Stefanie Föbker: Wanderungsdynamik in einer schrumpfenden Stadt. Eine qualitative Untersuchung innerstädtischer Umzüge. Hamburg (Schriften des Arbeitskreises Stadtzukünfte der Deutschen Gesellschaft für Geographie 5) 2008. 205 S.

Im Zentrum der Dissertation von STEFANIE FÖBKER steht die Frage nach den Wechselwirkungen zwischen städtischen Schrumpfungsprozessen und innerstädtischer Mobilität. Zum einen beleuchtet die Autorin die Hintergründe innerstädtischer Wanderung und fragt nach der Bedeutung lokaler Wohnungsmärkte schrumpfender Städte für das Mobilitätsverhalten von Haushalten. Zum anderen analysiert die Autorin die Wirkungen, die von innerstädtischen Wanderungsbewegungen auf den Wohnungsmarkt ausgehen. Gerade in dieser Betrachtung der wechselseitigen Beziehungen von Struktur und Handlung unter Bezug auf die GIDDENsche Strukturtheorie liegt eine Besonderheit der vorliegenden Studie.

Der Leser wird durch einen klar strukturierten Textaufbau geführt. In den ersten Kapiteln werden die Rahmenbedingungen des Wanderungsgeschehens in schrumpfenden Städten sowie die mikro- und makroanalytischen Erklärungsansätze innerstädtischer Umzüge in der Wanderungsforschung dar gelegt. Auf Grundlage einer vorwiegend qualitativen Forschung mit leitfadengestützten Interviews wird das Zusammenspiel von Anbietern und Nachfragern analysiert und schließlich (knappe) Folgerungen für den Umgang mit schrumpfenden Wohnungsbeständen abgeleitet.
Als Untersuchungsraum der qualitativen Studie wurde die Stadt Wilhelmshaven ausgewählt, die im Hinblick auf die Indikatoren der Bevölkerungsentwicklung, des Gesamtwanderungssaldos sowie der Arbeitslosenquote als schrumpfende Stadt mit hoher innerstädtischer Fluktuation kategorisiert werden kann. Die drei ausgewählten innenstadtnahen Fallstudiengebiete weisen im Vergleich zur Gesamtstadt besonders deutliche Schrumpfungsprozesse bei hoher Fluktuation auf. Sozial-räumliche Unterschiede zwischen den ausgewählten Stadtvierteln werden im Verlauf der Untersuchung aufgegriffen und im Zusammenhang mit den verschiedenen Mobilitätsmustern befragter Haushalte diskutiert.
Ausgehend von Interviews mit Haushalten sowie Akteuren auf dem Wohnungsmarkt und lokalen Schlüsselpersonen werden Formen der Interaktion zwischen Angebots- und Nachfrageseite beleuchtet. Betrachtet werden Abwägungen bei der Wohnstandortwahl und die Rahmenbedingungen, unter denen sich Haushalte für das Bleiben in einem Quartier oder aber das Gehen entscheiden. Die verschiedenen Bedingungen und Motivbündel der Fortzugsentscheidungen beschreibt die Autorin mithilfe fünf verschiedener Haushaltstypen, die sie auf Grundlage ihrer Empirie ausdifferenziert.
Als zentrale Fortzugskonstellationen werden die Kostensensitivität der Haushalte, der Zustand der Wohnung sowie das Angebot an freien Wohnungen identifiziert. Bei der Abwägung der Handlungsalternativen des Gehens oder Bleibens spielen zudem die Transaktionskosten eine wichtige Rolle. Ein relevantes Ergebnis der Studie ist, dass hoher Leerstand und starke Fluktuation in der direkten Wohnumgebung der untersuchten Quartiere keine unmittelbaren Fortzugsabsichten auslösen. Die Autorin belegt, dass vielmehr die kleinräumige Zusammensetzung und Statusinkonsistenz der Wohnnachbarschaft die Mobilität einiger Haushaltstypen der Untersuchungsräume deutlich erhöht.
Die Autorin identifiziert aktive Bleibeentscheidungen zugunsten des Quartiers bei den Haushalten, die sich durch kleinräumige Umzüge oder durch Eigentumserwerb in statushöheren Mikrolagen einrichten. Die innerstädtische Nähe und entsprechend gute Versorgungslage formt hier eine wichtige Rahmenbedingung. Die Vielschichtigkeit der Bindungsfaktoren der "Bleibenden" werden allerdings - da sie im Untersuchungsdesign "nur" als Referenzgruppe vorgesehen sind - weniger deutlich heraus gearbeitet als bei den Fortziehenden.
STEFANIE FÖBKER findet empirische Hinweise darauf, dass auch sozio-ökonomisch benachteiligte Gruppen durch die Wohnungsmarktentspannung eine verstärkte (z.T. kleinräumige) Umzugsmobilität entwickeln. Entsprechend kommt die Autorin zu dem Schluss, dass entspannte Wohnungsmärkte zu einer räumlichen Diffusion auch benachteiligter Haushalte beitragen und damit Wirkungsweisen einer passiven Segregation für diese Haushaltstypen nur eingeschränkt spürbar sind. Als entsprechende Wirkung auf der Angebotsseite wird identifiziert, dass das Engagement der Anbieter für ihren Bestand und ihre Mieterschaft steigt: Die aggregierten Handlungen der Haushalte führen zu einer erhöhten Orientierung der Vermieter zugunsten der Wohn(umzugs)bedarfe ihrer Nachfrager und einer sensibleren Belegungspolitik.
Die Analyseergebnisse erscheinen insbesondere für diejenigen Kontexte in (westdeutschen) Städten relevant und übertragbar, die nicht von flächendeckenden Leerständen gekennzeichnet sind und innenstadtnahe bzw. kleinräumige Lagepotenziale aufweisen. Insgesamt leistet die Studie mit ihrem qualitativen Analyseschwerpunkt einen wichtigen relativierenden Beitrag im Hinblick auf die soziale Selektivität von Wanderungsbewegungen in schrumpfenden Städten.
Heike Hanhörster

Quelle: Erdkunde, 63. Jahrgang, 2009, Heft 2, S. 196-197

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