Ton van Naerssen, Ernst Spaan und Annelies Zoomers (Hg.): Global Migration and Development. London 2008. 338 S.

Dass die Rückübweisungen von MigrantInnen in die Peripherie nach Zahlen der Weltbank mittlerweile die zwei- bis dreifache Summe der offi ziellen Entwicklungshilfe ausmacht, hat sich in den letzten Jahren herumgesprochen. Die vorliegende Publikation, hervorgegangen aus einer Konferenz zum Thema, springt auf den fahrenden Zug auf und nimmt sich vor, einen "Überblick über die diversen Formen und den globalen Charakter internationaler Migration im Zusammenhang mit Entwicklungsprozessen" (2) zu geben. Die nicht mehr ganz taufrische Grundthese lautet, dass statt von einem "brain drain" - einem Verlust von hochqualifizierten MigrantInnen für das Herkunftsland - zu sprechen, viel eher der "brain gain" - der Gewinn durch Rücküberweisungen, Wissenstransfer und Investitionen durch die Ausgewanderten wichtiger sei und entsprechend größere Aufmerksamkeit verdient hätte. Versprochen werden dabei "neue Einsichten auf der Grundlage empirischer Belege aus innovativer Forschung in verschiedenen Ländern" (xvii).

Die Einleitung der niederländischen HerausgeberInnen betont, der Zusammenhang zwischen Migration und "Entwicklung" sei kein Automatismus, sondern "multidimensional und komplex" (2, 10, 15) und von den jeweiligen Kontexten und von menschlichem Handeln abhängig. Ansonsten enthält sie abgesehen von einem kurzen Abriss einiger Migrations- und Entwicklungstheorien lediglich eine Vorstellung der weiteren 15 Beiträge. Diese sind in vier thematischen Blöcken zusammengefasst.
Im ersten geht es um Rücküberweisungen an daheimgebliebene Familienmitglieder. Hein de Haas illustriert anhand einer Fallstudie zum ländlichen Marokko die Bedeutung von Netzwerken für die Entstehung bzw. die Nutzbarmachung von Migrationsmustern. Dabei habe interne Migration oft eine "Sprungbrettfunktion" für internationale und die Migration als Strategie zur Diversifizierung und Verbesserung des Haushaltseinkommens werde eher von den weniger Armen genutzt - den Marginalisierten fehlten dafür Ressourcen und soziales Kapital. Graeme Hugo arbeitet die ökonomischen und sozialen Auswirkungen der Migration im östlichen Indonesien heraus und untersucht die Verwendung der Rücküberweisungen, wobei Investitionen im Bildungssektor (Schuldgeld) oder zur Renovierung von Häusern bereits als "development-related activity" (55) gezählt werden. In ihrem Vergleich von vier Mikro-Regionen in Mexiko und Bolivien kommen Virginie Baby-Collin, Geneviève Cortes und Laurent Faret zu dem Schluss, dass die Rücküberweisungen in Mexiko zwar deutlich mehr zur Erhöhung der Lebensqualität beitragen, aber deutlich seltener zu produktiven Investitionen führen als in Bolivien. Cindy Horst schließlich befasst sich mit der Rolle von Rücküberweisungen für somalische Flüchtlinge in kenianischen Flüchtlingslagern.
Der zweite Teil befasst sich mit "Diasporas and Development at Home". Gaspar Rivera-Salgado und Luis Escala Rabadán schildern die Aktivitäten mexikanischer "hometown associations", deren kollektive Rücküberweisungen Hilfs- oder Infrastrukturprojekte in ihrer Herkunftsregion finanzieren, oft mit substantieller finanzieller Unterstützung der mexikanischen Behörden auf nationaler, regionaler und lokaler Ebene. Ähnliche Organisationen der philippinischen MigrantInnen in Italien untersuchen Fabio Baggio und Maruja M.B. Asis, wobei dort die Unterstützung durch staatliche Behörden deutlich geringer ausfällt. Mirjam Kabki, Valentina Mazzucato und Ton Dietz vergleichen die Rolle von MigrantInnen in verschiedenen Gemeinden der Ashanti-Region in Ghana und stellen fest, dass in kleineren Gemeinden Mechanismen der sozialen Kontrolle sowie eine größere Vertrauensbasis zu einer sehr viel stärkeren Beteiligung von MigrantInnen bei der Finanzierung öffentlicher Projekte führen. Ton van Naerssen untersucht das Verhältnis von migrantischen Organisationen und Entwicklungszusammenarbeit in den Niederlanden und folgert, dass transnationale Lebensweisen "ein riesigies Potenzial für die Entwicklungszusammenarbeit" bieten, das durch vermehrte Dialoge und Kooperationen "erschlossen und optimiert" werden sollte (188).
Ein weiterer Abschnitt behandelt den Transfer von Wissen, Kompetenzen und Ideen. Katharina Goethe und Felicitas Hillmann untersuchen den Beitrag hochqualifizierter GhanaerInnen in Hamburg und Berlin zu solchen Transfers in ihr Herkunftsland und schätzen diesen aufgrund einer weitgehend Integration in die Gesellschaft im Zielland als relativ gering ein. Robert Potter und Dennis Conway schildern demgegenüber das stark verwurzelte Heimatgefühl vieler karibischer MigrantInnen und ihren Wunsch, "zuhause" etwas zur Verbesserung der Situation beizutragen. Liza Nell analysiert die Interaktion zwischen (v.a. in Studierendenorganisationen) politisch aktiven MigrantInnen aus Surinam in den Niederlanden und der politischen Klasse vor Ort in den verschiedenen historischen Phasen und konstatiert, dass der Erfolg der rückkehrenden politischen Akteure daran geknüpft war, ob sie sich in das politische Parteiensystem eingefügt haben.
Teil Vier des Buches ("Comprehensive Studies") beinhaltet eine hochinteressante Studie der Feminisierung der Migration am Beispiel ländlicher unverheirateter Frauen im Senegal und Sri Lankischer verheirateter Frauen im Libanon. Fenneke Reysoo thematisiert dabei zunächst die Sichtbarkeit der Frauen in der Migrationsforschung als verantwortlich für diesen Trend, bevor sie auf der Grundlage qualitativer Forschung die Komplexität ökonomischer und sozialer Strukturen nachzeichnet, ohne die Migrationsstrategien unverständlich bleiben - und demonstriert so die Unzulänglichkeit reduktionistischer push- und pull-Modelle einer neoklassischen, auf rationale individuelle Entscheidungen fixierten Tradition. Hye-Kyung Lee setzt sich mit der Situation von Frauen im Bereich der Dienstleistungs- und Heiratsmigration im Kontext rechtlicher und ökonomischer Veränderungen in Südkorea auseinander. Maggi Leung widmet sich der Rolle von im Ausland lebenden ChinesInnen für Chinas wirtschaftlichen Aufschwung. Parvati Raghuram beschließt den Band mit einer Abhandlung, inwiefern Diskurse zu Migration und Entwicklung in Indien zur Herstellung der Nation als einer identitären Gemeinschaft beitragen.
Der Sammelband bietet bis auf wenige Ausnahmen zwar solide empirische Forschung, die allerdings oft deskriptiv und wenig analytisch bleibt und in der Regel mit eher wenig überraschenden Forschungsergebnissen aufwartet (z.B. dass Konflikte zwischen hometown associations und der Gemeinde den Projekterfolg beeinträchtigen, 124). So lassen sich auch in vielen Beiträgen gewisse Beschränkungen auffinden: dies betrifft nicht nur die unkritische Verwendung des Entwicklungsbegriffs und vereinzelt passend dazu eine technokratische, auf Expertenwissen aufbauende Sozialtechnologie (178), sondern auch weitere Aspekte. Die verbreitete Fixierung auf finanzielle Aspekte und Kapitaltransfer suggeriert in längst überwunden geglaubter modernisierungstheoretischer Tradition eine lineare Beziehung zwischen makroökonomischen Daten und den Lebensverhältnissen der Menschen. Entgegen der Beteuerung der HerausgeberInnen in der Einleitung wird "Entwicklung" oft rein ökonomisch als höheres Einkommen konzipiert. Und weitestgehend ausgeblendet bleibt, dass sich der neue Trend zur Auslagerung der Entwicklungshilfe (oder allgemein von Investitionen in öffentliche Güter) in die Hände der MigrantInnen hervorragend in eine zunehmend neoliberale Transformation der Nord-Süd-Beziehungen und der Staatsaufgaben einfügt. Von diesen Beschränkungen abgesehen bietet der Band jedoch eine Fülle an interessanten empirischen Studien zur Thematik.
Aram Ziai

Quelle: Peripherie, 28. Jahrgang, 2008, Heft 112, S. 519-522






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