Joachim Becker, Karen Imhof, Johannes Jäger u. Cornelia Staritz, Kapitalistische Entwicklung in Nord und Süd. Handel. Geld. Arbeit. Staat. Wien 2007. 300 S.

Kapitalistische Entwicklung ist ungleiche Entwicklung mit dem Zwang zur Akkumulation bis hin zum verwertungsorientierten Umgang mit der Natur (7). Im Zentrum der Analyse steht die Achse der ›Intra- vs. Extraversion‹ des Kapitals bzw. der Binnen- oder Außenorientierung der Akkumulation. Luis Bértola geht in einer vergleichenden Darstellung auf die Entwicklung Lateinamerikas während der ersten und zweiten Globalisierung Ende des 19. und Anfang des 20. Jh. ein und geht dabei auch der Frage nach, warum Exportwachstum die Tendenzen zur ungleichen Entwicklung nicht verhindern konnte. Diese neue Welle der Ungleichheit, Marginalisierung und Exklusion, die die Gesellschaften Lateinamerikas charakterisieren sowie die fehlende Dynamik des Systems, führt Bértola auf das Ausbleiben einer differenzierten Produktionsstruktur und die strukturelle Dualität und Heterogenität des lateinamerikanischen Exportwachstums zurück (vgl. 86).
Oliver Schwank diskutiert ›Chancen und Gefahren‹ einer Weltmarktöffnung für Entwicklungsökonomien. Notwendig sei, eine selektive Öffnung mit einem selektiven Schutz zu verbinden, angepasst an und eingebettet in eine breitere Wachstums- und Entwicklungsstrategie (104). Karin Fischer und Christof Parnreiter thematisieren die Problematik der staatszentrierten Analyse von Entwicklungsökonomien. Alternativ analysieren sie globale Warenketten und Produktionsnetzwerke, um so die Verwobenheit der Ebenen der Weltökonomie und ihre Bedeutung für Entwicklungsökonomien darzustellen und die traditionelle Raumblindheit der Entwicklungstheorie zu überwinden. Für wirksame Maßnahmen gegen allzu ausbeuterische Unternehmenspraktiken sowie für Strategien zur Realisierung eines höheren Mehrwerts an den Orten der Produktion braucht es Kenntnis darüber, wie globale Güterketten funktionieren. Die Eingriffsmöglichkeiten sind Verf. zufolge allerdings begrenzt (vgl. 118f). - Die Bewegungen der Direktinvestitionen sind dabei nur Ausdruck der ungleichen Entwicklung des Kapitalismus (137), stellt Christian Zeller fest und gibt zu bedenken, dass räumliche Ungleichheit und ungleiche Beziehungen immer wieder neu hergestellt werden (137).
Karin Küblböck und Cornelia Staritz stellen alternative Ansätze zum Umgang mit Verschuldung vor, z.B. die Berücksichtigung der "Schuldentragfähigkeit", d.h. die ökonomische, soziale und ökologische Dimension der Tragfähigkeit der Schulden (179f). Ein anderer Ansatz ist der eines internationalen Insolvenzverfahrens, eines transparent zu gestaltenden Verfahrens, in das sowohl Gläubiger als auch Schuldner (inkl. Zivilgesellschaft) einbezogen werden und bei dem für die Bestimmung des zukünftigen Schuldendienstes insbesondere den Entwicklungserfordernissen des Schuldnerlandes Rechnung getragen werden soll (180). Eine nachhaltige Lösung wäre nur erreicht, wenn der externe Finanzierungsbedarf der Schuldnerländer drastisch zurückgeht (181). Karen Imhof und Johannes Jäger untersuchen die Bedeutung der Geldordnung für die Weltökonomie und gehen der Frage nach, warum es historisch zu Brüchen im monetären Regime kommt und welche Bedeutung diese Veränderungen für die Entwicklungsländer haben. Dabei zeigt sich, dass die monetäre Souveränität eines Landes in engem Zusammenhang mit der ökonomischen Grundstruktur steht, die sich in Richtung einer stärker abhängigen und außenorientierten Eingliederung der peripheren Ökonomien verschoben hat. Insofern gelte es, kollektiv Einfluss auf die globalen Regeln und Spielräume auszuüben, um Außenabhängigkeit zu reduzieren (155).
Die neoliberale Globalisierung hat nicht nur in peripheren Staaten zur massiven Absenkung der Lohnquote geführt, so Özlem Onaran. Dagegen schlägt sie vor, einen alternativen wirtschaftspolitischen Rahmen zu entwickeln, der u.a. Finanzmarktregulierungen auf nationaler und internationaler Ebene, Arbeitsmarktregulierungen sowie eine fundamentale Restrukturierung oder Streichung der Schulden der Entwicklungsländer beinhaltet (204). Die Entwicklung des Verhältnisses von informeller und formeller Beschäftigung zeichnet Andrea Komlosy nach. Während vormals das formale Beschäftigungsverhältnis als Norm galt (zumindest in den Zentren und Semi-Peripherien), sind neue Selbständigkeit, die Prekarität von Leiharbeit, Geringfügigkeit und Befristung gesellschaftliche Normalität geworden. Das Verhältnis von ›typisch‹ und ›atypisch‹ verkehrt sich ins Gegenteil. Wer von der neuen Norm abweicht, kommt in Erklärungsnotstand: So verwandeln sich ehemalige soziale Rechte in der gesellschaftlichen Wahrnehmung in "Privilegien" (225).
Andreas Novy diskutiert Ansätze der Regionalökonomie am Beispiel Brasiliens und zeigt, wie die Entstehung einer Nationalökonomie aus unterschiedlichen Regionalökonomien hervorgehen kann. Dieter Boris arbeitet Unterschiede bei der Staatsbildung in den Metropolen und in der Peripherie heraus. Diese seien letztlich auf den unterschiedlichen Übergang von vorkapitalistischen Produktionsweisen und den damit verbunden Unterschied im Niveau der Binnenmarktbeziehungen zurückzuführen (245). Ulrich Brand verweist auf die unterschiedliche Bedeutung der Internationalisierung des Staates. Damit könne der Staatsbegriff vom Nationalstaat gelöst und gefragt werden, auf welchen räumlichen Ebenen und welchen Apparaten sich Kräfteverhältnisse materiell verdichten, wo die staatlichen Terrains von Auseinandersetzung und Kompromissbildung entstehen und inwiefern grundlegende Staatsfunktionen auf den unterschiedlichen Ebenen erbracht werden (266). - Joachim Becker zeigt, dass aus den Widersprüchen kapitalistischer Gesellschaften antikapitalistische Bewegungen entstehen, denen es zuweilen gelingt, alternative Wirtschaftsmodelle zu entwickeln. Er bezieht sich insbesondere auf die wirtschaftlichen Experimente mit sozialistischem Anspruch in der Sowjetunion und in Osteuropa und weist darauf hin, dass ein Bruch mit der kapitalistischen Ökonomie fast immer nur in Phasen einer außerordentlichen Schwächung des Weltmarktsystems erfolgreich war, speziell im Ausklang der beiden Weltkriege im 20. Jh. (280). Auch auf die Ursachen ihres Scheiterns und der problematischen Existenz eines Kapitalismus ohne Alternative weist er hin. Denn die Widersprüche kapitalistischer Entwicklung, die zu sozialistischen und anderen Gegenbewegungen geführt haben, bestehen weiter fort, haben sich nach dem Wegfall der Systemkonkurrenz sogar noch verschärft, da ohne das äußere Korrektiv sozialstaatliche Absicherungen leichter abgebaut werden konnten und Regierungen der (Semi-)Peripherie entwicklungspolitische Manövrierräume verloren (295). - Insgesamt zeigt sich eine differenzierte Sichtweise auf kapitalistische Entwicklung unter spezifischen räumlichen und historischen Gegebenheiten. Offen bleibt die in der Einleitung angesprochene Rolle der ›ökologischen Restriktion‹ für die Entwicklung von Ungleichheiten, der kein eigener Beitrag gewidmet ist.
Katharina Muhr

Quelle: Das Argument, 50. Jahrgang, 2008, S. 452-454

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