Christine Holste: Kracauers Blick. Anstöße zu einer Ethnographie des Städtischen. Hamburg 2006. 186 S.

Im Spannungsfeld von Kunstgeschichte und Medienwissenschaft, im Kontext von Architektur und Urbanismus wird das disziplinen- und genreübergreifende Denken Siegfried Kracauers hier neu verortet. Der eigenwillige Soziologe entpuppt sich dabei als ein Vertreter der urbanen Ethnologie avant la lettre. Doch über den modischen ›turn‹ disziplinärer und methodischer Schwerpunktsetzung hinaus, erweist sich diese Perspektive als produktiv. Kracauer, der - auch sich selbst - unbequeme Intellektuelle der Weimarer Republik, stand lange im Schatten von Simmel und Benjamin. Ein Meister der ›kleinen Form‹, doch für den großen philosophisch-historischen Wurf allzu detailversessen und materialnah.

Dass er nun zwischen zwei Kollegen des amerikanischen Exils, zwischen Siegfried Giedion und Erwin Panofsky, zu stehen kommt, öffnet den Blick auch für die Traditionen einer aus der Kunst- und Architekturgeschichte sich entwickelnden Kulturwissenschaft.
Holstes einleitende Engführung der Photographien Eugène Atgets und ihres melancholischen Festhaltens eines sich wandelnden Paris populaire mit den durchaus dem Neuen und Neuesten zugewandten soziologischen Stadtimpressionen Kracauers steht doch noch ganz im Zeichen der bekannten Flaneursthematik. Dabei geht es mehr um eine "implizite Präsenz" (23) und motivische Nähe der Stadtansichten als um nachweisbare Einfl üsse des kurz nach Kracauers erstem Parisaufenthalt verstorbenen Photographen (13), wenngleich es Holste zu bedauern scheint, solche nicht dingfest machen zu können.
Inka Mülder-Bach zeigt, wie Kracauer in seiner zeitdiagnostischen Studie über die Angestellten in die "Rolle des Ethnologen" schlüpft, der "in ein inneres Ausland aufbricht" und gleichsam "aus einer exotischen Fremde" berichtet (38), und wie die dabei gewonnene Position rückbezogen werden kann auf die von Kracauer immer wieder vorgenommene Situierung des Intellektuellen - nun als Wartendem zwischen "abstrakter Rationalität" und "verblassten Heilslehren": Er wird zum "Fremden", der sich im "Exil transzendentaler Obdachlosigkeit" einzurichten versucht (45). Noch prägnanter arbeitet Philippe Despoix die Rolle des Feuilletonisten Kracauer als einem "Vorboten der urbanen Ethnographie" (63) heraus. Dabei fällt die Nähe der Stadt- und Straßenminiaturen zu den Filmkritiken auf, die beide auf ihre Weise das Augenmerk auf das optisch-mimetische Vermögen richten und (neuartige) Rituale der Sichtbarkeit analysieren. Am Beispiel des 1926 erschienenen Feuilletons Chauffeure grüßen spürt Despoix Kracauers Analyse neuer, vornehmlich visueller Kommunikationsformen nach, die sich angesichts der großstädtischen Schnelllebigkeit entwickeln. Ein stummes Winksignal, mit dem Taxifahrer auf die mechanischen Bewegungen der Verkehrspolizisten antworten, wird zu einer ebenso fl üchtigen wie nonverbalen Grußformel (66f). Es sind die großstädtischen Rhythmen und Tempi, welche die Kommunikation im sprachlichen Medium stören, ja aufl ösen und durch nicht-artikulierte, optisch-mimetische Riten ersetzen - die "Veränderung des Verkehrsmittels" führt zum "Wechsel des Kommunikationsträgers" (74). Kracauers Soziokinese der Großstadt, seine in der Filmtheorie entwickelte Kategorie der Sichtbarkeit, so die Zielrichtung Despoix', stehen der visuellen Anthropologie erstaunlich nahe (76).
Dieses Interesse an optischen Zeichen und Ritualen weist aber auch - nicht zuletzt durch den ethnographischen Blick auf das primär Fremdartige visueller Zeichen der ikonographischen Vorgehensweise Panofskys vergleichbar - den studierten Kunsthistoriker Kracauer aus, wie er in den Beiträgen von Lorenz Jäger und Volker Breidecker gewürdigt wird. Jäger beschäftigt sich mit den Frühschriften Kracauers, insbes. seiner Dissertation zur Entwicklung der Schmiedekunst (1914), die immer wieder das Verhältnis von Innen und Außen thematisieren, wobei das in der Doktorarbeit prioritär behandelte Gitter zwischen Privatem und Öffentlichem trennt, während sich auf dem Gesicht (gleichfalls ein zentrales Motiv Kracauers) die Persönlichkeit nach außen manifestiert. Das Ornament, das als "fremde Linienwelt" (zit. 84) nachzuzeichnen dem im Roman Ginster verewigten Schüler noch Selbstzweck gewesen sein soll, hilft in der Dissertation das Berlin-Potsdamer Bürgertum stilgeschichtlich und -soziologisch zu verorten. Solch ästhetisch fundierter Hinwendung zum konkreten Objekt bleibt noch der späte Historiker verbunden, dessen Selbstverständnis das eines "Touristen" ist, "der sich zu den Sehenswürdigkeiten auf den Weg macht" (96).
Um Kracauers ans Materiale gekoppelte, die Dinge zum Sprechen bringende Methodik geht es Volker Breidecker in seinem überaus anregenden Aufsatz. Als einen "Ingenieur der Kunstgeschichte" - wie Kracauer sich im amerikanischen Exil selbst titulierte - rückt Breidecker ihn in die Nähe anderer ›Konstrukteure‹. Mit Siegfried Giedion etwa eint Kracauer die Vielseitigkeit und die ›Durchdringung‹ der Bereiche, aber auch die Hinwendung zum Kleinen und Kleinsten. Die Medien der Moderne abschreitend - von der kunsthistorischen Ausbildung über die Beschäftigung mit der Architektur hin zur Filmgeschichte - mündet Kracauers Skepsis gegenüber der Ideen- und Geistesgeschichte immer wieder in die Forderung einer "Konstruktion im Material" (zit. 160). Ähnlich Giedions anonymer Geschichte der Dinge handelt es sich hier um ein Verfahren, mit dem die europäischen Denker sich den Methoden der amerikanischen Feldforschung, aber auch den dortigen Verhältnissen annähern. Der Film trägt mit seiner "Dynamisierung des Raumes" und "Verräumlichung der Zeit" (zit. 170f) den zeittypischen Veränderungen technisch wie medial Rechnung - mit diesen Thesen übersiedelte Erwin Panofsky die europäischen Filmtdebatten nach Amerika. Panofskys Filmessay (1935/36) ist, so Breidecker, weit mehr als ein peripherer Vortrag des in der Film Library des MoMA als Berater engagierten Kunsthistorikers (168ff). "The medium" ist ein zentraler Begriff auch für Panofskys Dürerbuch, in dem sich ausdrücke, was er - so Panofsky in einem Brief an Kracauer, nachdem dieser 1941 mit seinen ideologiekritischen Filmanalysen in New York untergekommen war - "von den Movies gelernt" habe (zit. 166).
Was bleibt ist freilich die Frage der Übersetzbarkeit der kritischen Kategorien in den Kulturraum des Exils - eine nicht nur für Kracauer existentielle Frage der "Transplantation " (zit. Panofsky 159). Panofsky konstatierte angesichts der Rezeption europäischer Avantgardepositionen durch den us-amerikanischen Kritiker J.J. Sweeny eine aus der räumlichen Distanz sich herleitende historische Kompetenz. Diese Form historischer Übersetzungsarbeit aber führt zu Fehlern oder mindestens zu Verfremdungen.
Kracauer als Architekturkritiker steht im Zentrum von Christine Holstes mit über 50 Seiten allzu überbordend konzipiertem Beitrag Wenn der Mensch aus dem Glas; zugrunde liegen an die 180 Stellungnahmen und Feuilletonartikel Kracauers zum Thema Architektur und Urbanismus, die in die unterschiedlichsten Debatten eingreifen. Von den Gewährsmännern aus der Zeit der Münchener Ausbildung wie Theodor Fischer (128) und Richard Riemerschmied (114), die ihn dem Werkbund nahe brachten und seine Kritik am Ornament schärften, reichen die skizzierten Auseinandersetzungen über das revolutionäre Pathos des Rats für künstlerische Angelegenheiten hin zu den pragmatischen Zweckbauten, mit denen in den ausgehenden 1920er Jahren der Wohnungsnot begegnet werden soll. Im Mittelpunkt stehen Frankfurt, das für Kracauer, so Holste, "Inbegriff der Großstadt" (109) gewesen sei, und der Werkbund. In die Umgestaltung Frankfurts unter dem Baudezernat Ernst Mays gehen durchaus Avantgardepositionen früherer städtebaulicher Debatten ein: So fi ndet sich Kunst und Kultur die expressive Farbigkeit der visionär-utopischen Entwürfe Bruno Tauts in der Forderung einer farbintensiven Restaurierung der Altbausubstanz wieder; seine Überlegungen zur religiös überhöhten sozialistischen Stadtgemeinschaft, wie sie die Stadtkrone entwirft (120), wird in der um 1925 aufgeworfenen Hochhausfrage pragmatisch gewendet und mündet in eine heiß diskutierte Ausdifferenzierung der Bereiche Arbeit und Leben. Der Werkbund (dessen Mitglied Kracauer nie war, wenngleich immer sein engagierter Chronist) widmet dem Thema "Arbeit und Leben" nicht nur 1924 seine Karlsruher Jahrestagung; es ist in fast allen Diskussionen präsent: bei Fragen des Wohnungsbaus als industrialisierter Massenware, die vor allem Le Corbusier ebenso pragmatisch wie exotisch-utopisch umsetzte - interessant hier, wie viel der Corbusier'schen Maschinenästhetik Eingang fand nicht nur in die Monatsschrift Das Neue Frankfurt (1926/27), sondern auch in Bauten wie den Ginnheimer Wohnkubus von Ernst May (vgl. 139, 143f.) - , wie bei der des Designs. Wider die Sehnsucht nach individueller Gestaltung und technischer Einzigartigkeit handwerklicher Produkte trat später die Forderung einer schlichten, funktionalen Sachlichkeit industriell gestalteter Massenproduktion: "Form ohne Ornament" war nun auch im Werkbund das Plädoyer der Stunde (zit. 131). Kracauer selbst übernimmt diese Position; an die Stelle des Interesses fürs Ornament und die Stilversessenheit des Doktoranden Kracauers tritt das Plädoyer für Sachlichkeit und Materialität der Bauten. Warum Holste bei diesem für sie zentralen Aspekt nicht auf Adolf Behne zu sprechen kommt als pointiertem und originellen Kritiker des ›falschen‹ Ornaments des 19. Jh., verwundert allerdings. Freilich, zu vielfältig sind die einzelnen Positionen der Architektengruppen und Künstlerindividuen, zu heterogen das historische Material, welches sich über das erste Jahrhundertdrittel erstreckt, und so vermag Holste auch ihre analytischen Linien nicht immer klar zu ziehen.
Was bleibt, ist die für Kracauers Denken entscheidende Kategorie der Materialgerechtigkeit (vgl. 134), mit der sich letztlich auch die hier versammelten Beiträge auf einen Nenner bringen lassen.  
Nana Badenberg
Quelle: Das Argument, 50. Jahrgang, 2008, S. 123-125

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