Sandra Mitchell: Komplexitäten. Warum wir erst anfangen, die Welt zu verstehen. Frankfurt a. M. 2008. 173 S.

Mit dem Essay der Wissenschaftsphilosophin und -historikerin Sandra Mitchell eröffnet der Suhrkamp-Verlag seine "edition unseld". In dieser Buchreihe soll unter anderem "der durch Naturwissenschaft und Technologie bewirkte Wandel unseres Weltgefühls [...] beschrieben, erklärt und vorausgedacht werden. Dies kann nur gelingen, wenn Geistes- und Naturwissenschaften miteinander in Dialog treten" (Broschüre, Vorwort). In Mitchells emphatischem Appell für eine "neue Komplexitätsforschung" kommt die Geographie zwar nicht vor, aber er ist gerade auch für unser Fach bedenkenswert und höchst anregend: für die reine Forschung, für die Anwendung ihrer Ergebnisse und für die Politik.

Den Wissenschaftlern emfpiehlt Mitchell einen "integrativen Pluralismus". Nur diese Forschungshaltung würde einer Welt gerecht, die durch "vielschichtige, durch Evolution entstandene robuste komplexe Systeme mit ihren vielen Einzelteilen" (S. 153) geprägt ist. Diese komplexen Strukturen und ihr Verhalten sind kontingent und von historischen Vorbedingungen abhängig (vgl. S. 81). Mitchell erläutert die anspruchsvollen methodischen Konsequenzen dieser Weltsicht und belegt ihre Überlegenheit, ja Notwendigkeit mit Beispielen aus der Forschung über arbeitsteilig organisierte Insektenvölker, über Depressionen bei Menschen sowie über die Entstehung von Ozonlöchern. In allen Fällen zeigt sich, dass es nur mittels Analysen auf mehreren "ontologischen Ebenen“ gelingt, die Forschungsgegenstände einigermaßen vollständig zu erfassen und hinreichend zu erklären. Die große methodische und forschungssoziologische Herausforderung einer so verstandenen Mehrebenenforschung - in der Geographie in Form von Multi-Skalar-Modellen bekannt - entsteht dadurch, dass die "Beziehungen zwischen den Faktoren der unterschiedlichen Ebenen [...] voneinander nicht unabhängig (sind)" (S. 139), so dass "die auf einer Ebene gefundenen Antworten unter Umständen Einfluss darauf haben, was auf einer anderen Ebene eine plausible oder wahrscheinliche Antwort ist" (S. 143). Deshalb liefert ein von Mitchell als Isolationismus bezeichnetes Vorgehen, das sich allein mit Phänomenen auf einer einzigen Ebene befasst, keine hinreichenden Einsichten. Die Mehrebenenanalyse ermöglicht und erfordert einen theoretisch und empirisch vielfältigen Forschungsbetrieb. Dass dessen Resultate in der Regel dennoch nicht eindeutig sind, daran lässt Mitchell keinen Zweifel: "Was die Wahrscheinlichkeit der Ergebnisse angeht, besteht in komplexen Systemen eine umfassende, vielfältige und häufig nichtlineare Unsicherheit" (S. 113).
Um derart auslegungsfähige Wissensbestände in für die Praxis brauchbares Wissen aufzubereiten, eignen sich gängige Kosten-Nutzen-Analysen mit ihren Versuchen einer genauen quantitativen Zuordnung der Wahrscheinlichkeiten (vgl. S. 114, 115) nur bedingt; sie seien zu sehr dem linearen Denken des traditionellen Reduktionismus verhaftet. "Ein besserer Leitfaden für die Entscheidungsfindung sind [...] Alternativdarstellungen dessen, was man weiß und was man nicht weiß" (S. 114). Das geeignete methodische Instrument seien deshalb Simulationen in Form von Szenarienanalysen. Sie basieren zum einen auf einer nachvollziehbaren Auswahl jener Faktoren, die als entscheidend für die künftige Entwicklungen angesehen werden, zum anderen auf den - werthaltigen - Vorstellungen von einer erwünschten Zukunft. Als eine dafür geeignete, gut ausgearbeitete und empirisch erprobte Methodik empfiehlt Mitchell eine "robuste anpassungsorientierte Planung (RAP)". Ihre Besonderheit besteht darin, "ein breites Spektrum unterschiedlicher, aber möglicher Szenarien" (S. 119) miteinander zu vergleichen. Denn die Ergebnisse der Simulationen werden unterschiedlich ausfallen, abhängig von der normativen Position des oder der Betrachter(s), von der oder den gewählten Analyseebene(n) sowie von dem gewählten Zeithorizont. Jedes Szenarium repräsentiert "eine andere Wahrscheinlichkeitsverteilung zu den relevanten Variablen, ihrem Einfluß und damit ihren voraussichtlichen Folgen" (S. 119).
Präsentiert sich die Wissenschaft in dieser Weise, läuft sie Gefahr, ihre Funktion als Ratgeberin der Politik zu verlieren. Es "besteht sogar die Möglichkeit, die Glaubwürdigkeit aller wissenschaftlichen Aussagen so stark in Zweifel zu ziehen, daß ein politisches Umfeld entsteht, in dem Beiträge der Wissenschaft völlig übergangen werden" (S. 116). Einen Ausweg sieht Mitchell in einem als "anpassungsorientiertes Management" bezeichneten Verfahren. Es sieht durch Szenarien angeleitete Handlungsstrategien vor, in die "kurzfristige, meßbare Meilensteine" (S. 122) eingebaut werden, die jederzeit flexible Umsteuerungen erlauben. Mitchell ist zuversichtlich, dass eine derart konstruierte "differenziertere, stärker kontextsensitive Darstellung von Politikfolgen in einer komplexen Welt zu verbesserten, differenzierteren Handlungsstrategien beitragen" kann (S. 123). Handlungszwänge der Politik, die einem so offenen und flexiblen Zusammenwirken zwischen Wissenschaft und Politik im Wege stehen könnten, erwähnt Mitchell nicht.
Es liegt auf der Hand, wie relevant all diese weit reichenden forschungslogischen und -soziologischen Einsichten und Vorschläge für die Geographie sind, für Diskussionen um ihre epistemologischen und methodischen Grundlagen ebenso wie um ihre gesellschaftlichen Aufgaben. Das gilt insbesondere, wenn man die Hauptaufgabe der Geographie darin sieht, räumliche Konfigurationen von Gesellschafts-Natur-Komplexen zu beschreiben und zu erklären. Denn das kann, folgt man Sandra Mitchell, nicht mit der einen oder der anderen Herangehensweise der alten, reduktionistischen Wissenschaft gelingen. Die Suche nach "der" Ursache passt nicht zu einer "Welt der vielschichtigen kausalen Wechselwirkungen und der Emergenz" (S. 152). In dieser Welt hat, wissenschaftlich gesehen, das "Universelle [...] dem Kontextbezogenen, Lokalen Platz gemacht" (S. 152). Und bei dessen Erforschung wird, so schließt die Autorin ganz im Sinne eines Alexander von Humboldt, "das Streben nach der einen, einzigen, absoluten Wahrheit [...] verdrängt durch den demütigen Respekt vor der Pluralität der Wahrheiten, die unsere Welt partiell und pragmatisch abbilden" (S. 152).
Heiner Dürr

Quelle: Erdkunde, 63. Jahrgang, 2009, Heft 1, S. 89-90

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