Dietmar Dath: Maschinenwinter. Wissen, Technik, Sozialismus. Eine Streitschrift. Frankfurt/M 2008. 131 S.

Seit langem haben die Analysen der Linken zur gegenwärtigen Misere einen blinden Fleck: das Verhältnis zur Technik. Im Kampf gegen Atomkraft, Biotechnik und Überwachung hat die Linke sich in eine Abwehrstellung hineinmanövriert, die in technischen Entwicklungen zuerst neue Vorstöße der Konzerne sieht, Kontrolle und Inwertsetzung ohne Rücksicht auf Risiken und konkrete Lebensverhältnisse voranzutreiben. Diese Kritik ist nicht falsch: Der Siegeszug des Neoliberalismus verdankt sich zu einem guten Teil neuen Technologien, allen voran Computer und Internet. Abhanden gekommen ist der Linken darüber aber ein produktiver Umgang mit Technik wie noch am Anfang des 20. Jh. Der vorliegende Essay zeige dagegen "Möglichkeiten, wie man mit Technik doch noch Geschichte machen könnte", heißt es im Klappentext. Kommt hier ein lange überfälliger Impuls, Technik wieder für die Linke zu reklamieren?
Dath, pop-geschulter Schriftsteller und auch in der Wissenschaft bewanderter Journalist, brennt ein Feuerwerk an Eloquenz ab, gegen das sich die jüngsten Schwarzbücher der Globalisierungs- und Kapitalismuskritik wie ein müdes Glimmen ausnehmen. Zwar muss dabei die Analyse zurücktreten, aber polemische Treffsicherheit bringt Sätze hervor, die - wie 1967 Vaneigems Handbuch für die Lebenskunst der jungen Generationen - das Zeug haben, in der nächsten Revolte zitiert zu werden. Dennoch kann das Buch die vom Titel geschürte Erwartung nicht so recht erfüllen. Am Ende bleiben verschiedene im Text gesponnene Fäden unverbunden, und das tatsächlich Zusammengeknüpfte ist nicht genug für ein befreiendes ›Heureka‹.
Dabei sind vor allem zwei seiner Prämissen richtig. Technik hat sich zu einer "zweiten Natur" (53) entwickelt, der wir uns nicht entziehen, auf die wir aber auch keine Verantwortung abwälzen können - weder in der Affirmation noch in der Kritik. "Es sind, das lohnt, festgehalten zu werden, nicht die Maschinen, die Menschen einstellen oder feuern" (17), schreibt er. Indem er die Entwicklung der Naturwissenschaften auch in einer wissenschaftstheoretischen Perspektive heranzieht, öffnet er zudem das Terrain, auf dem linke Kritik agieren muss. "Ein wirklich wissenschaftlicher Sozialismus für die Gegenwart hätte mit Marx soviel und sowenig zu tun wie die gegenwärtige Physik mit den Funden Maxwells und die gegenwärtige Biologie mit denen Darwins. Eine ganze Menge also, aber eben jeweils im überprüften (und immer neu zu prüfenden) Anwendungsbereich." (78) Der Kapitalismus, den Marx beschrieb, ist zwar im Kern derselbe geblieben, aber um Phänomene wie eben jene für das 19. Jh. kaum absehbare Technisierung erweitert worden - so wie die von Maxwell richtig formulierten Gesetze der Elektrodynamik sich als zu eng erwiesen und, als die Konstanz der Lichtgeschwindigkeit entdeckt wurde, von Einstein zur Relativitätstheorie erweitert werden mussten.
Diesen Schritt versucht Dath, indem er für eine demokratisch geplante, sozialistische Wirtschaftsordnung auf der technischen Höhe der Zeit plädiert. Darauf, wie diese genau funktionieren könnte, legt er sich allerdings nicht fest. Einerseits präsentiert er Überlegungen von Paul Cockshott und Allin Cottrell, die auch Heinz Dieterich in Der Sozialismus des 21. Jahrhunderts (2006) aufgegriffen hat. Mit Hilfe heutiger Supercomputer, so ihre These, könnte gelingen, woran der bürokratische Sowjetsozialismus gescheitert ist: Güterbedarf und Arbeitskosten einer umfassend vernetzten Ökonomie fast in Echtzeit zu berechnen, um daraus zu bestimmen, was tatsächlich produziert werden muss. "Das ist viel schneller als das, was eine kapitalistische Marktwirtschaft je erreichen kann, und schnell genug für alle praktischen Belange", zitiert er Cockshott und Cottrell (46). Andererseits macht er sich über diesen "Rechnermessianismus" (47) lustig, um dann die Gegner dieses "exakten linken Instrumentalismus" (48) ebenfalls abzuwatschen. "Nutzung ist nicht Missbrauch" (49), hält Dath denjenigen entgegen, die nützliche Technologien deswegen ablehnen, weil Tyrannen sie sich aneignen könnten. Denn: "Das einzige, was den Umschlag von Produktivkraftfortschritten in beschleunigte Zerstörung und Entrechtung verhindern kann, ist Freiheit" (50) - und nicht die technische Möglichkeit per se.
Auf die Frage, wie diese Freiheit erlangt werden müsste, greift Dath auf Lenin zurück: Ohne eine Partei aus Berufsrevolutionären könne der Systemwechsel nicht gelingen. "Wenn mein Ziel ist, die Besitzlosen zu befreien und die Geschichte planbar zu machen, dann muss ich mir darüber klar sein, dass diese Besitzlosen nicht irgendwann nach Feierabend das bestehende System sprengen können." (91) Kritik daran sichert er ab, indem er die Institution der Partei zu einem politischen Fortschritt der Moderne erklärt, in der sich analog zur Entwicklung von Kunst und Wissenschaft der Moderne die "Idee eines weltgerichteten Formalismus" (90) zeige. "Die Behauptung, dass die Idee der Freistellung und Abordnung von geschulten Leuten zum Zweck der Erkämpfung politischer Ziele sich mit dem Debakel des Ostblocks erledigt habe, gleicht einer Kunstkritik, die aus der Tatsache, dass es schlechte moderne Malerei und miese moderne Lyrik gibt, ableiten wollte, dass nichts über den röhrenden Hirsch oder den Knittelvers hinausgehen soll. Wirksame Mittel sind erfunden. Sie aufzugeben kann kein Fortschritt sein." (93)
Da ist es nur folgerichtig, dass Dath die Anarchisten, explizit Murray Bookchin, als überholt abtut. Auch die neuen "Multitude-Theoretiker" (91) des Postoperaismus, die sich mit dem Gedanken einer organisierten politischen Avantgarde ebenfalls nicht anfreunden können, findet er unerheblich, weil von Lenin ja lange vorher widerlegt. Angesichts seiner sich durch das Buch ziehenden Bezüge auf die Entwicklung der Naturwissenschaften ist diese Absage allerdings etwas erstaunlich. Denn an anderer Stelle erwähnt er die dritte theoretische Revolution der Physik des 20. Jahrhunderts, über die in diesem Zusammenhang nachzudenken wäre: die nichtlineare Thermodynamik, in der Öffentlichkeit besser als Chaostheorie und Theorie komplexer Systeme bekannt. Komplexe, also hinreichend große Systeme, deren Teile vielfach miteinander in Wechselwirkung stehen, können abrupt von einem Ordnungszustand in einen anderen kippen - und zwar aufgrund kleinster Störungen. Dath sieht hier eine ausschließlich negative Analogie zu geschichtlichen Umschwüngen: Aus solchen kleinsten Störungen, "also zufälligen Gelände-, Klima-, Waffen- oder Produktivkraftvorsprüngen sind alle sozialen Unrechtserscheinungen entstanden" (34). Dass es auch andersherum gehen könnte, kommt ihm nicht in den Sinn.
Wie die Linke nun Technik selbst produktiv machen könnte, bleibt ebenso nebulös wie die Bestimmung, was Technik ist: "Etwas Soziales: das in gesellschaftlicher Praxis gesetzte Verhältnis von Freiheit und Notwendigkeit, von Zweck und Mittel, in der Produktion und Reproduktion gesellschaftlichen Lebens." (83) Da aber die Kapitalisten die Zwecke setzten und die Zwecke von der Vermehrung des Kapitals bestimmt seien, sei es um den "Fortschritt von Wohlfahrt, Wissen und Können aller" schlecht bestellt (83).
Dath geißelt zwar zu Recht die kapitalistische Aneignung von Wissen in Form von Patenten, abgestützt durch das internationale TRIPS-Abkommen zum Schutz geistigen Eigentums. Auch ist nicht von der Hand zu weisen, dass der produktive Einsatz von Biound Informationstechnik hohe Hürden hat, was ihn zu dem Fazit bringt: "Die Konzentration des Kapitals, die ausdifferenzierte Arbeitsteilung, die nötigen technischen Vorrichtungen machen jede Einzelinitiative, wenn sie nicht in gigantische Auffang- und Nährstrukturen eingebunden ist, zur hoffnungslos überlebten Pfiffigkeit aus Opas Tagen." (113) Dies gilt aber nur für den Status Quo und lässt technologische Optionen, die seit einigen Jahren in Umrissen erkennbar werden, außer Acht.
Da ist zum einen die Bewegung des ›offenen Wissens‹, bei der der Quellcode von Programmen über spezielle Lizenzen frei zugänglich gemacht und damit monopolistischen Abschließungsversuchen entzogen wird. Dieses Konzept wird inzwischen in geringerem Maß auch beim Konstruktionsdesign von Computerchips, Automobilen, Roboterbauteilen oder biotechnischen Erzeugnissen angewandt. Dath nimmt diese Bewegung wahr, sieht sie aber mit Bezug auf Peter Drahos und John Braithwaite durch "Informationsfeudalismus" (22) bedroht. Zum anderen bahnen sich Veränderungen bei den Produktionsverfahren der "nötigen technischen Vorrichtungen" selbst an: Rapid-Prototyping-Verfahren lassen eine dezentrale Produktion von Elektronik, Maschinenteilen oder Energiesystemen ohne den bislang erforderten enormen Kapitaleinsatz denkbar erscheinen. Dass diese Entwicklungen ein für den bisherigen Industriekapitalismus disruptives Potenzial entfalten werden, ist zwar nicht ausgemacht. Es würde aber lohnen zu analysieren, welche strategischen Konzepte sich für neue Produktionsverhältnisse daraus gewinnen ließen. So weit geht Dath nicht. Stattdessen fordert er: "Zerschlagt die Apparate, aber schützt die Bauanleitungen." (81) Diese Rage hält er dann doch nicht durch und schließt mit der Parole: "Die Menschen müssen ihre Maschinen befreien, damit die sich revanchieren können." (131) Sollte dieser Satz in der Linken nachhallen und neue Überlegungen anstoßen, hätte Dath viel erreicht.
Niels Boeing

Quelle: Das Argument, 50. Jahrgang, 2008, S. 416-418

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