Leo Panitch u. Colin Leys (Hg.): Socialist Register 2007: Coming to terms with nature. London 2006. 363 S.

Das "Fehlen einer starken öko-sozialistischen Linken" und der damit zusammenhängende "Mangel an Kohärenz in öko-sozialistischer Theoriebildung" trugen nach Einschätzung der Hg. erheblich dazu bei, dass der vorliegende Band - in der 43-jährigen Geschichte des Socialist Register der erste ausschließlich der Umwelt gewidmete - "einer der am schwierigsten zusammenzustellenden" war (IX). Die 17 Aufsätze decken ein breites Themenspektrum ab, einige als übergreifende theoretische und politische Analysen, die Mehrzahl fokussiert auf einzelne Umweltmedien (z.B. Atmosphäre, Wasser, Boden), Sektoren (z.B. Energieversorgung, Landwirtschaft, Müll) und/oder Regionen (z.B. Afrika, China). So unterschiedlich dabei die theoretischen Zugänge sind (u.a. marxistische Ansätze, ecological economics), teilen alle neben der internationalistischen Perspektive das Anliegen, den Zusammenhang von erstens Umweltproblemen und Kapitalismus und zweitens ökologischen und sozialen Fragen herauszuarbeiten.
Neil Smith analysiert die in den 1980ern einsetzende neue Phase der "commodification " und "financialization" der Natur, die sich v.a. in der Einführung "neuer ›ökologischer Waren‹" (z.B. Emissionsrechte, wetland credits) - oftmals als Reaktion auf Umweltbewegungen - und biotechnologischen Produkten und Patenten (z.B. genetisch veränderte Organismen) manifestiere (17ff). Diese neue Qualität der kapitalistischen Naturverhältnisse versucht er - in Anlehnung an Begriffe der marxschen Arbeitstheorie - als Übergang von der "formellen zur reellen Subsumtion von Natur" (27) zu fassen. Das Kapital plündere dabei nicht mehr nur die vorgefundene Natur, sondern produziere zunehmend eine "inherently social nature"; im Zuge dieser "vertical integration of nature into capital" werde dieses allerdings auch "abhängiger von der Natur" (33).
Elmar Altvater fragt nach dem "Ende des Kapitalismus" sowohl von der Inputseite (fossile Ressourcen) als auch von der Outputseite (Klimawandel) her. Der dringend nötige Übergang zu erneuerbaren Energien werde aufgrund der "Kongruenz von sozialer Form, Technologie [und] ökonomischer Regulation" mit einer "solaren Revolution" einhergehen, die auch einen Übergang zu postkapitalistischen Verhältnissen beinhalte (54). Hier kann mit Daniel Buck eingewandt werden, dass das "Überleben des Kapitalismus" nicht von einem bestimmten "technological milieu or framework" oder von einer bestimmten "source of motive power" abhängt (65), sondern dass im Gegenteil die kapitalistische Produktionsweise nicht existieren kann, "ohne die Produktionsinstrumente [...] fort während zu revolutionieren" (Kommunistisches Manifest, zit. 63).
Ökologische Verteilungsfragen - in der Umweltbewegung der reicheren Länder oft ignoriert - ziehen sich durch viele der Aufsätze. Dale Wen und Minqi Li beobachten, dass die wachsenden Umweltprobleme in China oftmals durch bloße Verlagerung der verschmutzenden Industrien in ärmere Regionen ›gelöst‹ werden (142). Joan Martinez- Alier klassifiziert "ökologische Verteilungskonflikte" aus Sicht der ecological economics und setzt alternatives Vokabular (ecological debt, environmental justice, environmentalism of the poor) dazu in Beziehung, was er u.a. am Beispiel der "Kohlenstoffschuld" der reichen gegenüber den armen Ländern und lokaler Kämpfe gegen Ölextraktion ausführt (285ff). Achim Brunnengräber kritisiert den neoliberal-technokratischen Zuschnitt des Kyoto-Protokolls und fordert stattdessen, den Klimawandel als Teil einer "umfassenden sozial-ökologischen Krise" aufzufassen, um die Frage der Nord-Süd-Gerechtigkeit - wie in den 1980ern zu Beginn des Klimadiskurses - wieder oben auf die Agenda zu setzen (227). Jamie Peck untersucht, in ähnlicher Stoßrichtung wie Naomi Kleins "Katastrophen- Kapitalismus" (vgl. Argument 274/2008), die neoliberale Restrukturierung von New Orleans nach Hurrikan Katrina.
Heather Rogers problematisiert den Massenkonsum und analysiert die diskursiven Strategien der Verpackungsindustrie im "garbage capitalism" (231) der USA: Mit Kampagnen zur Reinhaltung der Umwelt nach dem Motto "Packages don't litter, people do" in den 1970ern und der Propagierung von Recycling seit den 1980ern förderte diese die Individualisierung des Müllproblems und wehrte sich erfolgreich gegen jegliche Reduktion der Produktion. Costas Panayotakis setzt sich lesenswert und kritisch mit James O'Connors "zweitem Widerspruch des Kapitalismus" zwischen Produktivkräften/Produktionsverhältnissen einerseits und Produktionsbedingungen andererseits auseinander - hinsichtlich letzterer betont O'Connor, dass diese "nicht als Waren produziert wurden" und unterscheidet in Anlehnung an Marx drei Typen: "external physical" (z.B. Böden, Klima), "personal" (z.B. Gesundheit und Fähigkeiten der Arbeitenden) und "communal, general" (z.B. Kommunikations- und Transportmittel) "production conditions" (255). Diesem fügt Panayotakis einen "dritten Widerspruch" hinzu, der darin bestehe, dass Konsumsteigerung ab einem bestimmten Wohlstandsniveau nicht zufriedener mache. Eine "drastische Revision konsumistischer Lebensstile" wäre folglich kein Opfer, sondern berge neben der ökologischen gar eine Chance auf "größeres menschliches Glück" (268f).
Henry Bernstein und Philipp Woodhouse entzaubern öko-lokalistische Utopien am Beispiel afrikanischer Savannen und zeigen, dass ›traditionelle‹ kleinbäuerliche Landwirtschaft ökologisch problematisch ist, solange etwa zu kleine Ackerflächen arme Menschen zur Bodenübernutzung treiben; den "Rückzug vom Markt" als vermeintliches und "populistisches Allheilmittel" beurteilen sie skeptisch, da er den Druck auf die natürlichen Ressourcen aufgrund der dann fehlenden zusätzlichen Einkommensquellen oftmals erhöhe (164f). Greg Albo kritisiert zu Recht die ›Small is beautiful‹-Parole einer ›radikalen Linken‹, die nur noch Industrialismus und Globalisierung anklagt, aber auf die Analyse von deren kapitalistischer Formbestimmtheit verzichtet. Er zeigt die Grenzen ökolokalistischer Ansätze auf und weist darauf hin, dass das Lokale zwar Ausgangspunkt für sozial-ökologische Kämpfe sein könne, eine supra-lokale Verknüpfung und Perspektive aber unabdingbar ist.
Michael Löwy umreißt in Abgrenzung zum "produktivistischen Sozialismus" Eckpunkte eines "Ökosozialismus", der u.a. eine "neue technologische Struktur der Produktivkräfte" erfordere, da diese nicht ›neutral‹ seien (294ff). Einstweilen stärke die sich verschärfende ökologische Krise die antikapitalistischen Kräfte, die wiederum die einzige Hoffnung seien, den "›zerstörerischen Fortschritt‹" aufzuhalten (307) - ganz im Sinne von Walter Benjamins Überlegung, ob Revolutionen statt "Lokomotive der Weltgeschichte" zu sein, nicht eher als "der Griff [...] nach der Notbremse" zu verstehen sind (GS I.3, 1232; zit. ebd.). Frieder Otto Wolf will aus dem Scheitern der deutschen GRÜNEN als Projekt emanzipatorischer Transformation lernen und sondiert - in Auseinandersetzung mit Joel Kovel und Stanley Aronowitz - Erfolgsbedingungen für ein neues öko-sozialistisches Parteiprojekt. Er empfiehlt, größtes Augenmerk auf "eco-socialist popular education [...] and self-education" zu legen (331).
Insgesamt liegt eine wertvolle und anregende Aufsatzsammlung vor, die viele wichtige Fragen stellt und zu beantworten versucht; dass dabei unterschiedliche Ansätze nebeneinander stehen, wirkt eher bereichernd als störend. Manche Aspekte wie etwa die Gefährdung der menschlichen Gesundheit (z.B. durch Epidemien oder Umweltgifte) oder der Verlust biologischer Vielfalt kommen zu kurz. Überzeugend wird jedoch deutlich gemacht, dass die "Bewahrung der Ökosphäre integraler Bestandteil jedes sozialistischen Projekts werden muss" (XII).
Oliver Walkenhorst

Quelle: Das Argument, 50. Jahrgang, 2008, S. 455-457

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