Stephan Lessenich: Die Neuerfindung des Sozialen. Der Sozialstaat im flexiblen Kapitalismus. Bielefeld 2008. 169 S.

Die Literaturstudie geht davon aus, dass der Sozialstaat in den industrialisierten Zentren der Welt nicht mehr wegzudenken oder gar abzuschaffen ist. Vor diesem Hintergrund versucht er, die Veränderungen des Sozialstaats - vor allem in der Bundesrepublik - zu begreifen. Zentrale These ist, dass es nicht so sehr um seinen Abbau oder seinen als neoliberal gekennzeichneten Umbau in Richtung auf einen "nationalen Wettbewerbsstaat" (Hirsch, Jessop) gehe, sondern um die Neugestaltung des Verhältnisses von Individuum und Gesellschaft. Dabei gerate das Versprechen der Moderne, ein selbstbestimmtes Leben der Individuen zu ermöglichen, unter die Räder eines Lebensentwurfes, der die Individuen als nurmehr "sozialverantwortliche Subjekte" (84) konstruiert. Nachdem Lessenich die Entstehung des Sozialstaats als "Erfindung des Sozialen" (16) dargestellt hat, weil hier "die symbolische und materiale Konstruktion einer öffentlich-rechtlichen Verantwortlichkeit 'der Gesellschaft' für ihre Mitglieder" (ebd.) in Erscheinung tritt, begreift er dessen aktuelle Veränderungen als die "'Neuerfindung' des Sozialen" (38). Seine These verfolgt L. konsequent in den fünf Kapiteln des Buches.

Das erste Kapitel "'What's going on?' Der Sozialstaat im Wandel" präzisiert die Fragestellung. In groben Zügen skizziert L. die Entstehung und Entwicklung von Sozialpolitik als "eine gesellschaftliche Reaktion auf die fundamentale Verunsicherung der menschlichen Existenz im Industriezeitalter" (ebd.) bis hin zu den aktuellen Veränderungen. Diese seien geprägt von einem neuen Geist des Kapitalismus, dem Geist "der Aktivität und Mobilität, der Flexibilität und Beweglichkeit, der Eigentätigkeit und Selbststeuerung" (16). Bereits hier betont L.: "Sozialpolitik ist... historisch wie analytisch ein höchst ambivalentes Unterfangen [...] Sie ist... konservativ und revolutionär zugleich, Stütze und Stachel im Fleisch der kapitalistischen Produktionsweise und der durch sie geprägten Gesellschaftsordnung. [...] Sie ist... nicht nur ein Ort und Hort der Hilfe, Solidarität und Wohltätigkeit, sondern eben (immer) auch ein Instrument sozialer Steuerung, Kontrolle und Disziplinierung" (10). In begrifflicher Strenge hält er diese Dialektik bis zum letzten Kapitel durch. Ebenso wenig wird er müde, darauf hinzuweisen, dass Sozialstaat nicht nur etwas den Subjekten Äußerliches ist, sondern durch deren Tätigkeit beständig neu geschaffen und verändert wird.
Annäherungen an den Begriff des Sozial- bzw. Wohlfahrtsstaats - L. benutzt beide Ausdrücke aus sprachpragmatischen Gründen synonym (23) -, bietet das zweite Kapitel "Die Erfindung des Sozialen: Zur historischen Soziologie des Sozialstaats". Hier stellt L. unter der Fragestellung "Was ist der Sozialstaat?" (23) Theorien vor, die ihn als Prozess der "Modernisierung" (24), der "Normalisierung" (26), der "Umverteilung" (28), der "Sicherung" (30), der "Integration" (32) und der "Relationierung" (35) betrachten. Im Anschluss daran diskutiert er im Abschnitt "Wie kam es zum Sozialstaat?" (38) theoretische Konzepte, die seine Entstehung unter dem Aspekt der Funktionalität im europäischen Kapitalismus, des Interessenausgleichs, des Auftretens von Institutionen als soziale Akteure und des Erscheinens neuer Ideen über das bürgerliche Zusammenleben untersuchen. Indem er die Komplementarität der unterschiedlichen Ansätze aufweist, zeigt er, dass sich Sozialstaat als Instrument zur Regulierung der stets krisenhaften Vergesellschaftung unter spätkapitalistischen Verhältnissen verstehen lässt: "Als solcher, nämlich als gesellschaftlicher Krisenmanager, ist der Sozialstaat zu einer unhintergehbaren sozialen Tatsache geworden... Und als solcher operiert er nicht nur beständig unter Krisenbedingungen, sondern er 'ist' auch selbst ständig - gleichsam ex officio - 'in der Krise'" (56f).
Bemerkenswert an den Theorien ist allerdings, dass sie die Bedeutung des europäischen Faschismus und zweier Weltkriege für die Entstehung des Sozialstaats nicht reflektieren. Ebenso wenig befassen sie sich mit dem Verhältnis des Globalen Nordens zum Globalen Süden. Dieses Manko macht L. aber teilweise im dritten Kapitel über "Wohlfahrt für 'alle': Der Sozialstaat im 'goldenen Zeitalter'" wett. Darin stellt er die bislang - zumindest für die vor der Ära Kohl Geborenen - vertraute Gestalt des Sozialstaats vor. Gleich zu Beginn er hält fest, "die Konsolidierung und Expansion seines Institutionengerüsts" sei "wesentlich den beiden größten anzunehmenden Krisenfällen des 20. Jahrhunderts geschuldet: den üblicherweise als 'Weltkriegen' apostrophierten, im Kern aber europäischen (1914-18) bzw. euroasiatisch-transatlantischen (1939-45) Massenkriegen der ersten Jahrhunderthälfte" (59). Allerdings wäre hier ein etwas genauerer Blick auf die weltweiten Zusammenhänge in Bezug zumindest auf den Zweiten Weltkrieg sinnvoll gewesen. Die Dokumentation des Rheinischen JournalistInnenbüros "Unsere Opfer zählen nicht". Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg (2005, besprochen in PERIPHERIE 100: 550f; im vorliegenden Heft bespricht Barbara Imholz die daraus zusammengestellten Materialien für den Schulunterricht) zeigt nämlich, dass dieser Krieg keineswegs auf den "euroasiatisch-transatlantischen" Raum begrenzt war. Auch in anderer Hinsicht bleibt die Beschränkung des Blickwinkels auf den europäisch-amerikanischen Raum eine grundlegende Schwäche dieses Kapitels. Denn in der Feststellung, in seinem "goldenen Zeitalter" habe der Sozialstaat "zu einer inter- bzw. multinationalen ökonomisch-sozialen Prosperitätskonstellation" (63) beigetragen, ist ausgeblendet, dass die Dritte Welt dafür mit zunehmender Verarmung und Ausbeutung zahlen musste.
Im titelgebenden vierten Kapitel analysiert L. die "Sozial-Politik im flexiblen Kapitalismus" (73). Als markantesten Unterschied macht er "den Projektcharakter allen Wirtschaftens, Arbeitens und Lebens" (76) aus: Im flexiblen Kapitalismus verdränge "das Maß an Aktivität, das individuelle Mehr oder Weniger an Beweglichkeit und Bewegung, alle anderen sozialen Unterscheidungen, oder genauer: Alle anderen sozialen Unterscheidungen lassen sich tendenziell unter die gesellschaftliche Metadifferenz von Aktivität versus Inaktivität, Mobilität versus Immobilität subsumieren" (ebd.). Allerdings gebe es für diese Aktivierung und Mobilisierung der Subjekte eine  "entscheidende normative Einschränkung: Individuelle Aktivität, Mobilität, Bewegung zählen dann, wenn sie als gemeinwohldienlich gelten, wenn sie in sozialer Absicht vollzogen werden oder ihnen eine solche unterlegt oder unterstellt werden kann" (ebd.) Diese neue Form der Vergesellschaftung analysiert L. in verschiedenen Bereichen der Politik: im "Fördern und Fordern" Arbeitsloser, in der neuen Familienförderung, in der zunehmenden Aufmerksamkeit für die Alten, in der Frühförderung von Kindern und im 2007 von der aktuellen Bundesregierung aufgelegten "Nationalen Aktionsplan Fit statt fett".
Im Anschluss an Michel Foucaults Gouvernementalitätsstudien zeigt L., dass diese neue Form der Vergesellschaftung den Subjekten keineswegs nur aufgenötigt wird, sondern in ihrer Subjektivität ansetzt. Er bezweifelt, dass "Neoliberalismus" die geeignete Kategorie dafür ist: "Denn während die Rede von einer 'neoliberalen' Gouvernementalität oder dem 'neoliberalen' Umbau des Sozialstaats immer auch Vorstellungen vom Rückzug des Staates im Interesse individueller Autonomie evoziert, beinhaltet die veränderte sozialpolitische Regulierungsweise tatsächlich weder das eine (staatliche Enthaltsamkeit) noch das andere (persönliche Selbstbestimmung): Der 'neoliberale' Sozialstaat ist im höchsten Maße aktivisch mit der Produktion sozialverantwortlicher Subjekte beschäftigt" (84).
Zum Abschluss des Buches fragt L.: "'Where should we be going?' Die Zukunft des Sozialstaats". Leider wird dieses Kapital seiner Überschrift nicht voll gerecht, denn statt eines Ausblick auf Alternativen bringt es eher eine Zusammenfassung unter dem besonderen Blickwinkel, dass die Entwicklungen zugleich mit ihrem Gegenteil schwanger gehen: "Wie der freie Lohnarbeiter stellt auch die freie Wahlbürgerin in letzter Instanz... einen nach systematischer Kontrolle rufenden Unsicherheitsfaktor der Reproduktion gesellschaftlicher Verhältnisse dar" (134). Diese Erkenntnis mündet in ein Plädoyer für eine "Neuerfindung der Sozialkritik" (138): "Verstehen ist zwar nicht dasselbe wie widerstehen - aber als kritische Praxis doch auch schön" (142).
Dem Inhalt entsprechend zeichnet sich der Band durch ein hervorragendes Lektorat aus. Zwar hätte sich der Rezensent zuweilen etwas weniger (lange) Parenthesen gewünscht, aber er hat nicht einen Fehler gefunden, und auch die längeren Sätze bleiben verständlich. Obwohl erkennbar vor dem Beginn der aktuellen Wirtschaftskrise druckgelegt, stellt das gut lesbare Buch insgesamt einen gelungenen Entwurf zum Verständnis aktueller Entwicklungen des Sozialstaats in der Bundesrepublik dar. Gleichwohl hätte ihm ein Blick über den bundesrepublikanischen resp. europäischen Tellerrand hinaus in die sogenannte Dritte Welt gut getan. Dann wäre nämlich klar geworden, wie begrenzt das eingangs dieser Besprechung genannte Versprechen der Moderne immer war, wem es bisher nicht galt.
Michael Korbmacher

Quelle: Peripherie, 29. Jahrgang, 2009, Heft 114-115, S. 357-359


weitere Besprechungen dieses Buches unter:
http://www.socialnet.de/rezensionen/6910.php
http://www.single-generation.de/themen/thema_stephan_lessenich_die_neuerfindung_des_sozialen.htm

ein Interview mit Stephan Lessenich unter:
http://www.youtube.com/watch?v=xjMS3C2z7as

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