Heide Hammer: Revolutionierung des Alltags. Auf der Spur kollektiver Widerstandspraktiken. Wien 2007. 171 S.

Befragt nach ihrem ›Menschenbild‹ stehen der kritischen Theorie der Gesellschaft zwei Wege offen. Als klassisch gelten Ansätze, die das autonome Subjekt zum Maßstab erheben, an dem soziale Fehlentwicklungen erkannt und delegitimiert werden können. Radikaler ist es dagegen, schon die Frage entschieden zurückzuweisen, weil die Annahme invarianter Bestandteile des menschlichen Selbst als Effekt von Disziplinierung und Normalisierung kritisiert werden muss. Von diesem poststrukturalistischen und identitätskritischen Selbstverständnis aus argumentiert die Verf. Erklärtes Ziel ist es, Möglichkeiten widerständigen Handelns zu erkunden, das ohne den "Ballast von geschlossener Subjektivität" (17) auskommt und sich "nicht in der Logik von Sieg und Niederlage erschöpft" (12).

Die Fallstricke gesellschaftskritischer Theorie und Praxis bekämpft Verf. an drei Fronten. Gegen Lustfeindschaft und Begrenzung des Begehrens in der Vorstellung vom ›autonomen Subjekt‹ setzt sie Hedonismus und Vielfalt menschlicher Ausdrucksmöglichkeiten. Gegen die Fixierung linker Diskurse auf die Unterdrückung durch Staat und repressive Apparate (lt. Verf. repräsentiert in Fragen der "Strategie") rückt sie den produktiven Charakter der Macht und die subversive Dimension von Alltagspraktiken ins Zentrum der Aufmerksamkeit (in Form der "Taktik", die nichts ›Eigenes‹ hat, sondern "auf dem Terrain des anderen" operiert). Gegen die Auswalzung des Leidens an den Verhältnissen ("Wut") bringt sie schließlich die Erweiterung der Perspektive auf anti-autoritäre, situative und in sich widersprüchliche Handlungs- und Verhaltensweisen ("Lachen") in Anschlag.
Nach einem Aufriss zur Kritik identitätspolitischer Konzepte, der sich v.a. am AntiÖdipus von Deleuze/Guattari orientiert, wird in vier theoretischen Kapiteln eine Art Zeitdiagnose entfaltet. Für die Ausführungen zu Machtbeziehungen und Disziplinierung, Ideologie und Subjektkonstitution zieht die Verf. Arbeiten von Foucault, Althusser und Negri, Butler und Haraway heran. Genauer gesagt: sie zieht die Autoren nicht heran, sondern präsentiert sie. Zuspitzungen erfährt die Darlegung durch die gelegentliche Aufnahme theoretischer Kontroversen. Die "männliche Perspektive" Guattaris (20f) kommt ebenso zur Sprache wie das "Festhalten am Konzept der Avantgarde" bei Althusser (77f) oder der "platte Antagonismus" von Empire und Multitude im Bestseller von Negri/Hardt (91f). Wiederholt springt die Verf. Foucault bei. Seine Mikrophysik der Macht wird verteidigt gegen die Universalisierung des Tauschverhältnisses und die These von der undurchdringlichen Totalität der Vergesellschaftung bei Horkheimer/Adorno sowie gegen Nancy Fraser und die von ihr losgetretene Normativismus-Debatte. In diesem Zusammenhang wird übrigens die angekündigte Untersuchung von "Möglichkeiten eines anerkennenden Nebeneinanders von kritischer Theorie und Poststrukturalismus" (Klappentext) tatsächlich manifest, ohne dass sie im weiteren Verlauf des Buches explizit zum Thema gemacht wird. Verf. ist zugute zu halten, dass sie ihre Referenzautoren auf Impulse für soziale Bewegungen und gesellschaftskritische Praxis befragt. So illustriere Foucault "die Notwendigkeit einer Perspektivenänderung, wobei die Suche nach kapillaren Wirkungen bzw. alltäglichen Praxen den Versuch eines nicht-totalisierenden Modells beschreibt, das die totalisierenden Funktionsweisen der herrschenden Macht radikal kontrastiert" (38). Leider ist das Zitat symptomatisch, denn so geht es weiter: im Gestus des Bescheidwissens wird ein Exzerpt ans nächste gereiht, ohne dass eine klar formulierte These das ›Material‹ strukturiert. Das diagnostische Potential der zitierten Autoren bleibt so leider ungehoben. Sie ›hängen in der Luft‹, obwohl Verf. das Instrumentarium für eine solche Konkretisierung durchaus im Blick hat. Die Analyse der Disziplinargesellschaft und der Wandel im Machtbegriff (von Strafe zu Behandlung) ließen sich etwa gewinnbringend auf den aktivierenden Sozialstaat und die damit einhergehende Reartikulierung von Autonomie als Selbstverantwortung anwenden.
Schließlich nimmt die Verf. eine "kursorische Zusammenstellung kollektiver Erfahrungen " (120) vor. Quasi als best practice des linken Aktivismus der letzten 40 Jahre werden Aktionen, Kampagnen, Bewegungen und Gruppen erinnert, um zu verhindern, dass "das romantische Movens, eine utopische Dimension des Widerständigen" (162f) verblasst. Als vorbildhaft verweist Verf. etwa auf das (vereitelte) Puddingattentat der Kommune 1 auf US-Vizepräsident Humphrey oder die ›subversive Affirmation‹ von Schweizer Autonomen, die in einer Fernsehdebatte Arbeitslager für Hausbesetzer fordern, weil beide Aktionen die mit der Gewaltfrage verbundenen Erwartungen spielerisch unterlaufen hätten. ›Radical Cheerleading‹ als Verwirrung konventioneller Sichtweisen und Experimente mit Autorschaft und Namensgebung ("Luther Blissett") finden ebenso Erwähnung wie der Aufstand der EZLN, weil er gerade nicht auf Machtergreifung abzielt, oder die Praxis Freier Radios, weil sie die Einbahnstraßenkommunikation aufbrechen. Auch die mit dem italienischen Operaismus verknüpfte Praxis der ›autoriduzione‹, der eigenmächtigen Senkung von Preisen und Mieten, darf in der Aufzählung nicht fehlen. Abgeschlossen wird die Übersicht mit einer längeren Erzählung vom Pariser Mai 1968, dessen bleibendes Erbe es sei, gezeigt zu haben, "dass der Begriff des Politischen nicht in demokratischen Repräsentationen gefasst werden kann" (158). Durch "Provokationen und organisierte Verweigerung" (ebd.) sei damals ein diskursiven Raum geschaffen worden, der fortwährend aktualisierbar bleibe. Allerdings bleibt der Bezug zum theoretischen Teil des Buches ungenügend und die interne Systematisierung des ›Praxis-Kapitels‹ ist unklar - die Aufreihung legt einen Zusammenhang einzig als Beiträge in einem Innovationswettbewerb nahe: meine Party ist besser als deine. Nach der Party stellen sich die spannenden Fragen: Wie ist die von der Verf. gelobte ›Kommunikationsguerilla‹ in der Lage, Politisierungseffekte zu erzielen? Wie gelangen Menschen dazu, Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen und sich als Gestalter ihrer Lebenswelt wahrzunehmen? Welche Formen von Organisierung auf Seiten gesellschaftskritischer Akteure sind dafür angemessen und wie kann die Balance zwischen Vereinheitlichung zwecks Handlungsfähigkeit und fluider Identitäten und spontaner Ausdrucksformen gehalten werden?  
Peter Bescherer

Quelle: Das Argument, 50. Jahrgang, 2008, S. 142-144

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