Kim Moody: US Labor in Trouble and Transition. The Failure of Reform from Above, the Promise of Reform from Below. London 2007. 289 S.

Seit die so genannte New-Voice-Koalition unter John Sweeney 1995 an die Spitze des Dachverbandes AFL-CIO gewählt wurde, werden die Anstrengungen der US-Gewerkschaften, ihren Niedergang aufzuhalten und - etwa auf dem Weg des so genannten Organizing - verlorenes Terrain zurück zu gewinnen, auch im Umfeld westeuropäischer Gewerkschaften mit gesteigertem Interesse verfolgt. Verf., Mitherausgeber der gewerkschaftslinken Monatszeitschrift Labor Notes und neben Mike Davis wohl einer der profiliertesten Kritiker der us-amerikanischen Gewerkschaftslandschaft, hat nun eine Bilanz des Reformimpulses vorgelegt, die an die Stelle einer allzu optimistischen Beurteilung us-amerikanischer Organizing-Kampagnen nüchterne Bestandsaufnahme, klare Analyse und scharfe Kritik setzt.

Zum Beleg seiner These, dass die Krise der US-Gewerkschaften anhält, genügen Verf. wenige Daten: Die labor unions verlieren in einem fast unvermindert hohen Tempo Mitglieder, obwohl die Zahl der Beschäftigten in den USA insgesamt deutlich zugenommen hat (42). Dieser absolute Mitgliederschwund hat drastische Auswirkungen auf den gewerkschaftlichen Organisierungsgrad, der sich zwischen 1995 und 2006 um nahezu drei Prozentpunkte auf nunmehr 12,0 Prozent vermindert hat und in der Privatwirtschaft sogar bei nur noch 7,4 Prozent liegt (100). Große Streikerfolge hat es seit dem Arbeitskampf bei UPS vor zehn Jahren praktisch nicht mehr gegeben, so dass auch von einem positiven gewerkschaftlichen Einfluss auf die Entwicklung von Löhnen und Gehältern in den USA nicht mehr ernsthaft die Rede sein kann. Zu allem Überfluss haben sich vor zwei Jahren einige große Einzelgewerkschaften vom AFL-CIO abgespalten und eine neue Organisation mit dem Namen Change To Win (CTW) gegründet, was nicht unbedingt zur Stärkung der Gewerkschaften beitrage.
In seiner Analyse dieser Krise wendet sich Verf. gegen das in Gewerkschaftskreisen beliebte Muster, die eigene Erpressbarkeit mit der Produktionsverlagerung nach China oder dem angeblichen Lohndumping durch lateinamerikanische Arbeitsmigranten zu erklären. Das sei zwar für die Industriezweige Stahl und Textil nicht ganz von der Hand zu weisen (102), in sämtlichen anderen Branchen dagegen könne der Verlust gewerkschaftlich organisierter Arbeitsplätze fast vollständig auf kapitalistische Rationalisierung und inländische Standortkonkurrenz zurückgeführt werden. So bekämen die Gewerkschaften in den prosperierenden Südstaaten zu ihrem eigenen Schaden nach wie vor kaum einen Fuß auf den Boden. Von einem ernsthaften Plan, mit der Automobilproduktion, der Fleischverarbeitung und der Transportwirtschaft drei industrielle Boomsektoren des bible belt ins Visier zu nehmen, könne nach wie vor nicht die Rede sein. Einen echten Bruch mit den Gewohnheiten gesellschaftspolitischer Defensive vermag Verf. deshalb unter den vorgeblich reformwilligen Führungsgruppen in AFL-CIO bzw. CTW auch nicht zu erkennen. Deren kontraproduktive Mittel der Wahl seien nach wie vor das concession bargaining, die Orientierung auf sozialpartnerschaftliche Arrangements sowie die Anbahnung von Gewerkschaftsfusionen (allein unter dem Vorsitz John Sweeneys gab es 31 davon; 114).
Eine wichtige gewerkschaftspolitische Neuerung sieht Verf. im Ausbau der ohnehin schon geschäftsmäßigen Praxis des "business unionism" zum konzernähnlichen "corporate unionism". Dies kann Verf. ausgerechnet am Beispiel der Dienstleistungsgewerkschaft SEIU belegen, die hierzulande für ihre bald zwei Jahrzehnte zurückliegende Kampagne "Justice for Janitors" gerühmt wird. Die Anzahl der SEIU-Mitglieder hat sich zwischen 1996 und 2006 zwar fast verdoppelt und liegt nun bei rund 1,8 Millionen. Die Begleiterscheinungen dieses enormen Mitgliederzuwachses lassen jedoch Zweifel aufkommen, ob auch der Einfluss von Lohnabhängigen auf die Bedingungen ihrer Arbeit im selben Ausmaß gesteigert worden ist. Zunächst einmal geht der Zuwachs auch auf Fusionen mit anderen Gewerkschaften zurück. Neue und alte Mitglieder haben überdies kaum mehr einen Einfluss auf die Gewerkschaftsgremien, weil viele Ortsbezirke faktisch in übergeordneten Organisationsebenen aufgegangen sind (188ff). Ein Großteil der Gewerkschaftsfunktionäre werde ohnehin nicht etwa von der Basis gewählt, sondern auf Seminaren der American Management Association instruiert (186). Floskeln aus dem Wortschatz von business schools haben bei SEIU deshalb stärker als in anderen Gewerkschaft um sich gegriffen. Die Abteilungen für Personal und Unternehmenskommunikation bspw. strebten ihren privatwirtschaftlichen Vorbildern mit besonderem Eifer nach (193f). Zusätzlichen ›Profi t‹ verspricht man sich in den Führungsetagen des Apparats auch von Geschäftsfeldern, die in enger Kooperation mit den Konzernen neu erschlossen werden sollen. So hat SEIU-Chef Andy Stern in einem Interview mit McKinsey vor zwei Jahren vorgeschlagen, dass Unternehmen sich verschlanken, in dem sie ihre Abteilungen für betriebliche Weiterbildung oder Betriebsrenten auslagern und für die Erledigung dieser Managementfunktionen dann die angeblich kostengünstigere Dienstleistung durch Gewerkschaften einkaufen (192). "This new direction is a step beyond business unionism in its centralization and shift of power upward in the union's structure away from the members, locals, and workplace; its fetish with huge administrative units; and its almost religious attachment to partnerships with capital. We call it corporate unionism because its vision is essentially administrative, its organizational sensibility executive rather than democratic, and its understanding of power market-based and, hence, shallow." (196)
Verf. begreift die bürokratische Reform der US-Gewerkschaften als gescheitert, weil er - wie im übrigen auch die Zeitschrift Labor Notes - davon ausgeht, Gewerkschaften würden von ihrer ›eigentlichen‹ politischen Berufung, klassenkämpferisch und basisdemokratisch zu sein, hauptsächlich durch die bornierten Gewohnheiten und Interessen ›des Apparats‹ abgehalten. "The labor professionals are concerned with the propagation of the institution. For them, power comes from growth, size, density, and the contract. It is a power they exercize in negotiating and administering contracts, obtaining the reality or illusion of political influence, and expanding the union as an institution even more. But power that relies only on size, density and contract is shallow power, fragile power. [...] There has to be another dimension: workplace or on-the-job power, deep power." (174f) Man muss mit diesem Urteil nicht übereinstimmen, um durch das Buch viel über die Handlungsspielräume gewerkschaftlichen Ko-Managements zu erfahren oder um den Perspektivenwechsel hin zur Einbeziehung gewerkschaftsunabhängiger Arbeitskämpfe konsequent zu finden. Gerade weil derartige Mobilisierungen, wie auch Moody etwas ratlos einräumen muss, im zurückliegenden Jahrzehnt aber so erschreckend schwach waren, ist die abschließend skizzierte Idee einer neuerlichen, migrantische Arbeit endlich mit einbeziehenden Operation Dixie - einer Offensive zur Organisierung der faktisch gewerkschaftsfreien Schlüsselindustrien der Südstaaten - umso bedenkenswerter.  
Malte Meyer

Quelle: Das Argument, 50. Jahrgang, 2008, S. 157-159

Kommentar schreiben