Harald Welzer: Klimakriege. Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird. Frankfurt a.M. 2008. 335 S.  

Knallrot sticht der Wortteil KLIMA auf dem Schutzumschlag des Buches ins Auge. Wer wollte es dem S. Fischer Verlag verdenken, wenn auch er Profi t zu schlagen versucht aus der aktuellen Konjunktur des öffentlichen Interesses an "Ressourcenkonflikten" und "Umweltkrisen" und eben: "Klimakriegen"? Fraglich ist, ob der Autor, der in Essen und Duisburg tätige Sozialpsychologe Harald Welzer, mit diesem publikumswirksamen Auftritt einverstanden und glücklich ist. Denn Welzers Buch ist gerade deshalb wichtig, weil er sich durchweg gegen alltags- und politiktaugliche, mono-kausale Vereinfachungen der (öko)sozialen Dynamik auf der Erde wendet. Hier eine Kostprobe seines durchaus komplexen Denkens, eine der Leitthesen des Buches: "Der mit der Globalisierung von Modernisierungsprozessen wachsende Terrorismus wird durch klimabedingte Ungleichheit und Ungerechtigkeit legitimiert und verstärkt" (271).

Welzer setzt sich also einen äußerst weiten Rahmen für die Beschreibung und Analyse von (öko-)sozialen Krisen in der Welt. Er veranschaulicht sie durch verschiedenste Beispiele aus unterschiedlichen Gesellschaften und Zeiten, die er teils knapp, teils ausführlich schildert: die ökosoziale Katastrophe der Osterinseln; die Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten gegenüber den Juden; die Wahrnehmung des Holocaust in der deutschen Bevölkerung (220-230); aktuellere Kriege, Konflikte und Genozide in Vietnam, Ruanda und Darfur (Sudan); den modernen (nämlich gleichzeitig transnational und individualistisch strukturierten) globalen Terrorismus; die Aufstände in den französischen Vorstädten im Jahre 2005; die Flüchtlingspolitiken der EU, der USA und Kanadas mit ihren Effekten der sozialen Ausgrenzung und der geographischen Auslagerung von Gewaltmaßnahmen (181-199); die andauernde Existenz fragiler Staaten und schwacher Regierungen in Ländern des Südens; die Allgegenwart von CCTV-Kameras in Großbritannien (232).
Der gedankliche Überbau oder besser: Überwurf, den Welzer für diese so unterschiedlichen Fälle konstruiert, hat die Form einer "rekursiv vernetzten", "spannungsvollen Figuration". Sie sieht etwa so aus: Die Welt unterliegt einem ungekannt und ungeahnt schnellen Wandel. Dessen Hauptkomponenten sind die Megaprozesse Modernisierung, Globalisierung und Klimawandel; zwischen ihnen bestehen komplexe Wechselwirkungen. Dies verstärkt bestehende und schafft neue Disparitäten, sowohl in der Welt als auch in den Nationalstaaten. Die zunehmenden Asymmetrien (179) der Lebensbedingungen, das Auseinanderdriften der Bevölkerungen in Gewinner und Verlierer wird vor allem von Letzteren als Ungerechtigkeit empfunden (167). Dadurch wird die - latent immer vorhandene - Bereitschaft zu allen möglichen Formen der Gewalt in allen Gesellschaften immer häufiger virulent. Kriege, (bewaffnete) Konflikte und Terror nehmen an Zahl und Intensität zu. Politik (und Medien) bewerten diese Prozesse. Unter dem Eindruck der so vermittelten Wirklichkeit verändern sich die Werthorizonte (baselines) der Politiker und der breiten Bevölkerung. Auf diese Weise schaffen sie es einerseits, sich mit dem Wandel zu arrangieren. Andererseits aber erzeugen "gefühlte oder reale Bedrohungen von außen (...) ein tieferes Zusammengehörigkeitsgefühl nach innen" und begünstigen "selbstreferentielle Orientierungssysteme" (74), die wiederum Hintergrund und Anlass für (gewalttätige) Konflikte zwischen ethnischen, religiösen oder sektiererischen Gruppierungen sind. So treibt das "tödliche Modernisierungsgefälle" (155) die desaströse Dynamik immer wieder neu an.
Wie Welzer selbst mehrfach zugibt und betont, ist dieser gedankliche Gesamtüberbau, den er im Buch in Bruchstücken konstruiert, keineswegs originell. Innovativ und anregend ist das Buch, wenn Welzer versucht, die komplexen Prozessabläufe mit einem Netz aus differenzierten sozialpsychologischen Argumentationsfäden aufzufangen. Alle Gesellschaften der Welt seien zu allen Zeiten mit einer "Apokalypseblindheit" (210) geschlagen, die Welzer wiederum auf verschiedene Ur-Sachen zurückführt: die ungleichen Tempi und Rhythmen der "schleichenden" (209) Klimaveränderungen einerseits und den durch die Generationenabfolge beeinfl ussten menschlichen Wissenstraditionen andererseits; die Unübersichtlichkeit der Ursache-Wirkungs- Ketten; damit zusammenhängend die oftmals unvorhersehbaren Folgen allmählicher Veränderungen und akuter Extremzustände der ökologischen Systeme. Besondere Bedeutung misst Welzer dem Konzept der "gleitenden Referenzpunkte" (shifting baselines) zu. So grauenvoll Geschehnisse auch ablaufen mögen: Menschen passen ihre moralischen Standards an die neuen Situationen schnell an; das gilt auch für die die krisenhaften Prozesse bestimmenden Akteurgruppen.
Klimawandel, Klimakriege? In Welzers Worten und in einer Sichtweise, die er dem Werk des Ethnologen Georg Elwert entnimmt: Auf die "autokatalytische Dynamik der Entstehung und Ausfüllung gewaltoffener Räume" wirkt der Klimawandel mit seinen ökologischen Folgen konfliktverschärfend ein (148, Hervorhebung HD). Die "Folgen des Klimawandels" berühren "die bestehenden Balancen des geo-, macht- und ressourcenpolitischen internationalen Spannungsfeldes" (157). Es gibt deshalb auch keine natürlichen Katastrophen, sondern nur soziale oder ökosoziale Katastrophen (cf. 207). Denn "(n)atürlich hat die Entstehung von Gewalt nur selten einen einzigen Grund" (161). Und "(n)atürlich", schreibt Welzer mit Bezug auf den Sudan, "gibt es neben dem ökologischen Desaster eine Fülle weiterer Konfliktursachen, sogar so viele, dass einen die Versuche, historische Übersichten vorzulegen, heillos verwirrt zurücklassen." (25, Hervorhebung HD) Das ist auch eine Folge der Tatsache, dass "die Wirkungsketten zwischen Maßnahmen, Interventionen und Folgen länger werden und sich die Sichtbarkeit dessen, was da eigentlich wie funktioniert, verringert." (207, Hervorhebung HD) Diese offen zugegebene erkenntnislogische Hilflosigkeit dürfte nur wenig durch die von Welzer vorgeschlagene Forschungsstrategie abgeschwächt werden, "soziales Handeln nicht als Handlungskette (...) und auch nicht als Folge von Aktion und Reaktion (...), sondern als Entwicklung von Beziehungen" (125) aufzufassen, wobei den letzteren "keine realistischen oder rationalen Bilder der Anderen und ihrer Handlungen zugrunde liegen (müssen)." Wenig ist auch von Welzers ontologischer Grundprämisse zu erwarten, die er in dem konstruktivistischen Theorem von William Thomas fasst: "Wenn Menschen eine Situation für real halten, dann ist diese in ihren Folgen real" (68). Am Ende kapituliert auch Welzer vor der Komplexität der beobachtbaren Welt, trotz mancher Versuche, sie durch etwas lässig skizzierte Klassifikationen von Konflikten oder sie in einer powerpointtauglichen Auflistung nummerierter Kurzsätze (247-249) zusammenzufassen. (Nota bene: Insgesamt hätte der wiederholungsreiche und nicht immer einsichtig angeordnete Text von einem sorgfältigeren Redigat sehr profitiert.)
Vor diesem Hintergrund überrascht, dass Welzer wiederholt scharfe und oftmals pauschale Kritik am Umgang der Kultur- und Geisteswissenschaften mit solchen ökosozialen Katastrophen äußert. Das angebliche Fehlen einschlägiger theoretischer Ansätze führt er unter anderem darauf zurück, dass "Gewalt, wenn überhaupt, in nur sehr geringem Maß zur Erfahrungswelt der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler" gehöre (127). Doch immer wieder entschärft er diese Kritik, indem er sich selbst bewusst auf die Schultern einflussreicher Sozial- und Kulturwissenschaftler stellt. Dazu gehört vor allem Zygmunt Bauman. Teils sehr bekannt gewordene einschlägige Beiträge zur Konflikt- und Kriegsthematik dienen als weitere Stützpfeiler seines Gedankengebäudes: die Arbeiten von Georg Elwert, Jared Diamond, Mary Kaldor und Herfried Münkler. Dass der Alarmismus, den Welzer mit seinen Hieben gegen "die" Kultur- und Geisteswissenschaften verbreitet, keineswegs gerechtfertigt ist, würde sich noch deutlicher zeigen, wenn man ältere thematisch einschlägige Werke hinzunähme, auf die Welzer nicht eingeht. Dazu gehören etwa die umfassenden theoretischen Überlegungen von Walter L. Bühl oder das eher auf Anwendung angelegte Werk von Frederic Vester. Philipp Reemtsmas nach Fertigstellung von Welzers Manuskript erschienenes Werk ist ein weiteres Beispiel. Auch wäre - in einem derart ehrgeizigen Gedankenentwurf, wie er Welzer vorschwebt - die lange Tradition ethnologischer Umweltforschungen noch stärker zu berücksichtigen. Zahllose Beiträge zu wissenschaftlichen Zeitschriften wie Disaster oder Journal of Humanitarian Affairs und erst recht die zumeist von internationalen NGOs verfassten, auf intensiven Feldforschungen basierenden Monographien über Zwangsmigrationen und ethnische Säuberungen würden zeigen, dass Welzer seine pauschale Kritik an der wissenschaftlichen Durchdringung von Extrem- und Krisenereignissen deutlich überzieht.
In den beiden Schlusskapiteln seines Buches, die mögliche Gegenmaßnahmen behandeln, lässt Welzer nur ab und an ein wenig Hoffnung aufkommen. Das liegt auch an seinem eher skeptisch-pessimistischen Menschenbild; Kronzeugen dafür sind ihm die Dichter Joseph Conrad und Winfried G. Sebald. Jedenfalls reichen, so Welzer, die Prozeduren und Instrumente, die in der Tradition der Aufklärung ersonnen und angewandt wurden, nicht aus, um die aktuellen und künftig absehbaren Gewaltkonfigurationen zu entschärfen oder gar zu beseitigen. Das gelänge nur in einem "kulturellen Projekt der guten Gesellschaft" (271), mittels einer "bewussten Strategie reflexiver Modernisierung", einer "dritten Moderne" (ebd.), die Welzer in einer Fußnote zu Recht mit "schönen Grüßen an Ulrich Beck" in Erinnerung ruft. Dies wäre eine Gesellschaft, in der Entscheidungen zuerst nach dem Prinzip der Reversibilität ihrer Folgen getroffen würden und in der "eine ganz neue Kultur der Partizipation" (272) herrschte. Dies aber, so Welzer, entspräche ausdrücklich nicht dem "visionäre(n) Haushalt der westlichen Länder" (268). Dass ökologische und gesellschaftliche Entspannungspolitik sich dennoch durchsetzen kann, zeigt Welzer an vier Kurzbeispielen, ohne dabei den Klimawandel als Einflussfaktor auch nur zu erwähnen. Nicht zufällig stammen alle Beispiele aus relativ stabilen und ökonomisch gut gestellten Nationalstaaten: Die Regelung des Nahverkehrssystems in der Schweiz; Norwegens nachhaltiger Einsatz volkswirtschaftlichen Reichtums; Estlands Entscheidung, den kostenlosen Internetzugang für alle Bürger zum Grundrecht zu erklären, und Deutschlands Weigerung, sich am Irakkrieg zu beteiligen. (264-265)
Welzer belässt es bei diesen Hoffnungssplittern. Die Frage, "welche gesellschaftlichen Gruppen oder Einzelpersonen eigentlich größere Chancen haben, ihre Interessen durchzusetzen" (267), lässt er unbeantwortet. Unbestimmt bleibt damit auch, ob und - wenn überhaupt - welche Gruppen oder Individuen ihre Referenzpunkte so verschieben, dass sie die Folgen des Klimawandels tatsächlich als "bedrohlich für die eigene Existenz interpretieren" und deshalb zu "radikalen Lösungen (neigen), an die sie vorher nie gedacht haben" (276, Hervorhebung i.O.) Die Hoffnung, der "Klimawandel" (Welzers Anführungszeichen) "könnte ein starting point für einen grundlegenden kulturellen Wandel" (272) der Weltgesellschaft sein, macht er im letzten Absatz seines großen Essays zunichte. Danach wird "die Aufklärung" scheitern an der Dialektik zwischen den Grundsätzen des "aufgeklärten Westens" und der auch durch sie immer wieder neu aufkommenden "Gegengeschichte der Unfreiheit, Unterdrückung und Gegenaufklärung". Dass im abschließenden Satz dann noch einmal irgendwie die "Zukunft der Klimafolgen" untergebracht wird, entspricht wieder eher der eingangs genannten verlegerischen Logik, weniger der Substanz der Buches. Diese Substanz besteht in einer großen Anregung zu gründlichem Nach-Denken und einer Aufforderung zum Weiter-Erklären.
Heiner Dürr

Literatur
Bühl, Walter L. (1983): Die Angst des Menschen vor der Technik. Alternativen im technologischen Wandel. Düsseldorf/ Wien.
Reemtsma, Jan Ph. (2008): Vertrauen und Gewalt. Versuch über eine besondere Konstellation der Moderne. Hamburg.
Vester, Frederic (1999): Die Kunst vernetzt zu denken. Ideen und Werkzeuge für einen neuen Umgang mit Komplexität. Stuttgart.

Quelle: Peripherie, 28. Jahrgang, 2008, Heft 112, S. 497-501


Eine weitere Rezension des Buches finden Sie hier.


Kommentar schreiben