Gerhard Hauck: Kultur. Zur Karriere eines sozialwissenschaftlichen Begriffs. Münster 2006. 226 Seiten

Im Band 16/17 der Reihe Einstiege des Westfälischen Dampfboots gibt Gerhard Hauck in kurzen Kapiteln einen Überblick über die wichtigsten Vertreter und Positionen in der sozialwissenschaftlichen Debatte um Kultur. Ausgehend von Herder, bespricht er den Kulturbegriff in Deutschland vor und zwischen den beiden Weltkriegen wie auch den der Cultural Anthropology in Amerika, die Positionen des Assimilationismus, Primordialismus und Kommunitarismus in der US-amerikanischen Diskussion und die des Konstruktivismus des späten 20. Jh. Darauf folgt ein Versuch, einen kritischen, nicht-essentialistischen Kulturbegriff zu entwickeln und diesen in den Auseinandersetzungen um Herrschaft und Macht zu verorten.

Gleich zu Beginn macht der Autor klar, welches Verständnis von Kultur er favorisiert. Er wendet sich gegen einen Kulturbegriff, der Kulturen als in sich konsistent und homogen, nach außen abgeschlossen, stabil und ahistorisch fasst. Kultur begreift er vielmehr als offen, prozessual, in sich widersprüchlich, historisch, hybrid und, das ist ihm besonders wichtig, als integralen Bestandteil von Macht-, Herrschafts-, und Klassenverhältnissen. Die größte Rolle im Kampf um Macht und Herrschaft, so Hauck in Anlehnung an Bourdieu, spiele der Kampf um die Legitimation der Wirklichkeit, die Definitionsmacht, die Macht zu klassifizieren, etwas als wahr oder richtig zu bestimmen. Und dieser Kampf wird nicht nur innerhalb von Kultur und kulturübergreifend, sondern auch mittels des Kulturbegriffs geführt. Ein Überblick über die sozialwissenschaftliche Entwicklung des Begriffs Kultur, der das mitdenkt, ist mir in diesem Buch zum ersten Mal begegnet. Dadurch wird es zu einem kleinen Schatz. Das Buch ist sehr übersichtlich aufgebaut und die Sprache des Autors ausgesprochen angenehm, keine überflüssigen Verschachtelungen oder komplizierten Formulierungen, dafür aber Wortwitz und mitunter eine wirklich spitze Feder. All jenen, die den versprochenen Einstieg in die Kulturdebatte suchen, möchte ich das Buch wärmstens empfehlen.
Diejenigen, die sich schon ein wenig länger in der Kulturdebatte bewegen und mit Postcolonial Studies und Postmoderner Theorie bereits beschäftigt haben, werden zum Weiterdenken, aber auch zur Kritik herausgefordert. Fraglich erscheint zunächst Haucks Ausgangspunkt. Herder habe den Begriff Kultur auf die sozialwissenschaftliche Bühne gebracht, und zwar als einen durchaus gut vertretbaren, er verschreibe sich dem kulturellen Relativismus und pflege eine antiherrschaftliche Grundeinstellung. Sämtliche nationalistische Vereinnahmungen der Theorie Herders seien schlichtweg unzulässig. Ausgehend davon fragt Hauck, was denn in der Debatte um den Kulturbegriff nach Herder so schief laufen konnte. Das Problem dabei ist aber m.E., dass Hauck Herders Kulturbegriff etwas zu glattgebügelt hat, die nationalistischen Vereinnahmungen sind zwar unzulässig, aber sie kommen nicht von ungefähr - Herders Kulturbegriff ist in seinen Werken sehr widersprüchlich. Während Herder in den Briefen zur Beförderung der Humanität die Unvergleichbarkeit von Kulturen betont, spricht er in den Ideen von einer Vorrangstellung der europäischen Kultur und entwirft eine Kulturentwicklung, die in aufsteigender Linie verläuft. Herder hat also den Kulturbegriff als einen strittigen auf die sozialwissenschaftliche Bühne geholt und für die Frage nach der Entwicklung des Begriffs erscheint mir diese von vornherein gegebene Streitbarkeit auch viel plausibler als ein unproblematischer Begriff, mit dem dann Schindluder getrieben wird. Den folgenden Kapiteln Haucks tut dieser Punkt keinen Abbruch. Schwieriger scheint mir zu sein, dass Hauck die Rolle des Linguistic Turn für den Cultural Turn kaum berücksichtigt und somit einen wesentlichen Impuls auch für sein eigenes Kulturverständnis vernachlässigt. Besonders auffällig wird dies anhand zweier Aspekte: 1) Wesentliche Kritikpunkte der post-modernen und post-strukturalistischen Kritik wie auch des Konstruktivismus werden lediglich gestreift, ihre Fruchtbarkeit für Haucks Kulturbegriff kaum angedeutet. Lyotards These vom Ende der großen Erzählungen erwähnt Hauck nur beiläufig, die ganze postmoderne Debatte darum, was ein Zeichen wie "Kultur" ist und zu leisten vermag (De Saussure, Austin, Derrida) fehlt ebenso wie die Kritik um die Einheitlichkeit und Selbstidentität des Subjekts (Lacan): ein in der Diskussion um Kultur nicht zu vernachlässigender Aspekt, wie bei Haucks Auseinandersetzung mit dem Primordialismus deutlich wird. Selbst die daran anknüpfende Kritik an der Unterscheidung von Innen und Außen (z.B. Butler), die einmal mehr einer antiessentialistischen Kulturkonzeption und dem Aspekt der Hybridität Vorschub zu leisten vermag, findet keine Berücksichtigung, ebenso wenig Althussers Konzept der juridischen Anrufung oder Žižeks "Teil ohne Anteil". Der Konstruktivismus wird immerhin anhand von Hobsbawms und Rangers The Invention of Tradition (1983) etwas ausführlicher besprochen; in der Einleitung zum sechsten Kapitel "Was bleibt", die den Übergang zu Haucks eigenem Entwurf darstellt, wird jedoch keine Brücke geschlagen. 2) Das wirkt sich auf den für Haucks Anliegen zentralen Gedanken aus, dass es den richtigen, selbstidentischen Begriff von Kultur, der korrekt auf seinen Referenten verwiese, nicht geben könne. Damit ist überhaupt erst der Kampf um die Definition des Begriffs möglich. Hauck versucht, diese Nicht-Identität des Begriffs in einem kleinen Absatz zu plausibilisieren, indem er auf die unscharfen Grenzziehungen in der "Alltagssprache" verweist, auf die die "Wissenschaftssprache" letztlich doch auch immer wieder zurückkommen müsse. (S.94) Zum einen aber ist die Unterscheidung zwischen "Alltagssprache" und "Wissenschaftssprache" nur schwer aufrechtzuerhalten, und zum anderen wird damit impliziert, dass, wenn die "Alltagsprache" identische Begriffe hätte, auch die "Wissenschaftssprache" über identische Begriffe verfüge. So wird die Frage: "Warum hat denn aber die 'Wissenschaftssprache' keine identischen Begriffe?" einfach verschoben auf die dann nicht minder berechtigte Frage: "Warum aber sind die Begriffe der Alltagsprache allesamt durch unscharfe Grenzziehungen gekennzeichnet?" und zwar derart, als müsse die Antwort auf der Hand liegen. Liegt sie aber nicht. Hier wird die Nicht-Identität des Begriffs, ein wichtiger und guter Gedanke, um den etwa Derrida auf über tausend Seiten ringt, übers Knie gebrochen.
Diese Kritik ändert nichts daran, dass Haucks zugrundeliegender Kulturbegriff aktuell und emanzipatorisch ist, und (mehr oder weniger explizit) anknüpft an die Überlegungen der Postcolonial Studies; seine wesentlichen Parameter des Begriffs entsprechen nahezu denen von Kultur etwa bei Homi K. Bhabha in Die Verortung der Kultur (2000). Allerdings versucht Hauck den Begriff anders als Bhabha ohne psychoanalytische Anleihen zu entwickeln. Hauck hält fest, welche Metaphern bzw. Analogien für einen emanzipatorischen Kulturbegriff abträglich sind und der Instrumentalisierung des Begriffs Vorschub leisten. Als solche stellt er biologische Metaphern heraus, den Versuch, Kultur als einen Organismus zu beschreiben. Stattdessen will er andere Analogien stark machen, die der Lebenswelt von Schütz & Luckmann und Habermas, den Begriff des Habitus von Bourdieu und den des senso commune von Gramsci - alles in allem ein starker Ansatz.
Solange die Kämpfe um Herrschaft und Macht andauern, und Menschen unter gesellschaftlichen Verhältnissen leiden, dürfe, so Haucks Ausblick, auf einen transkulturellen Diskurs nicht verzichtet werden: "Argumentation, Interrogation, Infragestellung, Widerspruch und Nachdenken müssen in allen Kulturen als Mittel der Bestimmung des Wahren oder Vernünftigen nicht nur überhaupt in Gebrauch sein (...). Vielmehr muss der 'eigentümlich zwanglose Zwang des besseren Arguments' in ihnen allen auch als das im Zweifelsfall alleine ausschlaggebende Kriterium für die Wahrheit oder Vernünftigkeit einer Überzeugung anerkannt werden" (S.187).
Damit wird der Leser mitten in eine Reihe spannender Fragen hineingeworfen und in ihnen zurückgelassen: Welches sind die Stärken und aber auch die Grenzen der prozeduralen Vernunft, die Hauck in Anlehnung an Habermas und Rabelais stark macht, insbesondere als "Kriterium für Wahrheit und Vernünftigkeit"? Liegt hier nicht auch die Gefahr eines Regresses? Wenn es allein der Zwang des besseren Arguments ist, der über Wahrheit und Vernunft entscheidet, wer oder was entscheidet dann darüber, was das bessere Argument ist? In Die Gesellschaftstheorie und ihr Anderes (2003) schreibt Hauck, dass dies niemals endgültig entschieden und von Sprachspiel zu Sprachspiel verschieden sei. (S.19, S.148) Wenn es nun aber um eine Vermittlung zwischen zwei verschiedenen Sprachspielen, die auf "Wahrheit" und "Vernunft" abzielen, gehen soll, dann muss so mittels des Zwanges des besseren Arguments herausgefunden werden, welches das bessere Argument ist. Beißt sich hier die Katze in den Schwanz? Wie sind die Begriffe Wahrheit und Vernunft zu denken in Hinblick auf die von Hauck vertretene Position der Nicht-Identität von Begriffen? Liegt das emanzipatorische Widerstandspotenzial gegen Macht- und Herrschaftsverhältnisse vorwiegend im Diskurs, und ist das widerständige Subjekt somit notwendig ein intellektuelles bzw. wie Hauck es mit Gramsci nahelegt, eine Schicht von "organischen Intellektuellen" der beherrschten Klassen? Wird Emanzipation auf diese Weise zu einer Sache von Experten erklärt, die jene ausschließt, die keine entsprechende Stimme haben? Und welche Aussichten werden eröffnet, etwa angesichts einer zunehmenden Kapitalisierung des Bildungssektors?
Haucks Überblick und sein Angebot einer Alternative zur Bestimmung des Kulturbegriffs hat nicht den Anspruch, abschließend zu sein, vielmehr muss in einem Überblickswerk von knapp 200 Seiten zugunsten der Übersichtlichkeit jede Position zu kurz kommen, und strittig wird immer sein, bis zu welchem Grad das sein darf. Für einen kritischen Einstieg in die Kulturdebatte lohnt sich dieses Buch zweifellos. Wünschen würde ich mir darauf aufbauend eine umfassendere und tiefergehende Entfaltung der Problematik.
Sylvia Bahr

Quelle: Peripherie, 29. Jahrgang, 2009, Heft 113, S. 121-124

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