César N. Caviedes: El Niño. Klima macht Geschichte. Darmstadt 2005. 167 S.

Caviedes, der sich seit den 60er Jahren mit der ENSO- Forschung sowie der Klimatologie Südamerikas und dem Karibischen Raum beschäftigt, hat mit seinem Buch "El Niño. Klima macht Geschichte" ein umfassendes Werk zur El Niño-Thematik verfasst, das nahezu die gesamte Bandbreite der globalen Auswirkungen des Phänomens anspricht.

Neben einem Einblick in die Grundthematik des atmosphärisch-ozeanischen Phänomens wird auch der Einfluss von El Niño auf bedeutende Ereignisse hinsichtlich des kulturellen, sozialen, wirtschaftlichen, politischen und sogar militärischen Geschehens wiedergegeben. Die umfassende Ausleuchtung der Thematik spricht daher natur- als auch geisteswissenschaftlich Interessierte gleichermaßen an. Abgerundet werden die Ausführungen durch eine spannende Sprache, in die auch persönliche Erlebnisse des Autors einließen und von dessen Forschungen zeugen. Das Buch ist eine Übersetzung des bereits 2001 in Gainsville (University Press of Florida) von CAVIEDES publizierten Buches "El Niño in History. Storming through the ages". Gegenüber der Originalausgabe ist es jedoch durch Einbezug von Literatur bis ins Jahr 2003 aktualisiert und zusätzlich um einen Komplex "ENSO und Europa" erweitert worden.
Kapitel 1 führt kurz in die ozeanisch-atmosphärischen Grundlagen ein, wobei diese Thematik auch global abgehandelt wird, inklusive einer Beschreibung der gesamten pazifischen und atlantischen Oszillationen. Leider fehlen nach dieser Einführung zur allgemeinen Klimatologie die El Niño-typischen Zirkulationsmodifikationen, insbesondere der Walker-Zirkulation. Z. B. wäre ein Pendant zu den Abbildungen 1.4 und 1.5 notwendig gewesen, um dem interessierten (Erst-)Leser eine bildliche Vorstellung von den speziellen Veränderungen während El Niño zu vermitteln. Ergänzt wird das Einleitungskapitel durch einen kurzen Exkurs hinsichtlich der Auswirkungen von El Niño auf verschiedene Ökosysteme aber auch auf die sozioökonomischen Bereiche vornehmlich der südamerikanischen südhemisphärischen Westküstenstaaten. Der Schwerpunkt des Buches liegt jedoch auf den El Niño-Telekonnektionen, zu denen nach der Einleitung rasch übergegangen wird. Das zweite Kapitel ist überschrieben mit "Auf der Suche nach El Niño in der Vergangenheit". Es gibt einen Überblick über die verschiedenen Möglichkeiten, wie Klima und Klimaschwankungen erfasst bzw. beschrieben wurden und zeigt Alternativen, mit denen Wetterinformationen über die Vergangenheit gewonnen werden können. Anschließend wird Fragen nachgegangen, wie El Niño in der ostpazifischen Region die Eroberung des Inka-Reiches gesteuert und die Umwelt- und Lebensbedingungen von der Kolonial- bis zur Neuzeit beeinflusst haben könnte.
Die mit El Niño einhergehende starke Erwärmung der Atmosphäre im Zentral- und Ostpazifik ändert die atmosphärischen Abläufe grundlegend. Insbesondere eine Intensivierung der Temperaturgradienten führt zu einer Verstärkung der Frontogenese in Richtung der Außertropen. Eine erhöhte Zyklonenaktivität mit veränderten Zugbahnen tropischer und außertropischer Zyklonen bestimmt das Witterungsgeschehen und führt auch global zu Niederschlagsanomalien. Diese Thematik wird in den Kapiteln 3 "Die tobenden Meere des El Niño" und 4 "Trockenheit in den Tropen" aufgegriffen. Thema des dritten Kapitels sind Schiffsunglücke im Zusammenhang mit El Niño-induzierten Stürmen in verschiedenen Regionen des Pazifiks und Atlantiks bis in die Nordsee. Leider werden in den Teilkapiteln die Zusammenhänge nicht eindeutig nachgewiesen. Bezüglich der Nordsee erfolgt eine Auflistung der Sturmjahre bzw. Jahre mit besonders häuigen Schiffsunglücken, die vor, während oder nach El Niño stattfanden. CAVIEDES wertet dies als Anzeichen dafür, dass es Telekonnektionen gibt. Durch die Telekonnektionsforschung weiß man jedoch, in welchen Zeitfenstern Auswirkungen auf bestimmte Regionen zu erwarten sind. Leider fehlt an dieser Stelle eine konkrete Beziehung zwischen räumlichen Auswirkungen und der zeitlichen Beziehung zu El Niño. Im Teilkapitel "Gefürchtete Winterstürme vor der Küste Chiles" erklärt der Autor die bekannten Niederschlagsanstiege vor einem El Niño-Ereignis im Bereich der chilenischen Ostküste mit einer Häufung von Tiefs und Fronten. Obwohl er auch aktuelle Thematiken wie die Madden-Julian Oscillation (MJO) sowie verschiedener pazifischer und atlantischer Oszillationen in seinem Buch verarbeitet hat, wird an dieser Stelle kein Zusammenhang zwischen den Niederschlägen und der MJO oder den Aktivitäten der südpazifischen Konvergenzzone hergestellt. Kapitel 4 greift die verschiedensten möglichen Wirkungsweisen ausbleibender Niederschläge auf. Eine eingangs abgedruckte Karte (Abb. 4.1) zeigt globale Dürregebiete im Zusammenhang mit El Niño. Leider wird in den Ausführungen nur marginal auf die Abbildung eingegangen - weist sie nämlich auch die Hauptniederschlagsgebiete während El Niño in Ecuador und Nordperu als Dürreregion aus. Die Ausführungen dieses Kapitels beschreiben dann zunächst die sozioökonomischen Folgen zweier bekannter Telekonnektionsgebiete auf dem südamerikanischen Kontinent im Bereich des Altiplano um den Titicacasee und in Nordostbrasilien. Die anschließenden Teilkapitel verbinden "Tod und Unruhen im Afrika" südlich der Sahara, "Hungersnöte und unzuverlässige Monsune in Indien", "Waldbrände in Australien" und "Missernten in Mexico" mit El Niño. Dem "Übergang von El Niño zu La Niña" ist Kapitel 5 gewidmet. Nach einer Aufzählung der La Niña-Merkmale nach einschlägigen Kriterien wie dem Southern Oscillation Index, den Meeresoberlächentemperaturen und den Niederschlagsanomalien wird der Umschwung des Systems Ozean-Atmosphäre vom El Niño- zum La Niña-Zustand diskutiert. Ein Erklärungsansatz liefert hierzu der von VALLIS 1986 veröffentliche "bifurcation effect" in chaotischen Systemen. Als auslösende Effekte nennt CAVIEDES Vulkanausbrüche, Erhöhung der Sonneneinstrahlung oder eine Abschwächung der großen Luftdruckzellen über dem Pazifik (S. 82). In zwei anschließenden Unterkapiteln wird die Zyklonen- und Hurrikanaktivität im Atlantik während El Niño und La Niña für die Gegenwart und Vergangenheit beschrieben. Das mit "Spuren von El Niño in der Weltgeschichte" überschriebene Kapitel 6 knüpft an Publikationen an, politisch historische Ereignisse mit dem Klima- oder Umweltgeschehen zu verbinden. Als Beispiele sind der Russland-Feldzug im 2. Weltkrieg, die Dürren der 60er und 70er Jahre im Sahel als Auslöser für den Sturz Haile Selassies, Hoch- und Niedrigwasserstände am Nil und Unwetter während der kleinen Eiszeit sowie der Untergang der Titanic aufgegriffen.
Das gegenüber der englischsprachigen Ausgabe ergänzte Kapitel 7 "Der Widerhall von El Niño in Europa" beschäftigt sich mit den Telekonnektionswirkungen auf Europa. Hier werden intensiv die verschiedenen Oszillationen (Nordatlantische Oszillation (NAO), Arktische Oszillation (AO), Nordpazifische Oszillation (NP), Pazifisch- Nordamerikanische Oszillation (PNA)) etc. mit dem ENSO-Zyklus in Zusammenhang gestellt. Die anschließenden Unterkapitel beschreiben Telekonnektionen von der Gegenwart, inklusive dem Sommer 2002, bis in die Anfangszeiten der kleinen Eiszeit. Das achte Kapitel  "El Niño im Nebel der Vergangenheit" folgt mit den Unterkapiteln "Auf der Suche nach Mega-Niños", "Überschwemmungen im Land der Chimú, Peru" usw. der Thematik von Kapitel 2 und hätte m.E. auch dort eingegliedert werden können. Den Ausklang des Buches bildet das Kapitel 9 "Offene Fragen". Mit seinem Buch wollte CAVIEDES den Versuch einer interpretativen Klimanachhersage unternehmen. Intensiv geht der Autor auf die Sonnenleckenzyklus- These von FRIIS-CHRISTENSEN & LASSEN (1991) ein, die er aber bereits im Eingangkapitel 1 (S. 14) revidiert hat.
CAVIEDES führt uns vor Augen, welche Auswirkungen das im Pazifik ansässige El Niño-Phänomen für das Weltklima hat und darüber hinaus wie das Wetter mit seinen unterschiedlichen Witterungsverläufen die Geschicke und Geschichte der Menschheit leitet. Die insgesamt breite Thematik spricht eine mannigfache Leserschaft an. Damit bietet das Buch ein breites Spektrum interessanter Denkanstöße, die sicherlich auch für Forschungsideen Raum lassen.
Astrid Bendix

Quelle: Erdkunde, 63. Jahrgang, 2009, Heft 2, S. 192-194

Kommentar schreiben