Transit Migration Forschungsgruppe (Hg.): Turbulente Ränder. Neue Perspektiven auf Migration an den Grenzen Europas. Bielefeld 2007. 245 S.

Was heißt es heute, aus antirassistischer Perspektive über Migration zu sprechen? Seit Jahren wird diese Frage in der europäischen bewegungspolitischen Linken intensiv diskutiert. Ist es ihre primäre Aufgabe, die Festung Europa anzuprangern und Flüchtlingstragödien publik zu machen, oder soll es vielmehr darum gehen, MigrantInnen als strategisch handelnde Subjekte anzuerkennen, über ihren täglichen Widerstand zu sprechen, der nationalstaatliche Kontrollbemühungen immer wieder kunstvoll unterläuft?

Aus dieser zweiten Perspektive - der Perspektive der Autonomie der Migration - hat sich die Gruppe TRANSIT MIGRATION zwischen 2004 und 2006 mit der Migrationslandschaft in Griechenland, der Türkei und dem ehemaligen Jugoslawien beschäftigt. Daneben ging es dem Team aus WissenschaftlerInnen, MedienaktivistInnen und KünstlerInnen darum, neue Strategien der Re-/Präsentation von Migration zu entwickeln. Ein Ergebnis ist Turbulente Ränder, ein theoretisch anspruchsvoller und thematisch breiter Sammelband, der zwar bisweilen empirische Schwächen aufweist und sich an einigen Stellen sprachlich vergaloppiert, dem aber insgesamt das gelingt, was der Untertitel verspricht - "neue Perspektiven auf die Migration an den Grenzen Europas".
Zum Kern dieses Perspektivwechsels: Dem in der deutschen Migrationsforschung vorherrschenden " methodologischen Nationalismus" (8) wird das "subjektive Gesicht der Migration und des staatlichen Handelns" (15) entgegen gesetzt. Letztendlich ist es die Bewegung der Migration, die Europa zwingt, in dem Versuch ihrer Wiedereinhegung seine Außengrenzen zu erweitern und seine institutionelle Architektur bis in die Sahel-Zone auszudehnen; will heißen: Das Projekt der Europäisierung ist Effekt migrantischer Kämpfe, doch die finden selbst innerhalb wirkmächtiger Strukturen statt.
Das Gros der insgesamt 12 Beiträge versucht, diesem Wechselspiel von Struktur und Handlung auf die Spur zu kommen. Insbesondere der Artikel von Sabine Hess und Vassilis Tsianos zur Ausdehnung europäischer Migrationspolitik über das EU-Territorium hinaus kann hier überzeugen. Andere Beiträge glänzen eher in Einzelabschnitten: zum Beispiel in Ausführungen zur NGOisierung der EU-Migrationspolitik (u.a. Sabine Hess und Serhat Karakayali) oder durch die Theoretisierung von Lagern als Orten der Filterung und nicht etwa der Abschottung (Efthimia Panagiotidis und Vassilis Tsianos), in Schilderungen des Spiels mit Identitäten, mit denen MigrantInnen Sichtbarmachungsstrategien durchkreuzen (Ramona Lenz) oder durch die lebhafte Beschreibung des Markts für gefälschte Fluchtgeschichten und gestellte Foltervideos in Istanbul, mit denen MigrantInnen versuchen, den Anforderungen des Asylsystems gerecht zu werden (u.a. Sabine Hess und Serhat Karakayali).
Problematisch an diesen eher essayistischen empirischen Bezügen ist jedoch ihre Redundanz. Dem Markt für gefälschte Fluchtgeschichten begegnet LeserIn ebenso oft wie dem Motel 1000 Rosen, einem improvisierten Auffanglager nahe Belgrad, ganz zu schweigen von Luis, einem Migranten, dessen Geschichte sich wie ein roter Faden durch die Beiträge zieht. Das deutet bereits an, dass es dem Band nicht immer gelingt, die spannenden theoriegeleiteten Thesen empirisch zu unterfüttern. Kritikwürdig ist zudem die sperrige Sprache einiger Beiträge. Hier verwandelt sich Wortgewalt schon einmal in allzu verschachtelte bis falsche Sätze wie "Die Kolonialisierung hat diesen Bildfundus in die Vorstellungswelt der Menschen beiderseits der kolonialen Grenze eingeschrieben hat und einen wechselwirksamen Wahrnehmungsraum eröffnet, der binär strukturiert ist, auf Unterscheidung zwischen Eigenem und Fremdem und einer ganzen Reihe weiterer Differenzen aufbaut" (175). Und schließlich können die AutorInnen ihrem Anspruch, Struktur und Akteure als miteinander vermittelt zu denken, nicht vollends gerecht werden. Zu häufig gerät dieses Wechselspiel zugunsten eines engen Fokus auf migrantische Strategien aus dem Blick.
Zwei Beiträge müssen von dieser Kritik jedoch ausgenommen werden: Rutvica Andrijaševics herausragende Analyse einer Kampagne der Internationalen Organisation für Migration (IOM) gegen Menschenhandel in der Tschechischen Republik und der Beitrag von Regina Römhild zu migrantischem Kosmopolitanismus. Während letzterer durch Differenziertheit besticht - das Handeln von MigrantInnen wird hier eben nicht nur als Selbstermächtigung interpretiert, sondern immer im Kontext von Ausbeutungsverhältnissen gedeutet - gelingt Andrijaševic eine hervorragende Verknüpfung von theoretischer Reflexion und empirischer Genauigkeit. Die viktimisierende Darstellung weiblicher Körper in der IOM-Kampagne wird so überzeugend als Teil einer diskursiven Eindämmungspolitik entlarvt, welche die Mobilität osteuropäischer Frauen hemmen und sie an den sicheren heimischen Herd binden soll.
Mit Fragen der Repräsentation von Migration setzen sich schließlich auch die methodischen Beiträge des Bandes auseinander. Die Gruppe Ultra-red reflektiert ihren Versuch, die Klanglandschaften eines Belgrader Flüchtlingslagers einzufangen; die Filmemacherin Brigitta Kuster diskutiert die Darstellung von MigrantInnen in Film und Fernsehen; Marion von Osten berichtet über die Kölner Ausstellung Projekt Migration als Methode, aus Perspektive der Migration eine andere Geschichte der Migration in Europa zu erzählen; und der Künstler und Ausstellungsmacher Peter Spillmann stellt das Projekt MigMap vor, dessen Ziel es war, Migration mit den Instrumenten der Kartographie als sozialen Raum zu zeigen. Es ist nicht zuletzt die disziplinäre Grenzüberschreitung dieser Beiträge, welche den Facettenreichtum der Perspektive der Autonomie der Migration eindrücklich zur Schau stellt und Turbulente Ränder zu einer spannenden Intervention in Debatten um europäische Migrationspolitik macht.
Pia Eberhardt

Quelle: Peripherie, 29. Jahrgang, 2009, Heft 113, S. 109-110

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