapatistischen Befreiungsbewegung einer linken Politik "von unten für unten", sondern auch über die Versuche ihrer Verwirklichung in den aufständischen Gebieten und die "andere Kampagne", die statt auf Wahlaufrufe die auf Mobilisierung der marginalisierten Bevölkerungsgruppen Mexikos abzielt.
Jens Kastners Beitrag ist nicht nur der längste, sondern auch der mit Abstand theoretisch gehaltvollste. Er befasst sich mit "Autonomie in der entwicklungspolitischen Diskussion" und somit mit dem impliziten oder expliziten Fluchtpunkt der vorherigen Analysen. Dies tut er anhand von drei Ansätzen, die die indigenen Kämpfe in Lateinamerika als politische Perspektive und sogar als "Garant für gesamtgesellschaftliche Demokratisierung" (40) ansehen. Dabei arbeitet er heraus, dass diese Ansätze sich zwar ausdrücklich gegen neoliberale Modelle wenden, durch die Übereinstimmung in "der Abgrenzung zu staatlicher Bevormundung und im Kampf gegen autoritäre Herrschaft" die Forderung nach Autonomie für sich allein noch kein "Garant für Demokratisierung" sei, weil "sie der neoliberalen Umgestaltung der Gesellschaft nicht unbedingt widerspricht" (42). Gerade im Kontext einer marktorientierten Staatskritik (die sich in der von Indigenen oft bekämpften Privatisierungspolitik manifestiert) ist Autonomie demnach als "ambivalenter und umkämpfter Begriff zu bestimmen", der nur unter bestimmten Bedingungen "im emanzipatorischen Sinne erfolgreich" sein kann (ebd.). Sie darf, so der Autor weiter, nicht ethnisch bestimmt und mit einem dichotomischen Weltbild "indigene Völker vs. fremde Mächte" verknüpft werden, sondern muss "Dynamiken der kulturellen Hybridisierung" thematisieren und universalistische Anliegen aufgreifen. Als "äußere Einflüsse" auf als autonome Subsysteme fehlinterpretierte indigene Gemeinschaften könnten schließlich nicht nur "neoliberale Angriffe auf gemeinschaftliche Entscheidungsstrukturen" - wie die Ejido-Gesetze in Mexiko vor Gründung der NAFTA - sondern auch die Nutzung neuer Medien, "Adaption neuer Kampfformen" oder die "Angriffe auf die traditionellen Geschlechterverhältnisse" gelten (43). Ein emanzipatorischer Bezug auf Autonomie zeichne sich darüber hinaus auch durch die Einforderung von Kollektivrechten und gesellschaftlicher Inklusion aus. "Eine inhaltlich auf transnationale soziale Kämpfe ausgerichtete Autonomie, die zudem auf kollektive Eigentumsrechte besteht, erscheint nicht nur theoretisch und politisch ‚nachhaltiger' als eine auf ethnische Identität und Nationalstaat fixierte Konzeption. Durch ihren Bezug auf soziale (statt ethnische oder nationale) Kämpfe ‚von unten' markiert sie auch demokratietheoretisch den Unterschied zur neoliberalen Antistaatlichkeit der Bertelsmann-Stiftung" (44).
Auch wenn die Broschüre einigen darüber hinaus reichenden Ansprüchen nur teilweise genügen kann, so ist sie doch als Dokumentation studentischer Arbeiten und als Anregung für weitere Debatten durchaus als gelungen zu bewerten.
Aram Ziai

Quelle: Peripherie, 28. Jahrgang, 2008, Heft 111, S. 363-366

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